I live by the lake (4)

Voll platsch, ich! Aber wie es dazu gekommen ist, erzähle ich Ihnen weiter unten. Vorerst einmal: Lovely views von Zeit zu Zeit von hier heroben.

Seit ich im Sommer am See wohne, habe ich den idealen Aussichtspunkt auf das bunte Leben, das sich vor mir unten auf der Wasserfläche und darum herum ausbreitet. Weil ich mit der Sommerwohnung auch einen alten, abgewetzten Feldstecher meines längst verstorbenen Onkels übernommen habe, kann ich mir vieles am See, wann immer ich will, super erste Reihe fußfrei ansehen. Das betagte Teil liefert noch klare Bilder, ich hab´s richtig lieb gewonnen. Wenn ich will, sehe ich damit alles.

Ganz ohne Fernglas geht aber zum Beispiel jenes Münchener Ehepaar, das jüngst in eines der Ferienwohnungshäuser unten auf der anderen Straßenseite gezogen ist. Er geschätzte 105, sie geschätzte 97. Mit ihrem silberblauen, todschicken Mercedes-Cabrio mit dunkelblauem Verdeck reisten sie an. Sie sind natürlich nicht mehr die schnellsten und leben ihr Leben ganz offensichtlich gemächlich. Ich glaube nicht, dass sie bei der Autobahnfahrt von München nach Mondsee jemals in den dritten Gang schalten mussten. Die Einfahrtsstraße vom Hilbergkircherl herüber in meine Wohnecke, eine nette kleine Sackstraße, erledigten sie jedenfalls in einer Geschwindigkeit, der das Wort „Schritttempo“ als Beschreibung den Atem rauben würde, weil: zu rasant. Sie hatten die dreihundert Meter in einer knappen dreiviertel Stunde hinter sich, ich sah das von heroben genau. Dann parkte das noble Cabrio zwei Wochen lang den ganzen Tag unten vor meiner Garage.

Einmal am Tag, meist am früheren Nachmittag, wenn es ordentlich heiß ist, begab sich das ehrlich gesagt schon ein wenig gespritzt wirkende Ehepaar zu seinem Auto. Sie stieg ein, setzte sich hinters Steuer, er stellte sich vor die Motorhaube und gab Kommandos. Sie fuhr das Dach nach hinten. Dann stieg sie aus und er stieg ein. Ein paarmal drehte er am Lenkrad, alles im Stehen, dann kramte er am Beifahrersitz herum und stieg wieder aus. Sie setzte sich wieder hinters Lenkrad, er gab von vor dem Wagen neuerlich Anweisungen. Sie fuhr das Dach wieder hoch. Dann stieg sie aus und beide gingen die zehn Meter zu ihrer Haustüre, was sie in längstens einer Viertelstunde bewältigt hatten, und verschwanden im Haus. Das ging jeden Tag so. Weiß der Teufel, welch seltsames satanisches Ritual das alte Ehepaar da abspulte.

Nur einmal, vergangene Woche, starteten sie tatsächlich eine Ausfahrt. Weil es an diesem Tag ein bissl frischer war, erschienen beide in dicke Mäntel gepackt. Aber das Ritual war zu Beginn dasselbe. Sie rein und Dach zurück, er Kommandos von vorne. Doch dann. Als er schließlich im Wagen saß, stieg sie auf der Beifahrerseite zu. Man ließ den Motor an! Mir heroben auf der Terrasse fiel vor lauter Überraschung fast das Campariglas aus der Hand. Dann gingen die zwei auf große Fahrt: Zuerst drei Meter nach vorne. Dann gute zehn (!) Meter zurück. Dann sieben Meter nach vorne. Das war´s, Motor wieder aus. Ritual wie beschrieben, er vor die Motorhaube, Kommandos, sie hinters Steuer und Dach wieder rauf. Verschwinden im Haus.

Ich heroben, der ich so etwas noch nie gesehen habe: I fell in love with the two of them, seriously! Inzwischen sind sie leider wieder abgereist und ich muss mich mit dem üblichen Getue am See unten begnügen, wenn ich beim Frühstück oder beim Schreiben oder beim Trinken auf der Terrasse sitze.

Zum Beispiel: Beobachten der Segelboote. Es gibt sehr viele Segelboote unten. Gestern Abend segelte die Charteryacht der Segelschule erst in der Dämmerung Richtung Heimat. So etwas sollst du nicht tun, weil Nachtfahrten am Mondsee verboten sind, sogar ich weiß das. Und wenn es dämmert und du bist noch draußen, kann es dir leicht passieren, dass du versumperst, weil Flaute, und dann schaust du ganz schön deppert aus der Wäsche. Erfahrenen Seglern – und nur an solche wird die Yacht vermietet – sollte das klar sein. Ich sah schon von heroben, das wird nix mehr, weil Wind null. Zum Heimpaddeln war man noch zu weit vom Bojenfeld entfernt und einen E-Motor hat die Yacht nicht, weil die Segelschule auf dem Spartrip ist. Schließlich stach der Notdienst der Schule in See: Einer der Ferialpraktikanten – zu denen später noch ein Wort – hatte bis zum Einbruch der Dunkelheit tapfer in seinem Aufsichtshütterl ausgeharrt und sich dann im Finstern in die Motorzille geworfen. In der Dunkelheit durchschnitt er den See in Richtung Dufour (der Yacht-Typ). Doch irgendwas muss schief gelaufen sein, die Zille legte zwar an der Yacht an, die Besatzungen beider Boote werkelten, aber irgendwie schienen sie die Segel nicht herunter zu bekommen oder die Zille hatte Probleme mit dem Motor, jedenfalls: Gegen Mitternacht sah ich immer noch die Positionslichter beider Schiffe draußen am See, man war inzwischen allerdings schon ziemlich abgetrieben, nicht in die gute Richtung heim ins Bojenfeld, sondern raus übers Wasser zum gegenüberliegenden Ufer. Ich überlegte sogar, ob ich tätig werden und irgendwen anrufen sollte, was weiß ich wen, die Wasserrettung vielleicht oder die Polizei oder den Pizzaservice oder so. Doch dann dachte ich an süße Rache an den Ferialpraktikanten der Segelschule und kam zu dem Schluss: eh wurscht. Und ging schlafen. Heute Morgen sah ich die Dufour wieder friedlich an ihrer Boje liegend, die Segel fein säuberlich an den Großbaum und die Vorsegelfall gewickelt, also alles eh voll paletti. Werden schon irgendwie heimgekommen sein.

Bildschirmfoto 2017-08-15 um 13.25.05Der See vor mir war allerdings gepflastert mit weißen Segeln, man sah fast kein Wasser mehr. Der Yachtclub unter mir hatte wohl beschlossen, so etwas wie eine Regatta zu veranstalten, und plötzlich wurde mir auch der Grund für die Lautsprecherdurchsagen den ganzen Morgen lang klar, deren Inhalt ich zwar nicht verstanden hatte, die mich jedoch geweckt hatten. Das magst du nicht: Du träumst gerade von Salma Hayek, die dich anruft und sich mit dir treffen will, und während du dich noch wunderst, wie das jetzt gekommen ist, woher sie deine Nummer hat und wieso die schöne Salma Hayek ausgerechnet dich …, aber trotzdem mit ihr am Handy schäkerst und sie jenes sexy Lachen kichert, das Frauen so gut drauf haben, wenn sie Männern  signalisieren wollen, Hey, du gefällst mir, ich könnt mir schon vorstellen, dass …, während das also passiert und du gerade ein bissl happy zu werden beginnst, schnarrt eine blecherne Lautsprecherstimme irgend etwas, das klingt wie:

Bitte begeben Sie sich umgehend zum Ausgang!

Das war´s dann jedenfalls mit dem Traum von Salma Hayek und mir. Inzwischen, während ich das schreibe, haben sich die gut 50 Segelboote aber schon wieder vertschüsst. Wohin, kann ich gar nicht sagen, sie sind jedenfalls weg. Ich hoffe, die meisten sind irgendwo in einer hinteren Seeecke, drüben um die Kurve beim Kreuzstein vielleicht, gesunken. Oder so. Dann würden unten im Yachtclub womöglich sogar ein paar Liegeplätze frei und ich könnte mein Boot, das ich noch nicht habe, aber bald zu suchen und zu kaufen gedenke, dort vor Anker liegen lassen, was praktisch wäre.

Egal, es geht ja hier jetzt ums Schauen am und über das Wasser. Wie gesagt, es tut sich viel. Ein-, zweimal in der Woche kommt sogar der Notarzthubschrauber eingeflogen und landet im Umkreis, weil irgendein Tourist sich wieder bei irgendwas überschätzt hat und zusammengeklappt ist. Ich wollte das bereits für das Blog hier fotografieren, bin aber doch pietätvoll genug, die Not von Menschen nicht auch noch abzubilden, man tut sowas einfach nicht. Ich geniere mich eh schon ein wenig, Ihnen zu berichten, dass es eigentlich, den Anlassfall jeweils beiseite geschoben, ein ziemlich cooler Anblick ist, wenn dauernd ein Helikopter in Augenhöhe ein paar Meter vor dir herum manövriert.

Stichworte Anblick, Ferialpraktikanten und süße Rache – folgende Story für Sie jetzt noch:

Ich habe Ihnen schon berichtet, dass ich nun Segelgrundscheinbesitzer bin. Der A-Schein, der B-Schein und weitere Ausbildungen werden irgendwann folgen, aber derzeit noch bin ich damit lediglich in der Lage, ein Segelboot zu erkennen, wenn ich eins sehe. Zu mehr befähigt dich ein Dreitagesintensivkurs halt einfach nicht, Segeln kannst du damit jedenfalls nicht. Aber die Mondseer Segelschule, die ja abcashen will, was man ihr nicht verdenken kann, leiht Leuten wie mir dennoch kleinere Boote, vornehmlich Jollen. Mit denen kann man einerseits nicht viel falsch machen, weil sie unsinkbar sind, andererseits – stabil sind sie auch nicht, Kentern nicht ausgeschlossen.

Zum Segeln grundsätzlich ist außerdem zu sagen: Du sollst dabei nicht hudeln. Erstens, weil du nicht genießen kannst, wenn du hudelst. Aber zweitens vor allem, weil du dann leicht was falsch machst, und beim Segeln gibt es viel, was du falsch machen kannst. Es ist irgendwie dieses Yin-und-Yang-Ganzheitsdingsbums – immer das Gesamtbild im Auge haben und so, eins mit dir und dem Drunherum sein, die Mitte suchen und so weiter, vor allem aber: ruhig bleiben.

Ich hingegen vor wenigen Tagen: Sitze auf der Terrasse, beende gerade planerische Arbeiten für das im September erscheinende Medien-Spezialheft, eine Kombination der Redaktionen von profil und bestseller unter meiner bescheidenen Obhut, und sehe: Ja hööh, ein bissl Wind unten am See! Und es ist erst vier, da gehen sich lockere zwei Segelstunden aus.

Also Anruf in der Segelschule, zu der ich übers Wasser Blickkontakt habe, ein Boot ist frei, ich schnell mein Ränzlein geschnürt, runter gehastet, die paar hundert Meter rüber marschiert, rausgeführt mit der Zille zur Boje, rauf auf das Boot und: los.

Aber genau so geht es eben nicht – schon gar nicht, wenn sie dir einen Bootstyp zuteilen, mit dem du noch nie gesegelt bist. In der Eile baust du sicher Scheiße. Ich jedenfalls: Ruder nicht sauber eingehängt, nur zum Beispiel, vor allem aber nicht Nachschau gehalten, ob das Schwert eh unten ist, war es nämlich nicht. Daher, um es kurz zu machen: Als ich zum Vorsegel kletterte, um es abzuwickeln, bemerkte ich sofort, dass das Boot eine Krängung einnehmen würde, also eine Schieflage, die so nur möglich ist, wenn das Schwert nicht unten ist, und dass diese Krängung unmittelbar zum Kentern führen würde, wenn ich nicht einen Schritt zur Bootsmitte machte, um alles wieder zu stabilisieren, was aber nicht gehen würde, weil ich bereits das Übergewicht nach hinten hatte und mich nur mehr an den Wanten (glaub ich, dass die so heißen) zum Mast hinauf festhalten können würde, um nicht hinterrücks ins Wasser zu fallen, dass aber genau das sicher zum Kentern des Bootes führen würde, und so weiter.

Keine schöne Situation. Innerhalb von Sekundenbruchteilen duellierten sich in meinem Kopf die Möglichkeiten „Festhalten und mit dem Boot kentern“ oder „Loslassen und ins Wasser fallen“.

Natürlich ließ ich los und platsch, in voller Montur, mit Schuhen und allem Drum und Dran. Eigentlich wär das ja eh wurscht, nur: Entweder passiert´s dir draußen am See, dann kommst du nie mehr ins Boot hinein, voll blöd das, weil du dann auf ein vorbei fahrendes Schiff warten und um Hilfe bitten musst, was eher sehr peinlich ist. Oder es passiert dir drinnen in der Marina, wo es alle, also wirklich alle sehen können, was noch viel, viel, viel peinlicher ist.

Mir passierte es wie gesagt in der Marina.

Ich paddelte mit den Händen im warmen Seewasser, schnappte ein wenig nach Luft, und konnte am Steg alle hören, wie sie vor Vergnügen aufjaulten. Es braucht schon ein gutes, rundes, gesundes Ego, damit du dich als gut 50-Jähriger nicht zu sehr genierst, wenn dann ein gerade einmal 20-jähriger Ferialpraktikant mit der Zille rausschippert, von einem Ohrwaschl bis zum anderen das denkmöglichst breiteste Grinsen grinsend, um dich zu retten. Und dir weiters, während du waschelnass von der Zille wieder ins Boot kletterst, das Segeluniversum zu erklären, warum das passiert ist, was du besser machen musst, und überhaupt. So etwas zirkuliert außerdem, macht die Runde in der Community. Seither grinst jeder der gut zehn Ferialpraktikanten in der Segelschule Mondsee dieses Cinemascope-Grinsen, wenn er oder sie mir begegnet. Sie verlieren alle kein Sterbenswörtchen zu der Sache und sind voll total höflich. Aber sie grinsen. Und ich weiß, warum sie grinsen. Und sie wissen, dass ich weiß, warum sie grinsen. Die Hölle. Auch mein Segellehrer, als ich ihn zufällig ein paar Tage später traf: grinste. Er sagte: Erstens ziehe ich dir jetzt die Ohren lang, weil. Und zweitens gehst du jetzt ins Sekretariat und buchst eine Privatstunde mit mir. Wir haben einiges zu besprechen. Wie gesagt, sie müssen halt was verdienen, in der Segelschule, ist okay.

Jetzt aber noch folgendes: Mein Ego ist eh in Ordnung und befindet sich in einer gesunden Gesamtbalance zwischen Demut und Selbstvertrauen. Also antwortete ich mit folgendem Monolog:

Zu zweitens: Mache ich, freu mich schon auf das weitere Lernen. Aber zu erstens, mein Freund: Ich bin Anfänger, die machen Fehler und Fehler sind ihnen erlaubt, wenn sie daraus lernen, was ich getan habe, das wird mir nie mehr passieren, daher war die Sache eigentlich gut. Außerdem habe ich das Boot vor dem Kentern gerettet, weil mir lieber war, ich falle ins Wasser, als das ganze Schiff kippt um, das war auch gut. Und drittens möchte ich festhalten, dass ich dann später mit einer super Nonchalance durchs Bojenfeld wieder zum Anlegen gesegelt bin, obwohl ein teuflischer Wind wehte, ich zum ersten Mal allein unterwegs war und das in einem Boot, das ich nicht kenne und das insgesamt sowieso eine depperte Konstruktion ist, wie du zugeben musst. Für einen erfahrenen Segler wie dich mag das leicht und lässig gehen, für einen Anfänger wie mich ist es aber keine so schlechte Leistung. Oder wie oder was?

Segellehrer R. überlegte kurz, vermutlich dachte er über das Wort Nonchalance nach, das begegnet dir beim Segeln nicht so oft, wackelte dann ein bissl mit dem Kopf, und sagte:

Stimmt eh.

Also verzichtete ich gestern spätabends dann doch auf einen Anruf bei der Segelschul-Notnummer zu Rache- und Genugtuungszwecken, weil einer der Ferialpraktikanten es nächtens nicht schaffte, die versumperte Dufour-Yacht korrekt nach Hause zu bringen. Ich hätte dann zwar fürderhin auch grinsen zu können, wenn die Ferialpraktikantenwege und meine sich kreuzen, aber man ist ja erwachsen und steht über den Dingen. In meinem Fall: sitzt. Auf der Terrasse.

Und jetzt, da ich das fertig geschrieben habe, sitz ich eben da auf der Terrasse, schaue auf den mittäglichen grünen See runter und erkenne, dass niemand mein Bankerl beim Badeplatzerl besetzt. Also gehe ich jetzt gleich runter und schwimme ein wenig. Schönen Tag noch, liebe Blogleser und Innen!

P.S. Wegen des Aufmacherfotos mit dem Feldstecher und weil ich sagte, ich sitze so viel und schaue: Keine Angst, ich bin nicht zum Spanner mutiert. Es gibt hier halt nur so viel Schönes und Amüsantes zu sehen, wenn man sitzt. Nicht schauen geht gar nicht. Wer von Ihnen, liebe Blogleser und Innen, mich schon besucht hat hier am Mondsee, wird das sagen, was Segellehrer R. sagte: Stimmt eh!

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