Shakes the Barley

Ein weicher Wind durchkämmte den Weizen und ließ gelbe Wellen über das Land rollen.

Ich saß im Bus, Wange an Scheibe, und bestaunte die verhalten wandernden kleinen Hügel, wie sie die Wälder am Horizont ansteuerten. Norfolk im Spätsommer war wunderbar, die Grafschaft im versponnenen Ostzipfel der britischen Midlands, gegenüber der Küste der Niederlande, in der nicht umsonst die Queen regelmäßig einen ihrer Landsitze zu frequentieren pflegt, empfängt ihre Besucher mit einer ruralen Fröhlichkeit und Gelassenheit, die diese ihr Leben gleich einmal um zwei Gänge herunter schalten lässt. Norfolk macht dich langsam, und das ist gut. Gibst du dir außerdem noch die Mühe, das freundliche Geschehen um dich mit Muße zu konsumieren, wirst du schnell ein glücklicherer Mensch. Dann begegnen dir Erlebnisse, von denen du Jahre zehren kannst.

Mein Erlebnis war der Weizen, er ließ mir nämlich den ersten Satz dieses Blogposts einfallen und ich nahm mir vor: Irgendwann, wenn es einmal passt, schreibe ich den irgendwo, irgendwie, auf. Das war 2014, danach passte es aber jahrelang eben nicht. Also lag der Satz brach. Aber ich will in diesem Jahr ja der Poesie mehr Platz in meinem Alltag einräumen, wie ich Ihnen, rather kitschig, in einem Blogpost bereits am Beginn des Jahres vermittelte, was mir jedoch vorderhand nur höchst rudimentär gelingt.

Doch wie das halt so ist bei honorigen Vorsätzen. Wenn du die fasst, belohnt dich das Leben. Dann kommt automatisch eines zum anderen und wenn du sie ein bissl aus den Augen verlierst, rückt sie automatisch das Universum wieder für dich ins rechte Licht. Für mich hieß das: Es kam der vergangene Mittwoch.

Ich saß in der Wiener Stadthalle F, schwankte zwischen Enthusiasmus und Verzweiflung, weil sich die großartige Musik der Kanadierin Loreena McKennitt mit einer schwülstig-kitschigen Bühnenchoreografie zu einer Teamarbeit mixte, die nicht leicht zu ertragen war. Ich wußte nicht: Sollte ich jetzt glücklich sein? Weil: irische Musik, melodiös as paradise, ein wunderbares Cello, McKennitts Engelsstimme – für einen wie mich eine Kombi, die mich normalerweise sofort alles liegen und stehen, aufspringen und ein Aer-Lingus-Ticket zum Zwecke der unmittelbaren Verfrachtung meines Körper nach Irland kaufen lässt. Oder sollte ich doch lieber der Verzweiflung nachgeben? Weil die fünf verdammten siebenarmigen Elektro-Kerzenleuchter im Hintergrund, dieses idiotische violette Kunstlicht und die banalen Geschichtchen, die McKennitt zwischendurch erzählte, während ich auf das Rezitieren von Yeats-Gedichten gehofft hatte, wirklich der Gipfel des Banalkitsches waren.

Es schüttelte mich durch vor Zerrissenheit, wo ich an diesem Abend doch so gerne den total entrückten Iren gegeben hätte.

Dann jedoch kam das Lied, dessen Titel ich schon von einem großartigen, traurigen und alle Iren ziemlich nachdenklich machenden Film kannte:

The Wind that shakes the Barley.

Loreena hat daraus eine verzauberte Nummer gemacht, eine der schönsten akustischen Begebenheiten, die es gibt. Sie erzählt, wie könnte das anders sein, vom irischen Bürgerkrieg aus dem frühen 20. Jahrhundert, vom Easter Rising, von Verlust und von Liebe, von Trauer – alles da, was aus Irland Irland macht.

Zuerst sah ich natürlich sofort vor mir, was ich an Irland mag: die traurig-fröhlichen Menschen, das viele Drama, die Verlassenheit und Einsamkeit, die tiefe Verzweiflung aller über alles und das trotzdem vorhandene ganz große Glück der grünen Insel. Dann kam der erste Refrain, … and a soft wind shook the barley …, und sofort war Norfolks Weizen da.

Ich wusste, jetzt gehst du dann nach Hause, und sobald du Zeit hast, schreibst du über dieses Konzert einen Blogpost, preist und rühmst und lobst darin dieses schöne Lied mit seinem wunderbaren Text und einem der schönsten Titel ever, und das beginnst du mit deinem Satz von damals aus Norfolk. Dann kannst du endlich diesen offenen Loop schließen, und vielleicht finden sich sogar ein paar Blog-Leser und Innen, die das mögen und sich außerdem darüber freuen, dass du ihnen dieses Lied zur Kenntnis gebracht hast, von dessen Existenz sie sonst womöglich nie erfahren hätten.

Mission accomplished. Good Craic to all of you!

P.S. Ich weiß natürlich, dass „barley“ eigentlich Gerste bedeutet, und nicht Weizen. Aber: völlig unerheblich. Beides sieht fast gleich aus, beides wogt ähnlich.

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s