Die Blaue Traube

In den späten 1930er-Jahren verspielte der Wirt der Blauen Traube am Mondseer Marktplatz alles.

Bildschirmfoto 2017-09-21 um 18.37.45Das stolze Gasthaus ging verloren, wovon sich niemand in seiner Familie je mehr erholte. Die Leben von vier Töchtern und einem Sohn beeinflusste das maßgeblich, sie verliefen anders und insgesamt wohl weniger gut, als die Familie sich das erhofft hatte. Niemand von ihnen konnte mehr in die Wirtshausbesitzerrolle schlüpfen, die für zumindest eines oder zwei der Kinder vorgesehen gewesen wäre. Sie alle lebten stattdessen über Österreich verstreut kleine, mühsame Leben, richtig glücklich wurde von den Geschwistern keines mehr. Eine Rolle beim Verlust des großen, alten Dorfgasthofes mag gespielt haben, dass sein Besitzer derangiert war – weil seine Ehefrau, die er Jahre zuvor aus dem versteckten trentinischen Dolomiten-Dörfchen Scurelle nach Österreich und an den Mondsee geholt hatte, kurz zuvor in vergleichsweise jungen Jahren verstorben war. Und einen recht verzweifelten Witwer zurückgelassen hatte, der sich seine Hoffnungslosigkeit nicht anmerken lassen durfte, weil er den kleinen Mädchen und dem kleinen Bub zumindest die Chance auf ein halbwegs glückliches Weiterleben geben wollte. Gelungen ist es ihm nicht. Mit dem Gasthof ging es bergab. Der Wirt mag sich zum Trost auch mehr mit dem Kartenspiel beschäftigt haben als mit dem schnöden Zahlenwerk der Buchhaltung, das rechtzeitig Auskunft über die drohende Misere geben hätte können. Es kam, wie es kommen musste, ein Konkurs raffte das nach dem Tod der Mutter ohnehin schon ramponierte Familienglück dahin. Wirt Karl zog mit seinen halbwüchsigen Kindern aus dem großen Haus in eine kleine Mietwohnung, und verdingte sich als Straßenarbeiter. Die Töchter verschlug es später, als sie erwachsen wurden, nach Salzburg, nach Graz, eine sogar noch weiter in den steirischen Süden nach Leibnitz. Und der Sohn lebte sein Leben in Schwechat bei Wien, niemand aus der Familie blieb in Mondsee.

AlleeUnter den dichten, schweren, schönen Kastanien der Allee, die vom Marktplatz zum See hinunter führt, trafen sich die Geschwister nur mehr einmal im Jahr – zu Allerheiligen, wenn sie den verstorbenen Vater und die schon viel länger tote Mutter am Friedhof besuchten. Die Töchter hatten ihre Männer und der Sohn seine Frau im Schlepptau, die sie allesamt vor, in und nach den Wirren des Zweiten Weltkriegs auf teils kuriose Weise kennengelernt hatten. Der Wiener Sohn und eine Grazer Tochter brachten jeweils auch ihre Kinder mit, ein Wiener Geschwisterpaar, Bub und Mädchen, und ein Bub aus Graz. Der kleine Grazer Bub und das kleine Wiener Geschwisterpaar blieben einander trotz Verwandtschaft immer fremd, weil sie sich nur dieses eine Mal im Jahr sahen. Der Nachwuchs stand dann an den Händen der Mütter und starrte zu den Baumkronen weit oben hinauf, die in dieser Jahreszeit auch ohne Laub mächtig waren, raunzte, weil er nicht auf den Friedhof wollte, und lauschte mit großen Augen den Erzählungen der Tanten und des Onkels, wenn diese zum Gasthof zeigten und erzählten, hinter welchem Fenster welche Tante ihr Zimmer und wo der Onkel immer gespielt hatte.

Betreten wurde das Gasthaus nie mehr, nicht einmal auf einen Kaffee, geschweige denn zum Essen, denn keines der Geschwister wollte sich die Schrecken des Konkurses und des erzwungenen Verlassens des Elternhauses noch einmal allzu drastisch in Erinnerung rufen. Zumindest einer der beiden kleinen Buben, jener aus Graz, hätte sich das imposante Haus immer gerne von innen angesehen und hatte zumeist auch ein wenig Hunger, den er am liebsten mit einer Suppe aus der früheren Küche seines Großvaters gestillt hätte. Jedoch: Die Blaue Traube zu betreten, verbaten die Töchter und der Sohn des toten Wirtes sich selbst aufs Strengste, auch ihre Familien hatten sich daran zu halten. Es wurden sogar beschönigende Geschichten erfunden und den Kindern erzählt, in denen der Wirt nicht Gegenstand eines Konkurses, sondern auf unerwartete und nicht vermeidbare Weise Opfer der Geldentwertung in der Zwischenkriegszeit geworden war.

Dem kleinen Bub, der gerne eine Suppe in der Blauen Traube gegessen hätte, genügte das vorderhand. Erst später begann er darüber nachzudenken, warum die Tanten, der Onkel und die Mutter, solch einen nebeligen Grauschleier über den Verlust des Gasthauses legten. Mehr Konkretes als die Information, dass die älteste der Tanten das Wirtshaus übernehmen hätte sollen, war ihnen nicht zu entlocken. Lichten ließ sich das undurchsichtige Gespinst an sparsamen Geschichten für ihn nicht – weil seine eigene Mutter starb, als er noch jung war und bevor sie ihm Genaueres erzählen hätte können, und weil die Tanten und der Onkel Fragen zumeist auswichen und klar machten, dass über diese Dinge nicht gesprochen werden wollte. Mondsee, der schöne Ort am nördlichen Anfang des Salzkammerguts, blieb für immer verbotenes Terrain für die Wirts-Kinder und ihre Angehörigen.

Lediglich zweimal war die versprengte und im Laufe der Jahrzehnte immer mehr in sich zerstrittene und untereinander entfremdete Familie drauf und dran, diesem Panzer der Verschwiegenheit und des Verdrängens zumindest kleine Risse zu erlauben und in vorsichtigen Ansätzen einen Fuß zurück in die alte Heimat zu setzen.

Das eine Mal, als am unteren Ende des Sees – dort, wo er naturbelassen, wild, schön und bewundernswert wie nirgendwo sonst ist – eine alte Frau die Beschwerlickeiten des Lebens am Land nicht mehr ertragen und ins nahe Salzburg ziehen wollte. Sie bot dem Ehemann einer der in die Steiermark ausgewanderten Töchter an, für einen Pappenstil ihr Haus, einige hundert Meter Seegrund und mehrere Hektar Gelände zu erwerben. Selbstverständlich kann niemand im Nachhinein sagen, warum das Geschäft nicht zustande kam. Doch der Mann, ein braver Handwerker, hatte sich wohl ebenso sehr nicht über das Projekt gewagt, wie ihn seine Frau umgekehrt davon abzuhalten trachtete. Er erzählt seinem längst erwachsenen Sohn, dem mit der Suppe, ab und zu von der Sache, mit einem bedauernden Achselzucken, dass er sich damals wohl ein schönes Leben in künftigem Reichtum durch die Lappen gehen hatte lassen. Heute befinden sich dort Femdenpensionen, ein Campingplatz, und alles zusammen ist sicher viele, viele Millionen Euro wert.

Und das zweite Mal, als eine andere Tochter ihren Ehemann dazu drängte, mit dessen Pensionsabfindung eine kleine Wohnung in Mondsee zu kaufen, in die man ab und an fahren wollte, wenn das Leben in Graz zu langweilig wurde. Die Wohnung wurde gekauft, doch den Geschwistern und deren Nachkommen kaum etwas davon erzählt. Es war wohl so, dass niemand die Wohnung nutzen sollte, damit das seinerzeit selbst auferlegte Mondsee-Embargo und die Entschlossenheit der Geschwister Jahrzehnte später nicht plötzlich unterlaufen werden konnte. Mit der Zeit erodierte auch das System der Allerheiligen-Besuche, die schließlich gar nicht mehr stattfanden, sodass nicht nur das Grab des Gastwirtes und seiner früh verstorbenen Frau vereinsamte, sondern die ehemalige Bürger-Familie endgültig aus dem kommunalen Leben Mondsees getilgt wurde. Heute erinnert sich dort niemand mehr daran, wem die Blaue Traube in der Zwischenkriegszeit einst gehörte, dass es vier Töchter und einen Sohn gegeben hatte, und dass ein Vater mit seinen Kindern, der früher eine Rolle im Ort gespielt hatte, still und leise aus dessen Leben verschwunden war. Seine Familie, ihre Geschichte und jene der Blauen Traube sind aus dem Bewusstsein der Mondseer von heute verschwunden.

Bildschirmfoto 2017-07-09 um 20.40.08Auch mit der seltsamen Inschrift am Grab des Wirtes, unter dessen Namen „ehemaliger  Gastwirt“ zu lesen steht, kann niemand mehr etwas anfangen. Jene Handvoll Mondseer, die noch gewusst hätten, dass damit die Blaue Traube gemeint ist, die inzwischen nach mehrmaligem Besitzerwechsel das „Iris Porsche Hotel“ ist, sind längst Nachbarn des toten früheren Besitzers am Friedhof. Ihre Kinder und Kindeskinder kennen den Namen der alten Wirtsfamilie nicht mehr.

Nur dieser kleine Bub von früher, der Anfang der 1970er-Jahre an der Hand seiner Grazer Mutter zu den Kronen der Alleebäume hinauf gesehen und gerne eine Suppe gegessen hätte, im früheren Gasthof seines toten Opas, den er kaum gekannt hatte, spaziert neuerdings ab und zu vom Hilfberg hinunter zum Grab der Großeltern und überlegt sich, wie die italienische Großmutter wohl gewesen sein mag, die gestorben ist, lange bevor er geboren wurde. Und wie es sich wohl wirklich zugetragen haben könnte, als die Blaue Traube der Familie entglitt und seine Mutter, ihre Geschwister und der Großvater hier auf den Hilfberg herauf ziehen mussten, in eine kleine Wohnung in einem Haus, nur ein oder zweihundert Meter entfernt. Und als dieser Großvater, Karl Göllner, geboren 1887 und gestorben 1969, „ehemaliger Gastwirt“, zusammen mit seiner italienischen Frau Aloisia, der Großmutter, geboren 1887 und gestorben 1935,  Besitzer der Blauen Traube war.

Beim letzten dieser Friedhofsbesuche vor einigen Tagen nahm ich mir vor, das alles aufzuschreiben, damit es wenigstens irgendwo steht und irgendein Mondseer, der sich zufällig dafür interessiert oder der einfach nur im Internet darüber stolpert, es nachlesen kann.

Bildschirmfoto 2017-10-08 um 19.33.05Da steht es jetzt also. Es gibt leider nicht mehr viele Menschen, die mir etwas über die in vielerlei Belangen wohl interessante Geschichte der Familie meiner Mutter erzählen könnten. Wie zum Beispiel ihre Mutter, meine unbekannte Großmutter, von ihrem Vater, meinem Großvater, aus Scurelle nach Mondsee geholt wurde. Wie drei der vier Töchter, meine Tanten, ihren Weg von Mondsee in die Steiermark fanden – wobei mir eine von ihnen einmal in wenigen Sätzen davon erzählt hatte. Dann hatte sie rasch wieder geschwiegen – wohl, um nicht lange nach dem Exitus ihrer Familie aus Mondsee bei einem Nachkommen doch noch einen Konnex zuzulassen. Aber schließlich hat sie dann doch diese kleine Wohnung, die sie und ihr Mann, mein Firmpate, von dessen Pensionsabfertigung gekauft hatten, an mich vererbt. Sie liegt heroben am Hilfberg, einen kurzen Spaziergang vom Marktplatz entfernt, pittoresk hingesetzt über den See, ist winzig, hat jedoch eine wunderbare Terrasse, und war in schrecklichem Zustand, weil so lange niemand in ihr gewohnt hat oder auch nur zu Besuch war.

Unter selbstmörderischer Plünderung meines Kontos habe ich sie renoviert, und jetzt bin ich da, wo niemand aus der Familie meiner Mutter mehr sein wollte.

Bildschirmfoto 2017-07-09 um 18.39.32Es ist wunderschön in Mondsee. Ich sitze auf der Terrasse des Einzimmerapartments und schaue auf den See hinunter, der hundert Meter tiefer faulenzt, als wäre seine Anwesenheit genau wie meine die natürlichste Sache der Welt. Wenn kein Wind geht, spiegelt er die gegenüber liegende Drachenwand so schön zu mir herauf, als täte er es nur für mich, als würde er sich freuen und bedanken, dass doch noch einer aus der Göllner-Familie nach Jahrzehnten wieder seinen Weg hierher gefunden hat, und dass die Zeit ihrer unbegründeten Verachtung für See und Ort jetzt beendet ist.

Mir gefällt das. Und als ich vergangenen Mai, als es noch ziemlich frostig war, ins eisige Wasser sprang, um als eine der ersten Handlungen meiner Anwesenheit den Mondsee würdig zu begrüßen, wusste ich sofort, dass der See mich mag und dass hier ein guter Platz für mich sein würde. Jetzt mache ich bald den Segelschein, dann kaufe ich mir ein Boot und werde, sooft es eben geht, aufs Wasser hinaus fahren, zu meiner kleinen Wohnung hinauf schauen, dann zur Basilika hinüber, zur Drachenwand, zum Schafberg, zur Allee, und ich werde mir denken, dass ich jetzt das sehe, was meine Mutter sah, die mir nicht viel über ihr Leben hier erzählen konnte oder wollte. Und was mein Großvater sah, von dem ich nur ein einziges selbst erlebtes Bild vor Augen habe, als er in seinem letzten Wohnort Faistenau aus der Küche seiner zweiten Frau trat, irgend etwas Freundliches zu mir, dem Vierjährigen, sagte, und dann ins Dorfwirtshaus ging – quasi ehemaliger Gastwirt am Weg in eine Gastwirtschaft. Seine neue Frau Paula, meine Stiefoma, die ich als sehr lieb in Erinnerung habe, und seine mit ihr spät geborene Tochter Sigrun, meine Halbtante, hatten genug Gefühl, ihn bald darauf nach seinem Tod statt in Faistenau in Mondsee zu begraben.

Bildschirmfoto 2017-07-09 um 20.53.18Da liegt also jetzt in seinem Grab Karl Göllner, der ehemalige Gastwirt, nur wenige hundert Meter von seiner früheren Gastwirtschaft entfernt, der Blauen Traube, dem heutigen Hotel Iris Porsche, und hat wieder Besuch. Weil jetzt sein Enkel wieder da ist – ich, der an all das denkt, mehr darüber herausfinden will und es auch noch tun wird, nach und nach. Ein paar Leute wird es schon noch geben hier in Mondsee, die sich vage erinnern können, und auch meinem Vater wird noch ein bissl von damals einfallen, als er Teile des Seeufers kaufen hätte können, sich aber nicht drüber getraut hat. Ich werde das dann weiter erzählen, ganz egal, ob es jemanden interessiert oder nicht. So kommt mein toter Großvater noch ins Internet, was er sich nie träumen hätte lassen, weil damals natürlich noch niemand eine Ahnung hatte, dass es so etwas wie das Internet einmal geben wird.

Und schließlich existiert ja auch noch eine längst erwachsene Urenkelin, die vielleicht irgendwann einmal doch noch etwas darüber heraus finden will, woher sie väterlicherseits kommt. Das kann sie nun, wenn im Web etwas darüber steht, zumindest zu einem kleinen Teil, ohne den Vater, mich, fragen zu müssen. Und irgendwann, in hoffentlich ferner Zukunft, wird die kleinkleine Wohnung am Hilfberg, die jetzt meine ist, neuerlich vererbt werden, dann wird vielleicht meine Tochter, die Urenkelin des Gastwirtes Karl Göllner, auf dieser Terrasse sitzen, auf den spiegelnden See blicken, das Grab des ihr unbekannten Urgroßvaters besuchen, und es wird weiterhin zumindest einen Menschen geben, der weiß, wie sich das damals, vor dann schon viel mehr als hundert Jahren, ungefähr zugetragen hat.

Und obwohl die Familie Göllner eineinhalb Generationen lang nichts mit Mondsee zu tun haben wollte, wird mit der Urenkelin dennoch ein wenig Göllnersches Blut mit einem leichten, schon ziemlich diffundierten italienischen Einschlag aus Scurelle über den Marktplatz spazieren, zum Porsche-Hotel schauen, wie immer dieses dann heißen mag, und wissen, dass das einmal die Blaue Traube war. Und wem sie gehört hat.

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4 Gedanken zu “Die Blaue Traube

  1. voll schön und überhaupt. da hast dein süden und dein meer und die grüne insel, alles in einem. wer hätte so was gedacht? möge das im-see-schwimmen dir vielen, vielen schönen jahren by the lake geben.

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