Was für ein Tag

Ich verrate Ihnen was, liebe Blogleser und Innen: Heute ist ein super Tag. Dieser erste Donnerstag des neuen Jahres ist richtig großartig. Wenn das so weiter geht mit den 2017er-Donnerstagen, dann hollarödulijöh!

Nichts Dramatisches, nichts im Großen und Pompösen, sondern mehr im Stillen und Feinen. Aber das ist eh viel besser. Wir brauchen alle mehr Feinziseliertes im Leben, mehr emotional erfreuliche Momente im Kleinen.

Zunächst einmal: lang geschlafen. Ich lebe ja in der festen Überzeugung, dass Aufstehen vor 10 Uhr eine unnötige Fleißaufgabe gegen die Bedürfnisse jener Menschen ist, die das Wesentliche im Gesamtganzen erkannt haben. Ausnahme: Wenn es ums Sonnenaufganganschauen geht. Dann gilt das nicht, dann ist frühes Aufstehen eh gut. Noch mehr, wenn es ums Sonnenaufgangübermeereshorizontanschauen geht. Ansonsten gilt: Lange sollst du schlafen, wenn du kannst, lange sollst du danach aufs Meer schauen, wenn eines da ist, und dann wird alles, was an diesem Tag noch kommt, ganz automatisch gut. Oder so.

Egal, jedenfalls: Nach dem Aufstehen das Aufsmeerschauen vermisst, dafür aber gut gefrühstückt. Zu Hause zwar und alleine, wo doch Kaffeehausfrühstücken mit der Frau, die Gefährtin durch die Nacht war, viel besser ist, aber man kann nicht immer alles haben. Stattdessen las ich beim Kaffee in vollendeter Ruhe die neue Ausgabe der Zeit, das war auch super.

Dann: in die Stadt gegangen, und jetzt passen Sie auf.

Ich spazierte die Sporgasse hinunter zum Grazer Hauptplatz, das ist an sich schon recht kommod. Die Sporgasse ist sehr altvatrisch gepflastert, keine Spur von Asphalt oder Beton, sie hat nette kleine Geschäfte, dieser ganze Mall-Wahnsinn ist weit weg. Wie auf Kristallstückchen gehst über die kleinen Pflasterquader – auf portugiesisch Paralelipípedos, wie ich von meiner Port-Freundin E. weiß –, ein gutes Gefühl unter den Sohlen. Da hörte ich vor mir irgendwo links vorne  in der Menge ein Liedchen. An sich ist das nicht ungewöhnlich, denn an jener Stelle, wo Färber- und Sporgasse aufeinander treffen, sitzen öfters Punks oder Indies oder Roma oder Vertreter anderer Minderheiten und machen Musik. Ich mag dieses unreglementierte Musizieren. Sehr oft sind es Geigenklänge, manchmal Jazz, was auch immer. Ab und zu höre ich im Vorbeigehen dann ein bissl zu, werfe auch immer wieder einmal eine Münze ins Häferl, negiere die bösen Kommentare der konservativen umstehenden Musikantenstadl-Grazer und freue mich, dass ich nicht so kleinkariert wie die bin, sondern ein vergleichsweise weltoffener Mensch.

Heute aber spitzte ich sofort besonders die Ohren. Der junge Mann, den ich sah, konnte zwar überhaupt nicht singen und sein Gitarrespiel, nun ja, ich sage lieber nichts. Aber da war eine leise, ganz fantastische Melodie hinter den vielen falschen Tönen, und während ich sie noch herauszudestillieren versuchte, summte ich bereits mit. Das brach sich ganz automatisch seine Bahn vom Klaus-Hirn zu den Klaus-Stimmbändern: The Star of the County Down. Irish Trad. Irish Trad! In Graz. In der Sporgasse! Dass ich das noch erleben darf. War sofort glücklich und entleerte den gesamten Münzinhalt meiner Hosentasche in die Strickmütze, die der musikalisch völlig talentbefreite Punkie zu Füßen liegen hatte. Go ahead, man!, feuerte ich ihn an, aber in der Sekunde hörte er zu spielen auf. Hm. Doch: wurscht. Seither habe ich den Refrain im Kopf, und zwar die großartige Version der versponnenen Loreena McKennit. Das beschwingt mich richtig durch den Rest des Tages.

Dann traf ich zwei Migrationsforscher, die derzeit die Wohnung meiner Kindheit in Graz bewohnen. Sie Deutsche, er Russe, beide leben eigentlich in Nordirland, und vor kurzem haben sie einen Buben zur Welt gebracht, mit dem sie bald nach Belgien ziehen werden. Bunte Welt, kosmopolites Leben, so etwas mag ich sehr, mit solchen Leuten trinke ich gerne einen Nachmittagskaffee in der Stadt. Super Tag, heute.

Kein Wunder, dass ich, wieder zu Hause, einen echten Geistesblitz hatte.

Folgendes nämlich: Ich bin einer von denen, die gerne Campari Orange trinken. Ich weiß, das ist nicht rasend männlich. Schmeckt aber gut. Vor einer Woche in der Gran Malabar in Triest, eine meiner liebsten Bars in ganz Europa, verweigerten sie mir den Campari Orange, ihnen war irgendwie der Orangensaft ausgegangen oder was weiß ich. Ich nahm stattdessen einen Campari Soda mit einer Orangenscheibe drin. Schmeckte super. Das hielt ich dann meine ganze Triest-Woche so. Addio Campari Orange, buon giorno Campari Soda. Wieder zu Hause tat es mir ein bissl leid, dass ich in Graz keine richtig stimmige Bar weiß, zu der ein Campari Soda gut passen würde. Ich vertröstete mich auf Wien, wo ich in zwei Wochen oder so wieder sein werde.

Aber jetzt passen Sie auf. Es muss wohl dieses viele Aufsmeerschauen in letzter Zeit gewesen sein, das mir die gute Idee in den Kopf pflanzte, womöglich war es auch die Permanentpräsenz der Melodie von Star of the County Down, jedenfalls fiel es mir wie Schuppen vor den Augen: Du kannst doch einfach in den nächsten Supermarkt gehen, dir ein paar Fläschchen Campari Soda kaufen, dazu Orangen, die in Scheiben schneiden, ein passendes Glas suchen und dann bei dir zu Hause loslegen!

Natürlich werden Sie sich jetzt fragen: Und dafür braucht der stundenlanges Aufsmeerschauen oder ein inspirierendes Lied? Ich sag´s, wie es ist: Ja, brauche ich. Ich bin nämlich ein schlichtes Gemüt, ein steirischer Provinztölpel, der der großen weiten Welt chancenlos hinterher hechelt. Mir kommen die naheliegendsten Ideen nicht einfach so, ich brauche dazu Befeuerung. Aber ist doch egal, denn jetzt habe ich es ja eh geschnallt!

Setze mich jetzt dann gleich ins Auto, streame mir Loreena McKennit in die Lautsprecher, fahre zum Supermarkt und besorge das Nötige. Dann packe ich mich warm ein, platziere mich auf dem Balkon, trinke Campari Soda, stöpsle mir die iPhone-Kopfhörer mit Irish Trad ins Ohr, schaue auf den großen Innenhof des Häuser-Gevierts meiner Grazer Wohnung und bilde mir ein, ich sehe das Meer.

Was für ein Tag.

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