Mein erster Tag in der neuen Welt

Sie kennen das sicher – manchmal wachst du am Morgen auf und weißt sofort: Ojeh.

Zum Beispiel heute. Das Telefon weckte mich zu einer Zeit, die für mich kurz nach Mitternacht ist. Für Sie vermutlich nicht, aber ich bin ja Journalist, wir sind da ein bissl anders gestrickt als der Rest des arbeitenden Österreichs: Wir schlafen morgens lange und halten abends lange durch. Jedenfalls hob ich gar nicht ab, denn ich wusste: Ruft um diese Zeit wer an, kann das nichts Gutes bedeuten.

Schlafen konnte ich nicht mehr, böse Vorahnung und so. Ich griff zum Handy. Normal mache ich das nicht, ich überlege sogar ernsthaft, mein Smartphone gegen ein altes Motorola-Klapptelefon zu tauschen, weil mich diese allgegenwärtige Notwendigkeit zur Permanent-Informiertheit ungesund rastlos und unorthodox ratlos werden lässt. Bluthochdruck zum Beispiel, frage nicht, in deinen 50ern musst du da schon ein bissl aufpassen. Aber an einem Tag, an dem frühmorgens feststeht, wer in den USA ins Weiße Haus gewählt wurde, ist der Griff zum Smartphone einfach exakt das, was du tun sollst, wenn du schon ignorant genug warst, die Nacht nicht vor dem TV-Gerät in trauter Zweisamkeit mit CNN zu verbringen: nachschauen, wer gewonnen hat.

Ich sah also nach und ich sah: Donald Trump.

Schrecksekunde. Ein paar Minuten lang.

Wir werden jetzt wohl schön langsam darüber nachdenken müssen, was wir tun können, um jene Schwäche des Systems Demokratie zu entschärfen, die es erlaubt, dass Verrückte an die Spitze von Staaten gewählt werden können. Beim Zähneputzen fiel mir dazu nichts ein außer der Überlegung, was das wohl bedeuten könnte, wenn sich die Österreicher am 4. Dezember genauso idiotisch verhalten wie die Amerikaner in der zu Ende gegangenen Nacht. Das war kein schöner Gedanke und ich verzichtete ausnahmsweise auf die Mundspülung. Ist eh schon wurscht, wenn alles bald den Bach runter geht, dachte ich, da kann dein Atem dann genauso gut auch nur halb so frisch sein.

Später in der U-Bahn läutete das Handy.

Ich bin auch hier very oldfashioned und führe in Gegenwart Unbeteiligter keine Telefonate. Schließlich wird meine eigene akustische Leidensfähigkeit regelmäßig schwer belastet, wenn ich in Bim, Bus und U-Bahn Greti, Käthi und Pleti dabei zuhören muss, wie sie ihren täglichen Lebens-Hausrat in Ordnung oder – viel öfter – in Unordnung bringen. Das muss ich nicht umgekehrt meinerseits anderen antun. Doch heute hob ich ab, weil: eh schon wurscht, wenn alles bald …

Dran war der Chefred. Wo bist du?, keuchte er ins Telefon. Ich konnte Anspannung in seiner Stimme hören. Eh klar. In einer Zeitungsredaktion sind sie immer ein paar Nuancen alerter, wenn sich Anzeichen am Horizont erkennen lassen, dass bald alles den Bach … Ich wusste jedenfalls, der Mann hat echt Stress heute, da gibt es kein Herumschisteln mit halblustigen Ausreden, wann du wo noch zu tun hast und deshalb erst dann und dann ans Keyboard deines Redschreibtisches hechten kannst. Schließlich war soeben Donald Trump zum US-Präsidenten gewählt worden. Das ist im Prinzip der größte anzunehmende Unfall für die zivilisierte Menschheit, den man sich vorstellen kann. Da musst du dem Chefred zu verstehen geben, dass du bereit bist. Ich ließ ihn daher gar nicht ausreden und sagte sofort:

Ich weiß, in zehn Minuten bin ich da.

Gut, antwortete der Chefred und legte auf.

Nicht, dass ich jetzt für das redaktionelle Fortkommen so unglaublich wichtig wäre, dass ohne mich nichts geht. Eher ganz im Gegenteil, ich bin in der trend-Redaktion mehr der siebte Zwerg links hinten. Aber an einem Tag, an dem ein Typ wie Trump US-Präsident wird und an dem noch dazu Redaktionsschluss ist, braucht der Chefred eines Wochenmagazins einfach alles, was er kriegen kann. Ich wusste, als ich im Waggon der U1 durch den Tunnel zwischen Stephansplatz und Schwedenplatz schlitterte, dass heute auch für mich kein leichter Tag sein würde. Denn wenn Trump US-Präsident wird, ist alles möglich. Und wenn dann in knapp einem Monat auch in Österreich der Präsident gewählt wird und einer wie Norbert Hofer zur Auswahl steht, dann ist für alle Journis, die nicht in rechtsradikalen Extremblättern oder im dumpfen Boulevard arbeiten, wirklich Feuer am Dach. Es würde genug zu tun geben, in den kommenden Stunden.

Prompt erhielt ich, frisch in der Redaktion angekommen und die Frühstücks-Apfeltasche noch unausgepackt im Sackerl, den Auftrag, folgende Fragestellung zu recherchieren: Kann die Kür Donald Trumps in Österreich Norbert Hofer helfen, es am 4. Dezember in die Hofburg zu schaffen?

Ich habe leider Bad News für Sie, liebe Blog-Leser: Sie kann. Nichts Genaues weiß zwar niemand nicht, aber der Reihe nach.

Bevor ich als Rechercheur noch aktiv werden konnte, schickte die langjährige Beraterin von Ex-Kanzler Wolfgang-Schüssel mir ein Mail. Heidi Glück ist eine echte Auskennerin im heimischen Politik-Dschungel und besitzt eine formidable Beratungsagentur, sie hatte sich ganz automatisch Gedanken zu meinem Thema gemacht. Und sie hat ein Bauchgefühl. Mehr dazu lesen Sie im nächsten trend, der am Freitag erscheint.

Dann rief ich Thomas Hofer an, der an seiner Namensgleicheit zum von mir natürlich überhaupt nicht geschätzten Präsidentschaftskandidaten der FPÖ wohl ein wenig leiden mag, Politik-Berater und 1A-Experte auch er. Schon am Klingeln hörte ich – der Mann ist in Übersee. Dieses sonore Gurgeln statt des österreichischen Piepens haben nur US-amerikansiche Telefongesellschaften. Eine verschlafen klingende Stimme meldete sich, ich vermute: Hofer hatte eine durchbeobachtete Wahlnacht hinter sich und wurde von mir gerade aus einem Nickerchen gerissen. Aber wie das mit den Filzmaiers und Glücks und Hajeks und Hofes eben so ist – die haben alle voll was drauf und sind in der Sekunde einsatzbereit. Auch Thomas Hofer glaubt irgendwie, dass – aber wie gesagt, bitte kaufen Sie sich den nächsten trend.

Dann Telefonat mit meinem präferierten Politik-Analysten, Sie können das hier nachlesen. Déja-vu: Ich hörte ein Klingeln, sonor wie eine glucksende Henne. Auch Peter Filzmaier befindet sich zur Zeit in Washington, wir handelten das Thema ausnahmsweise per SMS ab.

Ich will Sie jetzt nicht weiter mit dem Making of der US-Wahlberichterstattung des trend nerven. Es war jedenfalls einerseits ein anstrengender Tag für mich. Aber dann ist es umgekehrt ja auch wieder so, dass aufgrund personeller Knappheiten und generellen Ressourcenmangels der Alltag des Medienmachens hier in den vergangenen Jahren ein bissl unromantischer geworden ist. Da freust du dich dann schon, wenn dir irgendwann zwischendurch richtiger Journalismus passiert. Das war letztes Mal so, als damals rund um den Redaktionsschluss der Vatikan plötzlich Weißen Rauch aufsteigen ließ und ich wusste, der neue Papst ist auf der Welt. Kann mich noch gut erinnern, wie der letzte mit mir an diesem Abend noch in der Red anwesende schreibende Kollege A. und ich ins Layout marschierten und auf ziemlich lässige Weise sagten:

Alles stopp!

Für so etwas lebst du als Journalist. Trotzdem, dieser Tag heute: ein Drama. Denn ich fürchte, heute ist der erste Tag in einer neuen Welt, die keine schöne mehr ist. Trump frisch in Amerika, Órban längst in Ungarn, in Polen knallen sie auch schon seit einiger Zeit durch, Le Pen in Frankreich im finalen Kommen, die Briten vertschüssen sich und scheren sich um nichts mehr. Und ich will gar nicht daran denken, was in Österreich nach dem 4. Dezember los sein könnte. Dazu diese ganzen irren IS-Verrückten, die ja nicht einfach verschwinden, wenn sich ihr vertrotteltes Kalifat einmal in Luft aufgelöst hat. Die werden, vorzugsweise in Europa, munter weiter drauflos bomben und sprengen und morden. Unser geordnetes, friedliches, freundliches Leben, wie wir es kennen und es die vergangenen 50 Jahre genießen konnten, ist vorbei. Wir stehen vor einem Jahrzehnt (im guten Fall, im schlechten Fall vor einem viel längeren Zeitraum), in dem es ein bissl Chaos geben wird.

Auch, weil wir in zunehmendem Maß nicht mehr ganz dicht sind und daher Leute als unsere Anführer an die Spitze unserer Staaten wählen, die deutlich weniger edel sind, als sie es eigentlich sein sollten. Trump eben, nur zum Beispiel.

Ich bin jedenfalls pessimistisch. Aber ich glaube an das Glück, dass Intelligenz und Flexibilität im mentalen Sinn Überlebenshilfen sein können. Und ich weiß praktisch alle, die mir wichtig sind, als erstklassig ausgebildet und mobil im Denken. Wir werden das daher überstehen und mit dem Wahnsinn, der nun womöglich folgen wird, umgehen können. Treffen wird es eher jene, die Leute wie Trump oder Hofer wählen, die sind dann halt aber eh selbst schuld. Und auch, wenn sich vielleicht in den kommenden Jahren das meiste von dem ändern wird, was wir kennen und bisher als unverrückbar angesehen haben – wir können das als Chance nehmen, die Dinge wieder neu und besser zu machen.

Schon am 4. Dezember haben wir eine erste Gelegenheit dazu, uns als Österreicher ein wenig gegen den katastrophalen internationalen Lauf der Dinge zu stemmen. Indem wir nicht einen wählen, der Ähnliches vertritt wie dieser wirre nächste US-Präsident. Sondern indem wir Alexander Van der Bellen wählen, die einzige mögliche Wahl der Vernunft. Vielleicht kommen wir dann noch mit einem blauen Auge davon, was in diesem Zusammenhang ein recht blöd klingendes, unbeabsichtigtes Wortspiel ist. Jedenfalls, ich sprach heute auch noch mit Lothar Lockl, Van der Bellens Wahlkampfmanager. Er versicherte mir, dass man an der Kampagne seines Kandidaten nach der US-Wahl nun noch ein wenig in Richtung mehr Schärfe feilen wolle. Lassen Sie mich an dieser Stelle ein Zitat Lockls einfügen, das Sie auch im kommenden trend finden, Sneak Preview quasi.

Lockl sagt:

Wir werden klar machen, wo die Unterschiede zwischen Hofer und Van der Bellen liegen. Und wir werden den Leuten sagen: Es geht jetzt darum, ob es zu einer totalen Machtübernahme durch die FPÖ kommt, oder ob Van der Bellen sich durchsetzt.

Denken Sie vielleicht bei Gelegenheit einmal kurz nach, liebe Blog-Leser, welche der beiden Möglichkeiten Ihnen lieber ist. Und dann gehen Sie am 4. Dezember bitte wählen.

Außer natürlich, der neue Präsident der Vereinigten Staaten handhabt das mit den Codes für die Atomraketen ähnlich, wie er twittert. Dann geht wirklich bald alles den Bach runter. Und dann ist das alles eh wurscht.

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