Der Besuch

Eingezwängte wie ich brauchen eine Liste, mit deren Hilfe sie sich durch die Mühen des Alltags kämpfen und die sie an der Wasseroberfläche hält.

Journalist sein ist eine beschwerliche Angelegenheit geworden, wenn du kein Star bist und dir die Herausgeber nicht mit Scheckbüchern und Kreditkarten nachjagen, um dich für eine niedergeschriebene Wortspende zu erwärmen. Verlage werden heutzutage von Consultern auf der Suche nach Einsparungspotenzialen zerzaust, Printmedien kämpfen einen Kampf der Entrechteten auf verlorenem Posten gegen das Internet. Und Chefredakteure verschließen ihre Herzen blumigen Geschichten immer gnadenloser, die in Schönheit erzählt werden wollen. Stattdessen herrscht das Kurze, Knackige und Halbwahre, das billig Hergestellte, unter dessen Knute journalistische Schreiber mit Anliegen heute eben leben müssen.

Menschen wie mich, die gerne ausschweifen und sprachliche Möglichkeiten verspielt handhaben würden, bringt das in eine Zwickmühle. Das Brot will verdient werden und das erlaubt prosaische Herangehensweisen an Stories eher nicht. Das macht dann vieles nur mehr halb so lustig.

Zartbesaitete frustriert so etwas. Also brauche ich eine Liste, auf der ich die angenehmen Seiten meines Jobs sorgfältig addiere, um sie mir in Augenblicken innerer Zerfressung vor Augen führen zu können. Damit ich weiß, warum ich mache, was ich mache. Und nicht wieder einen zehnfach besser bezahlten Job in der PR annehme.

Die Liste also.

Da steht zum Beispiel, dass ich als Journalist immer wieder einmal über das verführerische Grün fremder, schöner Golfplätze tänzeln darf, weil ich über sie zu schreiben habe. Dass ich das Display meines MacBooks öfters in feinsten Lobbies interessantester Hotels entflammen lassen kann, was mich immer glücklich macht, weil ich Lobbyist aus Passion bin. Dass ich spannende Menschen treffen darf, deren Größe – gar nicht so selten überraschenderweise auch deren Kleinheit – mich für mein eigenes Leben wachsen lässt. Und vor wenigen Tagen habe ich nun das Treffen mit einem auf diese Liste geschrieben, auf das ich mich freute, seit ich an der Wiener Uni in den 1980er-Jahren Publizistik studierte, damals immer wieder das Wirtschaftsmagazin „trend“ aufschlug und mir dachte:

Wenn ich einmal auch nur halb so gut schreiben kann wie der Chef dieses Blattes, und wenn ich jemals in diesem Magazin auch nur eine einzige von mir verfasste Zeile abgedruckt sehe, dann!

Dann würde ich es geschafft haben. Mittlerweile bin ich Mitglied der trend-Redaktion – nicht angestellt, sondern als Autor, was mir aber lieber ist, weil ich die Enge von Angestelltenverhältnissen nicht auszuhalten glaube. Und gerade als Schreiber beim trend dachte ich mir, wie passend wäre es doch einmal und wie gerne würde ich:

Helmut Gansterer treffen.

Den ehemaligen trend-Herausgeber, mittlerweile Autor, Essayist, Kunstsinniger sowieso, und auch sonst noch so einiges, jedenfalls aufgrund seines schreiberischen Universalkönnens von mir verehrt.

Seit ich die Tasten von Schreibmaschinen und Notebooks halbwegs einwandfrei treffe, bin ich der Ansicht: Niemand beherrscht das journalistische Erzählen von Geschichten auch nur annähernd so wie er. Könnte ich schreiben wie Gansterer, würde ich aufhören zu schreiben, weil ich meinen eigenen Texten nichts Besseres mehr nachzuliefern imstande wäre. Irgendwie war ich jedoch der Ansicht, zu einer Begegnung würde es nie kommen können, weil: wie auch.

Ich, der ich aus den Battlezones der Abtrünnigkeit in die Public Relations in den Journalismus zurückgekehrt bin und mit dem gut 15-jährigen Loch in meiner schreiberischen Entwicklung nie mehr zurecht kommen würde – und der großartige Medienschreiber. Da liegen Universen dazwischen, undurchschaubar, unüberwindbar. Und wissen Sie was? Ich wollte auch gar nie, dass es zu einem Treffen käme, weil ich mir ungern klein vorkomme. Ich neige in Bezug auf mein schreiberisches Können dramatisch zum Gefühl der Minderwertigkeit und würde mich schämen, dachte ich, einem wie Gansterer gegenüberzutreten. Wie sollte ich mit der berechtigten Verachtung umgehen, die mir entgegen schwappen würde? Wie die Peinlichkeit erklären, dass ein Unwürdiger wie ich zum Meister pilgert mit dem Begehr, schreiberische Belange zu bereden? Und so weiter.

Jedenfalls, wie gesagt: erledigt.

Ich besuchte Gansterer vergangenen Dienstag, weil ich für den bestseller, das im Manstein-Verlag erscheinende Wirtschaftsmagazin für die Kommunikationsbranche, ein kurzes Porträt zu verfassen hatte. Bei der Anfahrt nach Langenzersdorf, wo Gansterer pittoresk zwischen Donau und Bismaberg logiert, zitterte ich zwar ein wenig. Ich will offen lassen, ob es das Nervöse in mir oder die brutal harte Federung im Car2Go-Smart unter mir war, die mich über die Holperer der Donauuferautobahn prügelte. Ich mache es kurz: Es war ein freundliches Gespräch.

Gansterer nahm sich Zeit, war gütig, ließ mit keinem Zucken meine Unterlegenheit erkennen, kurz: Er tat das Seine, dass ich dieses Gespräch genießen konnte. Am Ende schenkte er mir sein jüngstes, handsigniertes Buch und fotografierte mich. Ich nehme an, er hält das mit jedem Gesprächspartner so – will mich selbst aber gerne glauben machen, dass es auch vornehmes Zeichen des Respekts gewesen sein könnte.

Ich erzähle Ihnen nicht viel über den Inhalt, sondern bitte Sie einfach um den Erwerb des nächsten bestseller, der am 23. Juni erscheint. In gut eineinhalb Stunden ließ sich jedenfalls manches bereden. Da waren Dinge dabei, die mich weiterbringen werden. Ich hielt brav still und hörte meistens zu, obwohl ich genug zum Mitreden gewusst hätte. Als es etwa um Marcel Proust ging, den ich verehre und bei der Lektüre dessen „In Swanns Welt“ ich mir als 17-Jähriger das allererste Mal gewünscht hatte, einmal auch gut schreiben zu können. Oder als kurz James Joyce zur Sprache kam, an dessen bevorzugten Plätzen ich mich seltsamerweise wohlfühle wie sonst kaum wo. In Triest zum Beispiel, wo er zwölf Jahre lang lebte. Oder am Rande Connemaras in Irlands wildem Westen, wo er genug Spuren hinterließ, dass die Iren dort eine ganze Region „Joyce´s Country“ tauften.

Ich will Ihnen von dem für mich tollen Termin, nach dessen Erledigung ich nun „Helmut Gansterer kennengelernt“ auf meine Motivationsliste schreiben kann, nur noch eines erzählen, weil: aha-Erlebnis für mich.

Ich schreibe nicht gerne zu Hause und ich hasse das Schreiben in der Redaktion. Wie gesagt schreibe ich am liebsten in Hotellobbies. Immer schon fragte ich mich, warum das so ist und ob ich wohl noch ganz dicht bin. Aber jetzt erzählte mir Gansterer, er selbst schreibe so gut wie nie zu Hause. Er schreibe bevorzugt an Theken stehend, in Hotels (!), auf Waldlichtungen, von Uferpromenaden auf Wasser blickend, und so weiter. Vor allem aber schreibe er in Bars, mit Menschen um sich herum, obwohl er dennoch ganz für sich sei. Er halte es da mit einem Satz des Wiener Literaten Alfred Polgar, den er für seine Befindlichkeit reklamieren könne:

Er gehöre „zu den Lächerlichen, die zum Alleinsein Gesellschaft brauchen“.

Ich: konsterniert. Denn das ist es. Plötzlich wußte ich es. Darum schreibe ich so gerne in Hotellobbies. Ich bin dort allein, aber um mich herum treibt das Leben seine Verrichtungen voran. Ich bin einer der Lächerlichen, die allein sind, das aber nicht ohne Gesellschaft sein können. Nicht nur beim Schreiben, überhaupt. Das ist die Erklärung für vieles. Ich muss das alles erst unter dieser neuen Erkenntnis durchdenken. Dieser eine Satz Polgars, der von endgültiger Schönheit und Weisheit ist, versteckt in den Tiefen seiner Einfachheit vermutlich noch so manches, das ich mir erst überlegen muss. Wir werden sehen. Vielleicht bin ich kitschig genug, Ihnen noch einmal in einem Blogpost zu berichten. Eher aber nicht.

Jedenfalls: Danke Job, dass du mich jetzt auch noch Helmut Gansterer kennenlernen ließest, dessen Schreibe ich bewundere, seit ich klar denken kann – was bei mir allerdings erst relativ spät der Fall war. Bin jetzt wieder motiviert für Monate der Mühen in der Tiefe des Alltags des heimischen Wirtschaftsjournalismus, der von Zwängen bevölkert ist wie die Lobby eines Touristenhotels auf Mallorca im August.

P.S.: Copyright Aufmacherfoto: René Prohaska

 

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