Times they are a changin´

Natürlich finde ich es gut, dass Bob Dylan den Literaturnobelpreis bekommen hat.

Der Lyrik wird von in den Strom der Zeit geglätteten Feuilletonisten, Kulturkritikern und Kunstkommentatoren ohnehin viel zu wenig Beachtung geschenkt. Und dass Songtetxte mitunter höchste literarische Qualität haben können und ihre Sprache gar nicht so selten wirklich 1A ist, geht leider oft unter. Weil halt viele immer noch glauben, Musik beschränkt ihre Macher automatisch auf das intellektuelle Niveau von Udo Jürgens, Peter Alexander oder Andreas Gabalier.

Aber: Songtexte sind in gar nicht so wenigen Fällen Literatur. Es gibt übrigens durchaus auch deutschsprachige Beispiele. Nehmen Sie sich etwa einmal in Ruhe einige Texte der großartigen Schreiberin Judith Holofernes von der Band „Wir sind Helden“ vor. Oder blenden Sie die Musik aus und achten Sie nur auf das, was Falco getextet hat. Dass Konstantin Wecker als Dichter beinahe mehr kann denn als Musiker, ist unter Kundigen ohnehin schon ein alter Hut. Und würfen wir unseren Blick ins Mundartige, würde unsere Aufmerksamkeit dort rasch von Schreibern wie Ernst Molden oder Günter Brödl gefesselt, der für den Ostbahn-Kurti getextet hat.

Doch dank des Nobelpreiskomitees haben wir es jetzt ohnehin endlich quasi amtlich: Songtexte sind Literatur.

Das frommt in einer Welt, in der das geschriebene Wort zusehends im Nirwana des Internet und in der geistigen Umnachtung einer Bildungspolitik versumpft, die glaubt, Naturwissenschaft ist alles und Geisteswissenschaft ist ihr Blinddarm, der halt irgendwie auch da ist, aber bloß als Muster ohne Wert.

So etwas hat traurige Folgen im Alltag. Zum Beispiel jene, dass Absolventen einer geisteswissenschaftlichen Studienrichtung länger arbeitslos sind und in ihren ersten Jobs nach dem Studium dann weniger verdienen als Technik-Absolventen. Dabei müssten die Personalchefs mit ein wenig Nachdenken eigentlich sehr schnell drauf kommen, dass humanistische Bildung ihrem Unternehmen – nimmt man alles nur in allem – auf Sicht mehr bringt als ein paar Techniker, die das Geschehen der Welt zwar tadellos in Anlenkpunkte und Drehmomente auflösen können – aber nicht kapieren, was die Menschen darin und damit dann machen, und warum.

Eine andere schlimme Folge der sinkenden Bedeutung von Literatur und Poesie für die Menschen sehe ich immer, wenn ich am Grazer Hauptplatz die schöne Fassade des Rathauses entlang schlendere: Bis vor wenigen Jahren war dort in einem Ecklokal noch die Buchhandlung „Pock“ untergebracht – in Graz so etwas wie eine Institution.

Denn sie war eine Buchhandlung, wie eine Buchhandlung sein muss: knarzende Fußböden, hohe und dunkle, prall gefüllte Regale, ruhige Atmosphäre, kompetentes Personal – wie man sich das halt alles so vorstellt, wenn es um Bücher geht. Dann jedoch schritt der herz-, schmerz- und erfolglose Grazer Bürgermeister Nagl ein und kündigte der Institution den Jahrzehnte alten Mietvertrag, weil der zu wenig Kohle in die Rathaus-Kassen spülte. Natürlich könnte man sagen, dass das einfach als sehr elegante und wohldurchdachte Kulturförderung der Stadt zu sehen gewesen wäre, als Investition in die Bildung ihrer Bürger. Doch fein ziselierte Gedankengänge sind Sache des schwarzen Haudrein-Stadtchefs eher nicht, der im Zivilberuf eine Art gepimpter Geschirr- und Hausratshändler ist. Also musste die Buchhandlung weichen, stattdessen ist jetzt eine Filiale der Red Bull World in den altehrwürdigen Räumlichkeiten untergebracht – und damit lautes Marketing-Rambazamba statt leiser Gedanken-Poesie.

Times, they are a changin´, würde der neue Literaturnobelpreisträger vermutlich dazu sagen.

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