Der sizilianische Hund

Giancarlo war ein Hund unbekannter und undefinierbarer Rasse, lebte im Örtchen Cefalú auf Sizilien, und ich habe keine Ahnung, wie das Vieh in Wirklichkeit hieß. Ich taufte ihn vor gut 30 Jahren auf diesen Namen, weil mir nichts Besseres einfiel, ich war damals nämlich ein wenig geschockt. Folgende Geschichte:

Ostern, ich wollte dem kalten Märzfrühling umstandslos entfliehen. Was, 24 Stunden Zugfahrt? Morgen schon? Du spinnst, sagten ein paar meiner Freunde und Innen, als ich sie mit meiner Idee des kurzfristigen Vertschüssens nach Sizilien konfrontiert hatte. Ich habe übrigens auch heute noch den Eindruck, dass ich damals vielleicht partiell ein bissl die falschen Freunde hatte. Ich fuhr also alleine los. Mit den Geschichten von unterwegs will ich Sie nicht langweilen, meine frühen Wien-Palermo-Zugfahrten waren irgendwie alle ein bissl von Dramen verschiedenster Art begleitet. Einmal musste ich mir zum Beispiel die gesamte Zugnacht Neapel-Messina lang einen Gangsitz mit einer schwer übergewichtigen Nonne teilen. Ein anderes Mal konnte ich nur mit Mühe aus dem Abteil eines homosexuellen Sizilianers entkommen. Wieder ein anderes Mal wäre ich in und um die Vorhalle der Stazione Termini in Rom beinahe zweimal von zwei verschiedenen Römern in unterschiedlichen Angelegenheiten verprügelt worden und hatte mich außerdem von meiner damaligen Freundin getrennt, die mit mir unterwegs war – alles innerhalb von 45 Minuten. Doch das sind andere Geschichten für einen anderen Blogpost zu einem anderen Zeitpunkt. Heute ist Giancarlo dran.

Ich war gegen Mittag nach über einem Tag im Zug in Cefalú angekommen, hatte meinen erschöpften Studentenkörper samt Tramperrucksack an den nächstbesten Strand transportiert, war ermattet zusammengesunken und ließ in meinem Hirn die Fragen „Gleich ins Wasser?“ und „Erst schlafen?“ gegeneinander antreten. Ein ungleicher Kampf, denn bei mir ist ja das Meer alles und sonst ist alles nichts. Ich trieb also bald darauf auf dem Rücken, ließ die Wellen des südlichen Mittelmeeres über mir zusammen schwappen, tauchte mein damals noch stattlich behaartes Köpflein genussvoll immer wieder unter, und sah dann von draußen plötzlich am Strand: eine Betonterrasse im Rohzustand. Irgendwer beabsichtigte wohl, hier demnächst ein Restaurant zu bauen, und hatte mit der künftigen Terrasse begonnen. Auf Betonstelzen thronte gut einen Meter über dem Sand eine 50-Quadratmeter-Fläche, darunter: ein idealer Platz zum Schlafen. Schatten in der selbst im späten März bereits heißen Mittagssonne ist auf der zweitcoolsten Insel Europas ein kostbares Gut.

Ich schwamm umstandslos an Land, wuchtete mich und den Rucksack unter den Rohbau, breitete mich aus und schlief so schnell und so seelig ein wie James Bond, nachdem er dreizehn russische Agentinnen gleichzeitig gevögelt hat. Es war unter dem Betondach so angenehm kühl, dass mir in meinen Träumen sogar ein wenig kalt wurde. Ich war damals ja ein erfahrener Tramper, also entrollte ich den an den Rucksack geknoteten Schlafsack, ohne dafür richtig aufwachen zu müssen, kuschelte mich hinein und träumte den Traum eines glücklichen Erwachsenenlebens, von dem ich damals überzeugt war, dass es vor mir liegen würde. Bis es zu regnen begann.

Zuerst bemerkte ich die Feuchtigkeit gar nicht richtig, aber dann schlich sie sich in meine Träume. Fette Tropfen auf der einen Wange, dicke Platscher auf der anderen. Schließlich rann mir das Regenwasser fast wie ein Sturzbach übers Gesicht. Sie kennen das: Wenn Sie im Halbschlaf sind und etwas aus der realen Welt sich in Ihre Träume einmischt, dann sind Sie nur zur Häfte fähig, die richtigen Schlüsse zu ziehen. Zur anderen Hälfte schaffen Sie es einfach nicht, aufzuwachen und zu tun, was zu tun ist. Daher brauchte ich länger, um zu realisieren, dass es regnet und dass ich jetzt besser wach werden und mich ins Trockene retten sollte.

Falls Sie, liebe Blog-Leser und Innen aufmerksam mitgedacht haben, werden Sie sich nun vielleicht denken:

Was hat der Typ? Was heißt, es regnet? Der liegt ja unter einer Rohterrasse aus Beton, Regen kann dem völlig egal sein. Wieso glaubt er, dass er nass wird?

Ich jedenfalls stellte diese Überlegungen nicht an, denn ich befand mich ja im Halbschlaf. Ich wusste nur: Es regnet, und ich werde nass, also: aufwachen! Geträumt, getan. Ich wachte auf. Ich öffnete die Augen und sah direkt in den furchteinflößenden Schlund eines wilden Hundes, der mir das Gesicht abschleckte. Kein schöner Anblick, sage ich ihnen. Giancarlo stank außerdem aus dem Maul, als hätte er gerade sämtlichen Unrat der Welt vertilgt. Und er sabberte, als gäbe es kein Morgen. Kein Wunder, dass mich das in meinen Träumen an Regenfälle wie in Indien zur Monsunzeit denken hatte lassen.

Ich will hier vorsorglich einschieben, damit Sie sich nicht länger als nötig nachträglich um mich ängstigen: Alles gut. Giancarlo war ein Streuner, ein Stinker, ein Sabberer – aber böse war er nicht. Der wollte nur spielen und hatte, als er mich da im Schatten liegen sah, vermutlich bloß den Gedanken gehabt: Stöckchen werfen! Stöckchen werfen! Keine Gefahr also. Aber das wusste ich ja nicht.

Ich sah nur ein weit aufgerissenes Maul fünf Zentimeter vor meinen Augen, blicke in ein wildes Gebiss aus Raubtierzähnen, spürte den Sabber über meine Wangen fließen und sich unten am Kinn sammeln und wusste in dieser ersten Sekunde das Wachwerdens, was echter Horror bedeutet. Ich stieß einen Schrei aus, so laut und spitz und schrill und furchterregend wie Madonnas Hey! in ihrer ersten Erfolgsnummer „Like a virgin“.

Das ließ wiederum Giancarlo erzittern. Er tat einen entsetzten Satz drei Meter nach hinten und eineinhalb Meter nach oben. Dabei stieß er an die Betondecke. Benommen blieb er kurz liegen. Diese zwei, drei Sekunden nutzte ich, um aufzuspringen und in Richtung Meer davon zu sprinten. Weil ich aber im Schlafsack steckte, fiel ich sofort wieder um. Strandsand und Hundeschlatze verbanden sich in meinem Gesicht zu einer klebrigen Lehmschicht, die mich in Panik versetzte. Ich riss am Reißverschluss des Schlafsacks, trat in der Enge seines Beinraums um mich, bis irgendwo die erste Naht platzte. Mit geschlossenen Augen und aufeinander gekniffenen Lippen, damit mir nur ja nichts von der widerlichen Hunde-Sand-Masse in irgendeine Öffnung im Gesicht rinnen konnte, schälte ich mich ins Freie. Ginacarlo hörte ich jaulen und winseln, sah ihn aber natürlich nicht. Ich nehme an, dass es weniger Schmerzgeheul wegen der Bekanntschaft mir der Betondecke war, sondern mehr Freudengewinsel wegen der Show, die ich ihm bot.

Ich stieß mir natürlich ebenfalls den Kopf am Beton, was mir aber egal war. Ich wollte nur ins Wasser, den Dreck abwaschen. Blind rannte ich die zehn Meter nach vorne, stieg unterwegs auf eine Krabbe, die mir so kräftig in die Zehe kniff, dass die danach eine halbe Stunde lang blutete wie das Herz eines Mafiabosses, wenn er in der Oper das Nessun Dorma aus Turandot hört. Vielleicht war es aber auch nur die messerscharfe Kante einer aufgesprungenen Muschel, was weiß ich. Als ich später Ausschau nach dem Teufelskrebstier hielt, nachdem die ganze Situation sich wieder beruhigt hatte und Ginacarlo und ich uns, friedlich nebeneinander sitzend, meine Jausen-Mortadella teilten, war die Krabbe jedenfalls nicht mehr zu finden. Aus Rache hätte ich sie gerne zu Suppe verkocht, aber es fand sich eben nur mehr eine Muschelhälfte im Sand.

Zuvor hatte ich mir im Meerwasser länger das Gesicht gewaschen, als jemals wieder im Leben davor und danach. Giancarlo saß die ganze Zeit in sicherer Entfernung, beobachtete das Treiben, ins Wasser wagte er sich aber nicht. Va fan culo, schnauzte ich ihn an, was ihn aber kalt ließ. Sizilianische Hunde bekommen vermutlich noch ganz andere Dinge zu hören, sowas lockt die nicht aus der Reserve. Und Giancarlo hatte mich zudem offensichtlich lieb gewonnen. Geduldig wartete er, bis ich wieder unter dem Terrassenrohbau Stellung bezogen und Wasser, Brot, Käse und Wurst aus dem Rucksack geholt hatte. Als ich Hand an die Mortadella legte, kam er sofort angetrabt. Gesittet und höflich nahm er einen halben Meter neben mir Platz und sah mich mit sizilianischen Hundeaugen auf eine Weise an, die mir klar machte, er wollte mir mitteilen: Davon will ich aber bitte schon was haben.

Bist du einverstanden, wenn ich dich Giancarlo taufe?, fragte ich den Hund und fügte hinzu: Dann sind wir nämlich Freunde und natürlich kriegst du dann was von der Mortadella.

Giancarlo warf den Kopf mit der Schnauze in einer schnellen, abgehackten Bewegung nach vorne und dann andeutungsweise nach oben, wie Hunde das eben so machen, und bellte kurz und hoch. Ein klares Ja. Ich warf ihm einen fetten Happen der noch fetteren Wurst hin, Giancarlo rückte an mich heran, ich streichelte das verzopfte Fell des Streuners. Zwei Tage blieb ich an diesem Strandabschnitt bei Cefalú, Giancarlo leistete mir die ganze Zeit Gesellschaft. Wenn ich einkaufen ging, bewachte er meinen Rucksack, ich brachte ihm dafür Wasser und Wurst. Und wenn ich schlief, legte er sich zu meinen Füßen hin und verzichtete tatsächlich darauf, mir im Schlaf das Gesicht zu lecken.

Es war ein guter Anfang meiner österlichen Sizilien-Woche.

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