Das Stockwerk der traurigen Frauen

Liebe Triestiner und Innen, ich bewundere eure schöne Stadt.

Wäre ich Minnesänger, würde ich die Strada Costiera in schmeichelnde Verse kleiden, den Molo Audace besingen, die großartigen Restaurants und Bars preisen, die Erhabenheit des Colle di San Giusto und die Grandezza der Piazza Unità d´Italia rühmen. Vor allem auch würde ich von der Wärme erzählen, die Stadt und Städter durch die Jahre Schriftstellern von außerhalb entgegen brachten, die hier eine Zeit lang zu Besuch waren, von Joyce über Goethe bis Rilke. Ich würde jede einzelne Triestiner Straße begehen, jede Piazza besuchen, jedes pittoreske Gebäude bestaunen und davon berichten. Und das Triestiner Meer schließlich würde ich lieben wie kein anderes Gewässer der Welt.

Nur euer Museum, liebe Triestiner und Innen! Nun ja. Euer Museum, das Revoltella, das ist ganz ehrlich gesagt ein Witz. Und zwar kein guter. So macht man das nicht, wenn man ein Museum macht.

Einfach nur ein Gebäude, wenngleich auch ein schönes, zum Museum der Darstellenden und Modernen Kunst zu erklären und es dann innen mit irgendwas zu befüllen, das halt gerade vorhanden ist – das ist sowas von uncool. Kultur, die man herzeigt, benötigt ein Konzept. Von einem Konzept jedoch ist das Revoltella ungefähr soweit entfernt wie Rilkes Duineser Elegien von den Geschichten der Micky Maus. Und damit das klar ist: Das Revoltella ist die Micky Maus. Durch die sechs Stockwerke zu schlendern, von denen nur selten alle auch wirklich zugänglich und mit Exponaten befüllt sind, ist eine Tour de Grusel, wenn man einen gewissen Anspruch verfolgt und künstlerisch tatsächlich Beeindruckendes sehen möchte.

Kurz: Das Revoltella kann man Besuchern der Stadt nicht empfehlen, es ist eine Enttäuschung. Man merkt das sofort, wenn man sich mit dem Lift ins sechste Stockwerk transportiert hat, von wo aus die Museumsleitung Besucher durch die Etagen nach unten schleust. Bei Etage vier ist derzeit Schluss, dann muss man wieder in den Lift und direkt in die Lobby hinunter – zumindest letztens war das so. Unten dann findet man auch – direkt neben dem lieblosen Shop, der so gut wie nichts Interessantes bietet – ein Transparent mit dem Hinweis, dass es eine App gibt, über die man sich akustische Beschreibungen der ausgestellten Exponate aufs Handy holen kann. Ich meine: Der Hinweis hängt neben dem Ausgang! Man bekommt ihn zu Gesicht, nachdem (!) man die Tour durchs Haus absolviert hat. Immerhin ist zum Download der App direkt neben dem Transparent eine ungefähr zwei Quadratmeter große Free-Wifi-Zone eingerichtet – für die man allerdings ein Passwort benötigt, das niemand kennt. Eine Nachfrage bei der braven Museumsangestellten im Shop gleich daneben zaubert der den traurigsten Blick ins Gesicht, den man sich vorstellen kann, und versetzt sie außerdem ein bissl in Hektik. Aufgeschreckt macht sie sich dann auf die Suche nach Kollegen, die das wissen könnten.

bildschirmfoto-2017-01-02-um-14-42-44Ich will Ihnen jetzt nicht von der Passwortsuche des halben Revoltella-Personals berichten (sie haben eins gefunden und bei einem von zwei Versuchen hat es auch tatsächlich funktioniert), denn entscheidend ist das mit dem traurigen Blick. Das ist nämlich konsistent und womöglich gibt es in diesem Haus ja doch so etwas wie ein konkludentes künstlerisches Gedankengebäude. Denn das ganze Stockwerk Nummer 5 ist – ob gewollt oder ungewollt, ich weiß es nicht – durchzogen von Bildern, auf denen man Frauen sieht, die auf die eine oder andere Weise verzweifelt dreinschauen. Der traurige Blick ist im Revoltella für Angehörige des weiblichen Geschlechts womöglich so etwas wie Corporate Behaviour – zumindest im fünften Stock und im Shop im Erdgeschoß

bildschirmfoto-2017-01-02-um-14-44-12Nicht unoriginell, das. Alte, junge, schöne, schiache, runzelige oder glattgeschminkte Frauen, verschwommen oder trennscharf gemalte – alle haben sie eine Verzweiflung im Blick, die einen frösteln lassen könnte. Die porträtierte Damenwelt aus den vergangenen Jahrhunderten – moderne Bilder gibt es im Revoltella nur wenige – hatte offensichtlich schwer zu kämpfen. Boshafterweise ließ der Kurator des Hauses neben einigen der traurigen Frauen auch Porträts von Männern ihrer Zeit aufhängen – und die blicken meist auf so unverfrorene Weise hartherzig, selbstgefällig, gnadenlos, streng und böse in die Welt, dass man eine Ahnung bekommt, was die Frauen nicht fröhlich sein ließ. Sie hatten es wohl richtig schwer, damals. Bestenfalls wurden sie mit den Jahren verbittert, was man in den Augen der Älteren auch sieht. Was man in den Augen der Jüngeren sieht, will gar nicht beschreiben. Schauen Sie sich ein paar der Gesichter selbst an.

bildschirmfoto-2017-01-02-um-14-49-20Das schönste Bild im Revoltella – beinahe bin ich geneigt zu sagen, das einzig schöne – zeigt eine Erstkommunion-Szene aus dem 19. Jahrhundert. Der Norweger Carl Frithjof Smith malte es und es präsentiert die gesamte Grausamkeit, zu der die Katholische Kirche wohl schon immer fähig war und fähig ist – in den Gesichtern der kleinen Mädchen. Auf eine Weise, die Gänsehaut macht. An diese hoffnungslose Verlassenheit im Blick der Gemalten, an den Schrecken in den Augen und an die ganze Ausweglosigkeit des Ausgeliefertseins, das damals für Mädchen furchtbar gewesen sein muss, werde ich mich ewig erinnern. Wahrscheinlich werde ich bildschirmfoto-2017-01-02-um-14-51-45sogar noch ein paarmal ins Revoltella gehen, um mir dieses eine Bild anzuschauen und mich vor der Vergangenheit zu fürchten.

Danach werde ich aber aus Gründen der Psychohygiene alles andere rechts und links liegen lassen, mich direkt von der fünften Etage, dem Stockwerk der traurigen Frauen des Revoltella, hinunter ins Erdgeschoß pfeilen. Dort frage ich die ebenfalls traurige Shop-Verkäuferin, die von Rechts wegen weiter oben Dienst tun müsste, damit sie nicht so auffällt, mit verkniffenem Blick ums Wifi-Passwort und setze damit eine kleine Maschinerie des Chaos und der Unruhe in Gang, damit ich nach dem Schrecken des fünften Stockwerks als boshafter Zuseher wieder ein bissl was zu lachen habe.

Liebe Triestiner und Innen, ganz ehrlich! Ihr müsst da echt was unternehmen, um euer Museum wieder freundlicher zu machen. Hängt schönere, künstlerisch wertvollere Bilder auf. Tauscht den Kurator. Verschiebt das Free-Wifi-Schild mit dem App-Hinweis vom Aus- zum Eingang. Vergrößert die Wlan-Zone und erlöst sie von Passwortzwängen. Bevölkert euer Haus mit fröhlichen Menschen statt des griesgrämigen Personals. Bestückt euren Museumsshop mit Dingen, die interessant sind und die man haben möchte. Tut was, damit euer Museum in die Gänge kommt.

 

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