Bluesummerskiescar

Jetzt bin ich ratlos.

Ich tauschte zu Testzwecken vor einigen Tagen mein Souleredsummerfeelingauto von Mazda gegen das Bluesummerskiescar von Fiat. Schön langsam entwickelt sich das zu einer netten Tradition – im Mai 2016 zwei Wochen Probefahren des roten MX-5 für ein Geschichtchen auf der famosen Web-Plattform www.herold.at, und beinahe exakt ein Jahr später nun dasselbe mit dem 124 Spider, diesmal für eine trend-Geschichte. Wir haben es hier ja an sich mit ein und demselben Auto zu tun, MX-5 und Spider sind so etwas wie zweieiige Zwillinge. Fiat borgt sich Aufhängung, Technik und Chassis von Mazda, nur den Motor und das Blechkleid steuert man selbst bei und fügt dem kleinen, spaßigen Mazda designmäßig noch einen Schuss Italianità hinzu, was gar nicht schlecht ist.

Ergebnis jedenfalls: Obwohl Brüder, sind die zwei überraschend verschieden. Und wie um dieses charakterliche Auseinanderdriften zweier Familienmitglieder zu unterstreichen, lieferte Fiat mir den Test-Spider in Huch!-Blau, während Mazda vor einem Jahr den MX-5 in der Farbe Soul Red zur Verfügung gestellt hatte. Das Rot liebte ich und habe mir inzwischen ja mein eigenes seelenrotes Sommerauto angeschafft, mit dem grellen Blau habe ich jedoch, sorry Fiat, so ein bissl meine Probleme. Aber ansonsten ist der Spider erstklassig und ich bin wie gesagt völlig ratlos, für welchen der beiden Sommer-Flitzer ich mich entscheiden würde, müsste ich mich entscheiden.

Um die Unterschiede in einem Satz zusammenzufassen: Der Mazda ist ein bissl der revoluzzerische Outlaw der beiden Brüder, der Spider der dandyhafte Ladykiller.

Das Gokart-Feeling des MX-5 geht im Spider weitgehend verloren. Der Fiat ist zwar immer noch ein flinker, sportlicher, knackiger Umdieeckenwedler, aber er ist um genau jene Nuance braver, angepasster und weicher, die ihn vom Gokart zu einem richtigen Auto werden lässt. Man sitzt – zumindest gefüht, aber wahrscheinlich sind es auch tatsächlich ein paar Zentimeter mehr Bodenfreiheit unter dem Arsch – nicht so verdammt knapp über dem Asphalt, weil die Sitze ein kleines Haucherl mehr Lounge-Gefühl vermitteln und wohl ein wenig voluminöser ausgefallen sind. Das Reinfallen und Rauswuchten fällt meinem stattlichen Bäucherl und den angekratzten Bandscheiben jedenfalls leichter. Die Lenkung ist eine Spur weniger direkt, wenngleich immer noch sportlich. Die Schaltung ist knackig, aber nicht mehr ganz so klick-klack wie im MX-5. Die Fahrwerksabstimmung ist nicht mehr Marke Brett, sondern nur mehr relativ hart. Das alles ergibt im Spider ein Unterwegssein, das näher beim Cruisen liegt – vor allem, weil auch der Motor das Direkte und Sportliche des Mazda ein wenig vermissen lässt.

Das alles hat sein Gutes und sein Schlechtes. Der MX-5 macht beim Fahren mehr Spaß, sein sensationeller Motor ist schon in der 131-PS-Variante ein Meisterstück des Maschinenbaus und hängt am Gas wie eine Eins. Da kann das 140-PS-Herz des Spider einfach nicht mit. Nicht, dass wir uns falsch verstehen: Der Fiat ist flink, schnell, wendig und eh voll zickzack. Aber der Mazda kann das alles noch um eine Klasse besser, obwohl er in der kleinen Motorvariante mit einem zehn-PS-Nachteil fertig werden muss. Dazu verbraucht der MX-5 gut zwei Liter Sprit weniger auf 100 Kilometer, was recht erstaunlich ist. Die rund 50 Kilo, die der Spider mehr auf der Hüfte hat, machen sich eben bemerkbar. Weil auch der Sound im MX-5 räudiger designt ist als im Spider, glaubst du dich im Soulredsummerfeelingauto insgesamt einfach ein wenig radikaler durch die Landschaft eilend als im Bluesummerskiescar.

Dafür aber der Concorso d´eleganza, frage nicht! Der Spider ist das schönere Auto, ganz ohne Zweifel. Im Mazda winken dir die Frauen am Straßenrand zu, du erntest luftige Blicke – aber richtig weiche Knie machst du ihnen erst im Spider. Sagen wir es, wie es ist: Die Japaner haben die Technik zweifellos besser drauf, aber niemand kann Design und Geschmack so wie die Italiener. Wie gesagt: Stünde der Kauf eines Sommerautos statt im Mai vergangenen Jahres erst jetzt an, wo ich beide Fahrzeuge ausgiebig getestet habe, ich wäre ratlos und wüsste nicht, welchen ich nehmen soll. Finanziell hat übrigens der Mazda das bessere Ende für sich, er ist tendenziell etwas billiger als der Fiat und braucht weniger Sprit. Klar ist aber auch: Wäre ich nicht arm wie Donald Duck sondern reich wie Donald Trump, würde ich zur bösbösen Version des Spider greifen, nämlich zum Abarth. So aber bin ich mit dem 131-PS-Soulredsummerfeeling-MX-5 glücklich wie ein Kind im Zuckerlgeschäft. Freue mich schon sehr, wenn ich aus dem huchblauen Test-Spider wieder in den eigenen MX-5 umsteige.

Vorläufig jedoch kutschiere ich den Spider übers Land, welches neuerdings zumeist das Mondseeland ist, weil Ferienwohnungsdingsbums, aber davon erzähle ich Ihnen ein anderes Mal ausführlicher. Diesmal nur soviel: Nachdem der fleißige ikea-Monteur Janos vorgestern die Küche installiert und dabei auf der Terrasse wie ein Wilder drauflos kreisgesägt hatte, dass die Nachbarn aufjaulten, fand ich gestern heraus:

Küche zwar fertig. Aber: Kaffeemaschine. Es gibt keine Kaffeemaschine!

Geht gar nicht. Ich rief dem unten auf meine Wenigkeit als Badegast wartenden Mondsee zu: Jetzt musst du noch warten, du schöner Spiegelnder!, tänzelte leichten Schrittes die Stufen hinab zur Garage, sattelte den Spider und strömte mondseelandliebend die schöne, durch feiste Wiesen gebaute Landstraße entlang gen Salzburg.

Dieser Weg ist einzigartig. Nicht nur führt er dich an verschiedenen ökonomischen Eckpfeilern Österreichs vorbei, was für einen Wirtschaftsjournalisten durchaus was hat: An der gewerblichen Peripherie des sonst netten Städtchens Mondsee liegt die BWT-Zentrale, das ist jene weltweit erfolgreiche Wasseraufbereitungsfirma, die neuerdings sogar bedeutend und potent genug ist, um ein Formel-1-Team sponsern zu können. In Thalgau baute Sony seinerzeit das weltweit erste, groß angelegte CD-Werk. Dass die Compact Disk keine so rasend nachhaltige Zukunft hatte, ist eine andere Gechichte, aber das Projekt sorgte damals für Furore. In Hof siedelte sich, auch das schon Jahrzehnte her, der frühere Formel-1-Weltmeister und spätere Airliner Niki Lauda an, und in Fuschl liegt die Weltzentrale des Red-Bull-Universums. Es ist dieser Weg nach Salzburg also eine spannende Strecke für einen trend-Autor.

Bildschirmfoto 2017-06-04 um 12.34.58Dazu kommt die Landschaft, du meine Güte. Am Mondsee startest du mit dem Blick auf Schafberg, Kienbergwände und Drachenwand, in der Ferne siehst du sogar ein wenig vom Schoberstein am Südostufer des Attersees herüber blinzeln, wenn du genau schaust und dich auskennst. Dann windest du dich durch fetteste, grünste Wiesen dem Gaisberg entgegen, der an Salzburgs Ostflanke auf die schöne Stadt aufpasst. Dazwischen passierst du pompöse Gutshöfe, zumindest optisch feist aufmunitionierte Dorfgasthöfe und engagierte sowie bunt beflaggte Touristen-Hobbyradler, die alle die Welt niederreissen wollen. Dazu kleine Bildschirmfoto 2017-06-04 um 12.35.12Dorfkircherln, denen gnadenlose Straßenplaner eine monströse Autobahn an den Hinterhof geknallt haben, was die ohnehin fragwürdige Romantik des Katholischen endgültig verpuffen lässt. Und dann die Abfahrt hinunter nach Salzburg – die gewundene Straße spuckt dich  in die Vorstadtviertel von Gaisberg, Gnigl und Parsch, und irgendwann siehst du eh schon die weiße Festung vor und über dir am Horizont.

Im Bluesummerskiescar begegnet dir all das im Zeitlupentempo, und weil du selbstverständlich das Dach geöffnet hast, du bist ja kein Trottel,  erlebst du das Land in konkurrenzloser olfaktorischer und optischer Direktheit, was wunderbar ist.

Die Cabrio-Dichte in diesem satt situierten Teil Österreichs ist übrigens recht hoch, fast jedes zehnte Auto, das mir entgegen kam, hatte an jenem Frühsommertag das Dach abgeworfen. Es gab viele Protz-Benze und Freiluft-Audis, aber auch immer wieder blank polierte Oldtimer, dazu Alfas in alten und neuen Spider-Varianten, einige MX-5, sogar einen der brandneuen RF´s sah ich. („Retractable Fastback“ – das ist der MX-5 mit Blechdach, welches du mittels ausladender Choreografie verschiedenster Karosserieteile per Knopfdruck nach hinten klappen kannst.) Ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich das Soulredsummerfeelingauto in so einer Version haben wollen könnte, weil: Purismus ist das nicht. Und schließlich ist dieser einmalige Dreisekunden-Stoffklappdach-Mechanismus, der auch im Fiat Spider eins zu eins übernommen wurde, schlichtweg genial. Lässiger machst du kein Autodach der Welt auf und zu.

In der Europark-Tiefgarage bewies ich das nonchalant. Mit einer sparsamen, eleganten weil runden Bewegung aus dem rechten Ellbogen griff ich nach hinten, ließ das Stoffdach nach vorne kreisen, rastete ein und lächelte dabei durchs offene Seitenfenster einer feurigen Salzburgerin im für mich passenden Alter zu, die gerade den Pfingsteinkauf durch die Heckklappe ihres Skoda Kombis hievte, während aus meinem iPhone Louis Armstrongs „What a wonderful world“ in die Spider-Lautsprecher streamte. Sie lächelte zurück.

Und eine Kaffeemaschine habe ich inzwischen auch. Was für eine wunderbare Welt.

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