Die Verbündeten

Vorgestern und Gestern verbündeten sich und transportierten mir eine schöne Geschichte ins Heute. Und das ging so:

Fünf Jahre erzähle ich inzwischen für das Format und den trend Sachverhalte – doch nur selten gab es in dieser Zeit etwas wirklich Spannendes zu berichten, das meiste war immer bloß künstlich zum Pompösen aufmunitionierte Alltags-Langeweile. Aber diesmal! Hören Sie zu:

Sehr viel früher, also praktisch im Vorgestern, war mein schwer in die Jahre gekommener Vater Handballtrainer. Er versuchte nach Kräften, die Grazer Damen-Werksmannschaft von Waagner-Biró an ein akzeptables Spielniveau heranzuführen, was manchmal besser gelang, manchmal weniger gut. Der Sohn, also ich, spielte ebenfalls Handball – und zwar in der Regel weniger gut. In sehr seltenen Ausnahmefällen ging ich mit meinem bescheidenen Können dem Vater, immerhin einem seinerzeitigen Nationalspieler, bei seinen Trainings-Anstrengungen zur Hand. Für einen eher schüchternen 17-Jährigen war das ja klarerweise voll cool: Du bist da dann schon ein bissl freudig aufgeregt, wenn du in diesem Alter für eine halbe Stunde oder so mithelfen darfst, eine Frauenmannschaft zu trainieren – wenngleich nur sehr am Rande, meistens war das Einsammeln der Bälle mein Job. Es gab schließlich unter den Waagner-Biró-Damen immerhin ein paar, die in meinem Alter waren. Und wenn du deine pubertierende Jugend, so wie ich, als verklemmter Schüchti durchleben musst, dann freust du dich über jede Chance des sozialen Interagierens mit Gleichaltrigen des anderen Geschlechts. Vor allem, wenn die dir nicht auskönnen, weil sie vom Training klarerweise nicht so ohne weiteres abhauen dürfen.

Die Mädls und Ladies von Waagner-Biró hatten mich jedenfalls als verklemmten Trainer-Sohn natürlich nicht rasend ernst genommen, aber eh wurscht. Mit der Torfrau gab es ab und zu eine ordentliche Trainings-Session. S war in meinem Alter, ich war ganz gut im Werfen, sie ganz gut im Halten, das passte also.

Sehr zielstrebig sei sie immer gewesen, sagte mein Vater jüngst, als ich ihn an S erinnerte, weil – aber lesen Sie weiter … Was? Eine Wissenschafterin sei sie geworden, ehrlich?, fragte Papa. Anerkennendes Kopfnicken. Mein Vater sprach das nicht aus, aber ich wusste, er dachte es sich: „Passt sehr gut, denn S war schon immer recht klug.“

Soweit zum Vorgestern – also dem, was vor rund 35 Jahren passierte. Jetzt das Gestern – also vor ein paar Wochen.

Da lud mich ein Freund, auch er ein S, zur Einweihung seiner neuen Wiener Wohnung. Dabei trabte er, wohl mehr zum Spaß denn aus Ernst, mit folgendem Vorschlag an:

Mach doch einen Segelkurs am Neusiedler See, sagte S, ich hab das schon hinter mir, dann können wir irgendwann einmal ein bissl Boot fahren gehen.

S hat das vermutlich schon wieder vergessen, aber ich nicht. So etwas wächst in mir. Ich wollte ja bereits früher einmal Segelboot-Käptn werden, Sie können das hier nachlesen. Also nahm ich mir vor, mich demnächst einmal ans Meer der Wiener zu transportieren, um mich dort zu erkundigen, wie man die Sache denn angehen könnte, was sie kosten würde, und überhaupt. Dann war ich aber natürlich viel zu faul dazu.

Aber jetzt passen Sie auf.

Der Kollege O vom trend schrieb eine kleine Story über ein cooles Biotech-Startup, das irgendwas sehr Interessantes mit Algen macht. Ich glaube, diese Firma wird noch Revolutionäres zuwege bringen. Jedenfalls stach mir beim schnellen Durchblättern des neuen Heftes, als es mir frisch aus der Druckerei auf den Redschreibtisch flatterte, vor einigen Wochen auf dem Foto in O´s Geschichte eine recht fesche Blondine ins Auge. Ich bin ja auch nur ein Mann, also blätterte ich zurück und sah genauer hin.

Es war S, die Torfrau aus meiner Jugend, die ich seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen hatte. Sie war Biologin geworden und inzwischen COO von Ecoduna in Bruck an der Leitha, jenes Startup, von dem Sie wohl noch einiges zu hören bekommen werden, in näherer und fernerer Zukunft. Ich schickte ihr ein Mail, man verabredete sich zum Treffen an der Mole West. Weil S, so stellte sich heraus, in Weiden am Neusiedler See wohnt, wo es eine feine Segelschule gibt, konnte ich praktischerweise zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen – eine Jugendfreundin treffen und endlich die Sache mit meinem Segelkurs auf Schiene setzen. Oder auf Halse schippern oder auf Wende schwappen oder was weiß ich, wie man beim Segeln zu so etwas sagt.

Und jetzt Achtung, denn wir kommen endlich ins Heute und zur schönen Geschichte.

S also. Ich sage Ihnen, die ist womöglich die coolste Forscherin Österreichs. Sie hat mehr Studien absolviert als ich überhaupt kenne. Sie ist blitzgescheit. Sie hat Preise erhalten, wissenschaftliche Arbeiten publiziert, die halbe Welt bereist, einen Business-Plan-Wettbewerb gewonnen (obwohl sie nicht wollte) und auch sonst Dinge getan, da würden Sie mit den Ohren schlackeln, erzählte ich Ihnen davon. Entscheidend ist aber: S macht als Forscherin keine graue Wissenschaft, sondern richtig bunte Dinge. Und sie besitzt das für Forscher einzigartige Talent, Durchschnittmenschen wie mir, bei denen der gesunde Hausverstand in Sachen Intelligenz schon das Höchste der Gefühle ist, in aller Farbenpracht davon zu erzählen.

Wir saßen also in der wirklich formidablem Mole West am Neusiedler See, ich hatte meine Segelkurs-Erkundigungen eingeholt, tranken vor uns hin in Richtung Sonnenuntergang, und S erzählte mir. Von in allen möglichen Grüns schillernden Glasröhren voller Mikroalgen, von Stradivari-Violinen, von Safran-Sammlungen in aller Welt, von gesunkenen Zigarettenschmuggler-Schiffen vor Kreta und noch von vielem mehr. Ich, der ich ja eigentlich der professionelle Geschichtenerzähler von uns beiden gewesen wäre, saß ganz baff schweigend da und hörte zu.

Lassen Sie mich hier kurz einschieben, weil ich darauf recht stolz bin: Ich kann das gut. Zuhören, meine ich. Kürzlich lobte mich deswegen sogar der beste aller journalistischen Geschichtenerzähler des Landes. Ich hätte das mit dem Interviewen voll drauf, sagte er. Sollte der trend jemals wieder daran denken, junge Schreiber auszubilden, versprach Helmut Gansterer, werde er sich bei den beiden Chefreds dafür verwenden, mich als Unterweisenden zum Thema Interview-Technik vorzuschlagen. Nur falls Sie mir das nicht glauben: Ich habe mir das Mail, in welchem der Meister mir dieses schrieb, selbstverständlich aufgehoben.

Okay, zurück an die Mole West. Ich saß also da, hörte S zu und wusste in der Sekunde: Das, ganz genau das, ist erstens eine Geschichte für den trend! Eine schöne, poetische, interessante Geschichte. Und zweitens – aber ah, nein, das Zweitens verrate ich Ihnen nicht. Schauen wir einmal, was kommt.

Bildschirmfoto 2016-08-22 um 12.40.18Jedenfalls schrieb ich die trend-Geschichte nun tatsächlich, für welche die Chefreds mir allerdings viel zu wenig Platz einräumten – auf einer Doppelseite kannst du das Porträt einer Guten, Schönen und Gescheiten einfach nicht in aller gebührenden Poesie ausbreiten. Die Story ist also leider bei weitem nicht so versponnen geworden, wie ich das gerne gehabt hätte. Aber der geniale Fotograf M hat alles großartig in Szene gesetzt. Man sieht die pittoresken grünen Algen-Röhren, man sieht das Weizenmeer-Haar von S, man sieht eine Geige, man …

Ach, wissen Sie was? Kaufen Sie sich doch einfach den trend Premium, der kommenden Freitag erscheint. Zwei Bilder aus M´s Fotoserie zeige ich Ihnen hier schon jetzt, aber die Geschichte dazu müssen Sie dann im Heft nachlesen. Ich glaube, Sie werden´s mögen. S ist darin:

„Die Jägerin der kleinen Wunder“.

Mein Dank geht jedenfalls an Vorgestern und Gestern für das tolle Teamwork, das mir im Heute eine feine Story angeschwemmt hat, um in der feuchten Sprache der Segler zu bleiben, zu denen ich hoffentlich bald gehören werde. Und vielleicht sogar haben Gestern und Vorgestern mir ja den Ausstieg aus dem Heute und Umstieg ins Morgen aufgezeigt, wie ich ihn schon immer erledigen wollte. Aber das ist dann wirklich wieder eine ganz andere Geschichte.

 

P.S. – Copyright-Hinweis für beide Bilder, die Sie hier sehen: Mazohl / trend.

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