I live by the lake (3)

Ihr müsst jetzt ziemlich stark sein, liebe Tierschützer und Innen unter meinen Lesern und Innen! Weil folgendes.

Ich habe mittlerweile eine ausgefeilte Technik zur Entfernung rabiater Wespen von meinem Mondseeterrassenfrühstückstisch entwickelt: Ich lasse sie ungehindert in Ruhe anlanden. (Ihr merkt am Wortschatz außerdem, das nur ganz nebenbei, dass ich Segler geworden bin.) Sie beginnen dann umstandslos mit ihrem Nahrungsklau von meinem Frühstücksbrot und sind so konzentriert, dass sie die Annäherung meines Daumens nicht bemerken, der den angewinkelten Zeigefinder nach hinten drückt und auf diese Weise eine ganz unglaubliche Spannung erzeugt. Ich lasse mir Zeit, weil ich trotz allem ein Freund der Tierwelt bin: Die jeweilige Wespe soll in Glückseligkeit in den Tod gehen. Sie schneidet also ein ordentliches Stück Schinken aus meiner Brotbelegung oder saugt Marmelade und ist zufrieden. In exakt diesem Augenblick löse ich die Spannung und schnippe die Wespe in eine 0,001-Sekunden-von-Null-auf-Hundert-Beschleunigung. Es haut sie soweit von der Terrasse hinaus, dass es richtig sirrt und surrt.

Ich sage das als an sich sanfter Mensch nur ungern: Schwer vorstellbar, dass Wespen so etwas überleben können.

Zu meiner Entschuldigung erstens: Auch wenn ich hier am Mondseeufer zum Killer mutiert bin – persönlich ist mir eine tote Wespe lieber, 100 tote Wespen auch, als mein eigener Erstickungstot, weil es eines dieser frechen Viecher auf einem Bissen Brot oder einem gegrillten Cevapcici oder in einem Schluck Stella-Artois-Bier in meinen Mund geschafft hat und dort dann genau null Skrupel an den Tag legt, zuzustechen. Also.

Zu meiner Entschuldigung zweitens: Ich bin derzeit ein bissl gaga und kann nicht groß nachdenken, wie ich kreaturschonender mit der Wespenplage dieses Sommers auf meiner Terrasse umgehen könnte. Es ist nämlich so: Die vergangenen Tage – Seefest. Drüben in der Mondseer Seebucht, gerade einmal 500 Meter Luftlinie entfernt. Leider nicht nur die vergangenen Tage, sondern vor allem auch die vergangenen Nächte.

Das wäre an sich kein Drama, feiernde Menschen sind eh voll super, ich mag das total, auch wenn mir Massen mit zunehmendem Alter eher auf die Nerven gehen. Problem jedoch: Die Seefestveranstalter haben den schlechtesten Musikgeschmack des Universums einerseits und die lauteste Musikanlage des Universums andererseits. Eine Kombination, die ziemlich uff! ist. Ich meine, sie spielen Sachen, die will man nicht einmal aussprechen. Selbst beim Aufschreiben würgt es mich hinten drinnen in der Kehle. Ich sage nur: Boney M. Hinterseer! Und so weiter!! Man braucht viel, viel Selbstbeherrschung, um mit so etwas zurecht zu kommen, ohne Schaden zu nehmen. Und sie spielen diese Schocker richtig, richtig laut. Sie spielen sie die ganze Nacht lang. Die ganze Nacht. Lang! Und es ist so heiß, ebenfalls die ganze Nacht lang, dass du Fenster und Terrassentüre natürlich weit aufgerissen haben musst. Der blanke Horror.

Freitag auf Samstag, Samstag auf Sonntag, Sonntag auf Montag. Das ist vorvorgestern bis vorgestern, vorgestern bis gestern, gestern bis heute. Jeweils bis vier Uhr in der Früh oder so. Freitags, als der Wahnsinn startete, nahm ich alles noch locker und grinste verächtlich, als der Wind, beim Segeln mein Freund, über die Bucht Hansi Hinterseers „Hände zum Himmel“ zu mir trug. Als er mir später Cheap Tricks lächerliches „I want you to want me“ in absolut rabiater Lautstärke ins Ohr blies, begann ich, ansatzweise zu verzweifeln. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich aber noch Hoffnung. Später imitierte die bemitleidenswert untalentierte Liveband die Spider Murphy Gang und ich war entsetzt, was man mit Rock´n Roll alles machen kann, wenn man es nicht kann. Da wusste ich, jetzt wird es Zeit für eine Gegenstrategie.

Weil ich aber ein Trottel bin, wählte ich leider die falsche.

Denn ich setzte mich in die Nacht hinaus, auf meine Terrasse, sah hinunter auf den schwarzen See und die blinkenden Lichter drüben am Festgelände – und beschloss, mir mein eigenes Lied zu singen. Dazu ist zu sagen: Erstens, ich kann nicht singen. Zweitens, wenn du nicht singen kannst, darfst du dir zum Singen nicht „La vie en rose“ aussuchen, schon gar nicht a capella, wenn kein Instrument deine musikalische Erbärmlichkeit übertönt. Und drittens, La vie en rose, das ist ein leises Lied, das darfst du dir erst recht dann nicht aussuchen, wenn sie drüben beim Fest die totalen Humptatatrallala-Schlager auspacken und mit Holzhammer-Vehemenz unter die Leute verteilen.

Da saß ich also in einer kurzen Fest-Musikpause und stimmte La vie en rose an. Es muss furchtbar gewesen sein. Für die Nachbarn, meine ich, die sicher auch nicht schlafen konnten. Selbst tendiere ich ja dazu, meinen Gesang zwar rational richtig einordnen zu können, also unterste Schublade, aber emotional ein wenig zu überschätzen. Ich wusste daher: Wenn ich La vie en rose singe, könnte ich damit im Nahen Osten den gesamten IS in die Flucht schlagen. (By the way, liebe UNO und NATO und EU – falls ihr mich als Geheimwaffe haben wollt, jederzeit gerne). Was ich fühlte, war aber das: Hach, La vie en rose, ich bin Louis Armstrong! Die Nachbarn hörten Unbeschreibliches, ich hörte im Kopf das. Aber eh nur kurz, denn dann legten sie unten wieder los und man hörte irgendwas von Semino Rossi, und außer dem hörte man nichts mehr.

Jedenfalls, drei Nächte lang habe ich jetzt fast nicht geschlafen. Und dann will ich heute, wo endlich alles vorbei ist, draußen frühstücken – und was ist los? Eine Armada von Wespen umzirkelt meine beiden Marmeladebrote. Normalerweise würde ich alles schnappen und mich an den Tisch im Zimmer setzen. Doch wie gesagt, ich bin gaga aus Schlafmangel. Also trainierte ich stattdessen meine Wespeninsnirwana-Schnipptechnik. Die ersten paar, die es erwischte, mussten wahrscheinlich ein wenig leiden. Tut mir leid, aber ich bekomme meine gerechte Strafe ohnehin nächstes Jahr, wenn am ersten August-Wochenende das Seefest in seine 2018er-Edition startet. Mittlerweile sterben die Wespen jedoch wie gesagt glücklich. So ein bissl Marke Herzinfarkt beim Sex. Sie müssen nicht leiden, sondern segeln enthusiasmiert von der Marillenmarmelade in den Wespenwachauermarillenmarmeladehimmel. Zwar mit atemberaubender Beschleunigung und Geschwindigkeit, weil ich beim Schnippen inzwischen eben so perfekt bin, aber glücklich. Mehr kannst du dir als Wespe nicht wünschen.

Und ich? Habe einen teuflischen Plan für das nächste Fest. Ich werde den Mondseern jetzt zwölf Monate lang zu verklickern versuchen, dass Königin Sinéad, die alles so singen kann, wie es sonst niemand singen kann, im Geheimen der Welt größter Populärmusikstar ist, und dass sie sich die wunderbare Irin unbedingt für ihr nächstes Seefest krallen müssen, weil Miss O´Connor (werde ich behaupten), wenn sie a cappella singt, Tausende in die ultimative Schunkelstimmung versetzen kann. Das ist natürlich Schwachsinn und wird, sollte es mir gelingen, ein Vollschock für die wackeren Musikantenstadler im Seefestmanagement, von dem sie sich hoffentlich nie mehr erholen.

Ich hingegen werde es mir dann auf meiner Terrasse gemütlich machen, Wein bereit stellen, und mich auf das ultimative Glück vorbereiten, weil ich darüber hinaus im Vorfeld irgendwie dafür gesorgt haben werde, dass dieses ertönt. Und weil in diesem schönsten aller schönen Lieder folgende Textzeile vorkommt:

… and she went her way homewards with one star awake, as this swan in the evening moves over the lake …

Und weil ich alles so zu organisieren getrachtet haben werde, dass die von mir trotz wiederkehrenden temporären Durchknallens verehrte Irin genau zum richtigen Zeitpunkt loslegt, wird dann jenes abgehen:

Vollmond, die Nacht hat gerade begonnen, erst ein einziger Stern am Abendhimmel, die Venus, die ja am Abend immer neben dem Mond den Anfang macht, ein von mir in den Vormonaten aufopferungsvoll trainierter einheimischer Schwan tritt seine Reise über den See an, dann legt Sinéad los, und ich sitze auf meiner Terrasse, denke in wonnevoller Trauer ans Zerbrechen einer tollen Beziehung vor vielen Jahren, und bin emotional in der perfektesten Stimmung meines Lebens.

Schnallen Sie´s eh? She went her way homewards with one star awake, as this swan in the evening moves over the lake.

Selbstverständlich werde ich ein paar Tränen zerdrücken und ebenso glücklich sein wie heute die Marmeladewespen auf meiner Terrasse im letzten Sekundenbruchteil ihres Lebens, bevor sie von mir auf die letzte Reise geschnippt werden.

Am nächsten Tag werde ich dann natürlich der mildest gestimmte Anrainer am See sein, den man sich nur denken kann, vor allem ausgeschlafen, und auf meiner gesamten Terrasse 500 üppig gestrichene Marmeladebrote zur freien Entnahme für alle Wespen dieser Welt auslegen. Das wird ein Fest – nicht so wie dieses bescheuerte Schunkeldingsbums, von dem Mondseer und Touristen glauben, es ist cool. Dann dürft ihr feiern, liebe Tierschützer und Innen. Und ich werde euch davon berichten, Blogleser und Innen!

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