Sommer in Tripsdrill

Bildschirmfoto 2016-07-02 um 21.02.58Die inspirierendste Presseaussendung des Sommers kommt von den Tripsdrillern. Die kennen Sie ziemlich sicher nicht, womöglich wissen Sie gar nicht, wo die wohnen. Tripsdrill selbst beschreibt seine Verortung so und meint vermutlich, da kennen sich dann alle aus:

… im Weiler Treffentrill bei Cleebronn in Baden-Württemberg.

Ich bin ein steirischer Provinztölpel, verfüge also über so gut wie kein Wissen über den Weiher Treffentrill, auch Cleebronn ist mir kein Begriff. Baden-Württemberg schon – ist ja klar. Also weiß ich eh, wo ich die Tripsdriller treffen könnte, wenn ich wollte. Will ich aber nicht. Denn in ihrem Pressetext, dessen vollen Wortlaut ich Ihnen erspare, weil ich serviceorientiert denke und meine Leser nicht verstören möchte, wirbt Tripsdrill wie folgt:

Die sommerlichen Temperaturen sorgen für Glücksgefühle und damit das auch so bleibt, bietet sich ein Kurzurlaub in Tripsdrill bei Stuttgart geradezu an – freudestrahlende Gesichter inklusive.

Das ist nur fast so gut formuliert. Ich kenne Menschen, denen bereiten sommerliche Temperaturen keine Glücksgefühle. Denn nordischen Seelen ist die Hitze unseres Sommers zumeist einfach: zu heiß. Es ist also gewagt, so einen Satz in einen Pressetext zu schreiben, in dem man mit Urteilen ohnehin vorsichtig sein sollte. Mir jedenfalls, sorry liebe Tripsdriller, erscheint euer Ferienpark wenig verlockend. Auch klingt mir das Wort „Weiher“ zu sehr nach Stechmücken. Ich würde bei hochsommerlichen Temperaturen lieber irgendwohin fahren, wo es Schatten, eine über das Fassungsvermögen eines Weihers hinausgehende Menge Wasser und dazu Entspannung fern der Humptatatrallala-Fröhlichkeit gibt, wie Vergnügungsparkbesucher sie in der Regel praktizieren. Ein Erlebnispark mitten in der Einöde Baden Württembergs in der Sommerhitze zaubert mir kein freudestrahlendes Gesicht auf meine Schultern.

Daher, Tripsdrill: nichts für mich. Obwohl mir der Name sehr gut gefällt, auch Cleebronn ist schön. Aber ich werde das großzügige Angebot des freien Eintritts für berichtende Medienvertreter nicht nützen.

Ohnehin setze ich mich des Sommers neuerdings lieber ins soulredrote Summerfeeling-Auto und fahre übers Land, welches kühl ist, weil es meist zwischen Seen liegt und ein gesunder Luftzug mein dann tatsächlich freudestrahlendes Gesicht umtänzelt.

Zum Beispiel letzte Woche erst: Ich verließ Wien und besuchte P in Wulkaprodersorf, wo ich ihre Hunde A, M und E niederstreichelte, eine Flasche Wein ablieferte – P hatte Geburtstag – und dann über Landstraßen Richtung Graz weiterfuhr. Ich brauchte vier Stunden, weil das Mittelburgendland wundersam gebogene Routen bereithält. Es war super.

Bei Kobersdorf winkte ich drei alten Burgenländern zu, die auf einer Bank vor ihrem Haus die Rolle von Statler und Waldorf von den Muppets trainierten. Sie brabbelten etwas, soviel konnte ich erkennen, aber sie winkten nicht zurück. Bei Ungerbach umfuhr ich eine Sommerwiese, zwei Burgenländerinnen im für mich passenden Alter machten Heu, beide in wehenden Röcken und weißen Blusen über braungebrannten Schultern, wie aus einem Heimatfilm. Sehr sexy. Ich verlangsamte, drehte Louis Armstrongs „What a wonderful world“ bis zum Anschlag, winkte und sah so verwegen aus, wie ich nur konnte. Auch sie winkten nicht zurück. Die Schönere von beiden mag sogar ihren Zeigefinger an die Stirn geführt haben, meinte ich im Rückspiegel zu erkennen. Aber das kümmerte micht nicht, denn ich war glücklich. Im Soulredsummerfeeling-Auto ist das Leben eine einzige große Sonnenblume, fährst du doch permanent unter blauem Himmel und honigfarbenen Klängen beschwingt durch die Welt.

Bildschirmfoto 2016-07-02 um 20.54.07Auch gestern wieder. Ich habe ja derzeit dieses Ferienwohnungs-Dingsbums in Mondsee laufen. Die solltest du schon einmal besichtigen, bevor es ernst wird, dachte ich mir. Also fuhr ich hin. Bereits die Anfahrt, sage ich Ihnen. Ausseerland! Ich grüßte den Herrn Loser erstmals nicht mit verrenktem Hals durchs Seitenfenster, sondern erhobenen Hauptes per respektvollem Kopfnicken oben hinaus, weil ich den Hut des Wagens abgenommen hatte. Beim Vorbeifahren roch ich Altaussee, das ist ein guter Geruch. Ich schrie oben am Pötschenpass voll Enthusiasmus Hi Oberösterreich!, weil das die Heimat meiner Mutter war und ich als zum Leben in Wien gezwungener Grazer gerne im Gefühl verweile, zur Hälfte aus einem wirklich schönen Ort an einem wirklich schönen See zu stammen. An einem anderen See in unmittelbarer Nachbarschaft, dem Wolfgangsee, zwinkerte ich dem Weißen Rössl am Ufer gegenüber zu, während der MX-5 und ich vorbeiströmten, Sie sehen das oben im Bild.

Bildschirmfoto 2016-07-02 um 20.54.37Mondsee also, Mamas Kindheits-Zuhause. Ich saß auf der Terrasse des Ferienwohnungs-Dingsbumses, von der die Aussicht großartig ist, und sah vom Hilfberg hinunter auf den Yachtclub. Drüben in der Drachenwand suchte ich das Drachenloch, fand es aber nicht, weil ich geschockt war, denn das Ferienwohnungs-Dingsbums war superwinzig. Ich hatte auf etwas Größeres gehofft. Die Einrichtung: eine dramatische Mischung aus spätem Resopal und Eiche rustikal, Marke superschwer. Alles antik – aber bei weitem nicht antik genug, um wertvoll zu sein, ich würde schätzen: 1970er-Jahre. Ich erspare Ihnen Bildmaterial, denn wie gesagt, ich agiere serviceorientiert. Sie bräuchten Baldrian, würden Sie das sehen.

Ich auch. Aber ich habe ja stattdessen das soulredrote Summerfeeling-Auto. Also trabte ich zum MX-5, der geduldig in der Wiese neben dem Haus fläzte. Mach mich wieder froh, sagte ich zu ihm und streichelte sein Dach nach hinten. Der MX-5 weiß, was ich mag. Er brachte mich schnurstracks hinunter nach Mondsee, fuhr mich durch die schöne alte Baumallee, in der ich mich selbst wieder als Fünfjähriger an der Hand meiner Mutter zu den riesigen grünen Kronen hinaufstarrend sah, und transportierte mich zum Alpenseebad. An der Kassa konnte ich der deutschen Maid hinter der Ticketmaschine schon wieder ein Scherzchen zuwerfen. Die Deutschen kommen inzwischen allem Anschein nach in größerer Zahl als Gastarbeiter nach Österreich, was irgendwie Zeichen für eine aus den Fugen geratende Welt sein könnte. Mein Österreicher-Schmäh wirkte sofort und ich zahlte nur 2,30 Euro Eintritt. Ich sprang ins Wasser, durchpflügte den See meiner Ahnen mütterlicherseits, und dachte kurz an den Gasthof Blaue Traube am Hauptplatz, der meiner Familie gehören könnte, während er nun tatsächlich als Luxushotel im Besitz der Familie Piech ist. Aber das ist eine andere Geschichte, die hebe ich mir für einen späteren Blogpost auf. Vielleicht poste ich sie, wenn ich das Ferienwohnungs-Dingsbums einmal finalisiert haben werde.

Kurz gesagt: Als ich aus dem Wasser stieg, war ich wieder richtig gut drauf, der Spätes-Resopal-Schock Vergangenheit. Man kann das ja eh alles wegrenovieren. Der MX-5 setzte mich dann ein paar Kilometer weiter am südlichen Seeufer ab, ich jausnete im Schatten des tollen Schafberges, hielt die Zehen ins Mondseewasser und fuhr wieder heim. In Aussee stoppte ich und kaufte mir ein Eis. Während ich vor dem Supermarkt schleckte und leise ein Liedchen trällerte, spazierte ein alter Ausseer vorbei, selbstverständlich in Tracht, das gehört sich dort so. Neugierig beugte er sich übers Cockpit des offen am Asphalt kauernden Soulredsummerfeeling-Autos. Es mag ihm wohl gefallen haben, was er sah. Im Abgang tätschelte der Mann zärtlich die Flanke des MX-5, eine verstohlene Minigeste nur, aber ich sah sie. So hatte auch der Wagen seine Freude und trug mich durch den Sommerwind der Obersteiermark nach Graz. Es war ein guter Tag.

So verbringt man als stilbewusster Mensch seine Sommertage, liebe Tripsdriller. Nicht in Erlebnisparks. Wollte ich euch nur sagen.

Aufmacherbild: DigiGlobe Geo Basis DE/BKG und Google

 

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Ein Gedanke zu “Sommer in Tripsdrill

  1. So wunderschön geschrieben, mir war, als wäre ich dort – am Wolfgangsee wohlgemerkt! Und nicht im Trippsdriller Ferienpark… Dort möchte ich, um es mit Polly Adler zu sagen, nicht tot über dem Zaun hängen…

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