Tour de See

Nicht mit dem Radl.

Wobei, sollten Sie jetzt glauben, ich mache gar keine Bewegung: Sie irren sich. Beinahe täglich umrunde ich derzeit den Mondsee mit dem Fahrrad. Das sind schlanke 25 Kilometer mit zwei, drei freundlichen Steigungen und zwei, drei noch viel freundlicheren Badeplätzen unterwegs. Ich: ordentlich treten, dann einbremsen (kenne da inzwischen ein paar Platzerl, die kennt nicht jeder), Fahrrad ins weiche Gras fallen lassen, Schuhe aus, Leiberl aus, Sonnenbrille und Helm weg, fünf Schritte im Galopp, und platsch. Mit Glück und einer makellos tiefstehenden Sonne ist das Mondseewasser an diesen Stellen türkis wie die neue Farbe der Volkspartei. Bei den ersten Tempi könnte ich den derzeitigen Nationalbasti, den ich ja für einen der verantwortungslosesten Politiker halte, die Österreich in den vergangenen zwei, drei Jahrzehnten hervorgebracht hat, verwünschen, dass er diese schöne, frohe Sommerwasserfarbe mit seinem verlogenen Bewegungsgewäsch auf Jahre hinaus kontaminiert hat.

Doch wieder einmal schweife ich ab.

Ich wollte ihnen eigentlich erzählen, wie ich mit dem Soulredsummerfeelingauto die Salzkammergut-Seen abklappere. Zuerst also Mondsee, da starte ich. Dach nach hinten mit der elegantesten Bewegung aus der Schulter, zu der ich fähig bin. Ein brotloses Unterfangen zwar, weil´s eh niemand sieht, die meiste Zeit verbringe ich besuchslos alleine hier. Doch the effort yields its own reward. Ich promeniere das Ostufer zum Attersee hinunter. Nach einigen Kilometern halte ich for the first time. Es gibt da ein Mini-Platzerl, Touristen fällt das gar nicht auf, du kannst dein Auto in eine Straßenbucht stellen und hast dann einen langen, seichten Zugang hinein ins tiefe Türkis, wunderbar. Ich schwimme. Dann setze ich mich ans Ufer, lehne mich an die Flanke des Soulredsummerfeelingautos und trockne.

Weiter zum Attersee, auch hier nehme ich das Ostufer. Bald nach der Abzweigung bei Unterach über ein Brückerl, an einem verwaist aussehenden, parkähnlichen Seegrundstück vorbei (wie reich müssen Menschen sein, dass sie so einen Besitz im Sommer ungenutzt lassen), da gibt es dann ebenfalls einen kleinen Parkplatz, den Touristen meiden, weil du zwei, drei Meter über Felsen zum Wasser hinunter steigen musst. Aber dann! So grün wie der See dort ist keine Stelle an irgendeinem See sonst. Vielleicht 30 Zentimeter unter der Wasserlinie streckt sich ein kleines Felsplateau in den See hinaus, danach wird es sofort tief. Du schlendert knöchelumspült nach vorne, und dann Köpfler. Ich schwimme. Dann setze ich mich aufs bereit stehende Bankerl oben und trockne.

Bei Steinbach erklimmt das Soulredsummerfeelingauto schließlich das Gebirge, es geht über eine schöne Wald-Pass-Wiesenstraße an der Kienklause vorbei hinüber zum Traunsee. Dort wohnt in den sanften Hängen über Altmüsnter des Sommers der famose Kollege O. vom profil, jüngst besuchte ich ihn, wir tauschten uns über die eine oder andere Geschichte aus. Doch jetzt werden Sie enttäuscht sein: Ich weiß am Traunsee noch kein passendes Badeplatzerl. Ist ja mein erster Sommer im Salzkammergut, kommt noch. Werde nächstens O. fragen, der die Gegend wie seine Sommercargohosenoberschenkeltasche kennt. Hier schwimme und trockne ich vorderhand also nicht.

Aber es geht weiter mit der Tour de See, ich ströme gen Süden, passiere Traunkirchen, Ebensee, Bad Ischl, das coole Goisern, von dem ich kürzlich erst erzählt bekam, dass der schöne Ort die höchste Selbstmordrate Österreichs aufweist. Ich sage: Hm. Muss einerseits das depressive in der genialen Musik Hubert von Goiserns oder Wilfrieds sein, alles Goiserer. Oder die hohen Berge ringsum, man kann wohl nicht umhin, sich hier ein wenig eingesperrt zu fühlen, verbringt man das Leben im Schatten des Dachsteins. Der nahe See hilft auch nicht wirklich – denn der Hallstätter See ist ebenso kalt wie finster. Dürfte wegen dem von den dunkel bewaldeten, steilen Hängen zurückgeworfenen Licht sein. Das Freiheitsfreizeitfeeling von Mond-, Atter- und Traunsee kommt hier jedenfalls nicht auf.

Ich verzichte also auf ein Bad, denn ich weiß ja hinter dem Pötschenpass das lovely Ausseerland, wo die Menschen stolzer, die Berge pittoresker und die Dirndln more sexy sind than anywhere else. Ich weiß das, weil ich zwei Jahre lang eine quasi-Ausseerin so richtig, richtig lieb hatte. Daher nehme ich in Bad Aussee auch die verschlängelten Schleichwege durch die engsten aller engen Gasserln Richtung Grundlsee, weil ich mich hier super auskenne, und nicht die Touristenroute über die Hauptstraße. Ich hoffe, dass mir eine der Einheimischen zuwinkt (nicht wegen mir, wegen dem Soulredsommerfeelingauto, das, anders als ich, auch ziemlich sexy ist), passiert aber nur alle 12.000 Jahre.

Grundlsee: Der Altausseer See ist best of Spazierengehen, der Grundlsee an brennheißen Hochsommertagen best of Schwimmen.

Mehr als 20 Grad hat er selten. Tunkt dich draußen die Luft mit ihren mehr als 30 Grad in deinen eigenen Schweiß, springst du lieber ins kühle Wasser als in einen 25- oder 26-Grad-Tümpel. Brilliantklar ist der Grundlsee außerdem, weil Gebirgssee. Ganz hinten in Gössl logiert Freund K. den ganzen Sommer über am Campingplatz in seinem Wohnwagen. Ich sollte Ihnen an sich mehr über K. erzählen, weil er sich das coolste Erwerbsleben ausgesucht hat, das man sich vorstellen kann. Statt bleischwerer Alltag am Schalter einer Bank die ganz große, totale Freiheit. Ich hab ihn aber nicht gefragt, ob ich das hier tun darf. Daher verweise ich sie auf den Premium-trend aus dem März, da finden Sie die Story über die ungewöhnlichsten Jobs des Landes, K. ist dort als „Diavisionär“ porträtiert. Wir kennen uns schon ewig, haben in Graz in unseren Jugendjahren zusammen Handball gespielt, dann in Wien zusammen studiert, über fast vier Jahrzehnte häufen sich ganz schön viele gemeinsame Erinnerungen an. Im Studium hatten wir uns sogar gemeinsam jeweils eine Freundin aus der Anglistik-Lehrveranstaltung „Sprachübung 1“ rekrutiert. K. und S. sind natürlich längst, längst nicht mehr zusammen, ich und C. auch nicht, aber bei uns gibt es Tochter J. Ich sehe C. trotzdem kaum mehr, S. gar nicht – habe aber wenigstens mit S.-Schwester E. ab und zu beruflich zu tun, weil sie Österreichs beste EU-Abgeordnete ist. Aah, schon wieder schwafle ich.

Jedenfalls, K. und ich beschwimmen den Grundlsee. Dann trocknen wir. Es hat sich in diesem Sommer eingebürgert, dass wir dann vor K.´s Wohnwagen ein bissl grillen. Spätnachts wuchte ich mich schließlich, innerlich Fleischlaberl- und Grillwürstel-beschwert, wieder ins Cockpit des Soulredsummerfeelingsautos, gewinne den Pötschen, lasse Ischl links liegen und hoffe, das Grillgut ist halbwegs verdaut, bis ich an den Wolfgangsee komme. Jetzt nämlich: Fast Mitternacht, mit Glück ein Sternenhimmel, galaktisch wie die Milchstraße, und vor St. Gilgen gibt es wunderschöne Badeplätze, die um diese Zeit selbstverständlich verwaist sind. Ich weiß, da werden sich jetzt ein paar von Ihnen schrecken, weil finster und tiefes, dunkles Wasser und so, jedoch: Ich schwimme. Dann trockne ich, was ein bissl dauert in der Mitte der Nacht. Dann heim über den Scharfling hinunter zum Zuhause-See, an der pittoresken Drachenwand vorbei, auf den Hilfberg hinauf.

Nicht, dass Sie glauben, ich gehe schlafen. Denn wie gesagt: galaktischer Himmel über mir, ich sitze noch ein halbes Stünderl auf der Terrasse, schaue runter aufs Wasser und rauf ins Unendliche, konsumiere einen Sommernachtscamparisoda, denke an dies und das, und erst dann: Bett.

Ist immer eine super Sache, so ein Tour-de-See-Tag. Wenn ich demnächst ein bissl Muße habe, erkunde ich eine zweite Variante – in die andere Richtung, denn dort: Mattsee. Wallersee. Obertrumer See. Irrsee. Lots of opportunities.

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