Blue Grape

Mein Großvater hat sich seinen stolzen Gasthof seinerzeit durch die Finger rieseln lassen. Aber ich, ich! bringe die Blaue Traube jetzt nach Mondsee zurück.

Ich weiß, dass unter meinen Bloglesern und Innen nicht wenige zur Ansicht tendieren, ich sei durchaus peripher durchgeknallt. Wer bin ich, dass ich dem widersprechen könnte, ich mache ja tatsächlich ganz schön viel Unsinn, aus der Sicht vernünftiger Menschen. Zwar bin ich überzeugt, statt peripher doch eher mehr charmant durchgeknallt zu sein, doch wir wissen ja, dass die Schönheit immer im Auge des Betrachters liegt. Als ich jedenfalls vor zwei Jahren daran ging, Pläne zu schmieden, wie ich mir in den Klosterneuburger Donauauen ein Sommerhäuschen auf Stelzen besorgen könnte, gab es verschiedenste Reaktionen, die sich im wesentlichen auf die einfache Frage „Bist deppert‘?“ verknappen ließen. Daraus wurde dann eh nix, weil sich stattdessen eine Ferienwohnung am Mondsee ergab. Dort habe ich unter dem Einfluss der in diesem Jahr fürstlich heißen Sommersonne beschlossen, mein ohnehin schon derangiertes Denken jetzt in die Herbstferien zu schicken, nicht mehr viel zu überlegen, sondern mich stattdessen einfach auf die Suche nach einem Boot zu machen. Keinem geliehenen, nein, einem eigenen. Ist an sich nicht so gescheit, wenn du eh kein Geld hast, aber so eine kleine charmante Durchgeknalltheit hat halt was. Nicht einmal der publikumswirksame Fall ins Wasser vor der Anlegestelle der Segelschule (ja, danke, wir haben alle sehr gelacht, vor allem die anderen – mehr darüber hier) konnte dem Wahnsinn einen Riegel vorschieben.

Und heute: gekauft, finally.

Ich sah die noch gar nicht so alte, kleine Beneteau-Yacht verspielt im Attersee dümpeln und wusste auf eine Weise, dass diese Feine meine ist, wie mir das im ganzen Leben bisher nur einmal passierte, nämlich vor 20 Jahren mit C.

Kleiner Einschub an dieser Stelle – Sie wissen ja, ich neige zum Schwafeln, wann immer ich die Chance dazu habe: C also. Damals hatten sie und ich (das heißt: eigentlich mehr ich) den Plan, dass ich Segelboot-Käptn werden würde, während die von mir geliebte C nach Studienende zu Hause als Psychologin werken würde. Sie können das in diesem Blogpost hier nachlesen. Aus beidem – der Käptn-Sache und einer nachhaltigen Liebe zu C – wurde dann leider nichts, leichtfertig ließ ich C sich vertschüssen und das mit dem Segeln ließ ich ins Nirwana der Verdrängung abtauchen, als wären Segelschiffe und große Lieben U-Boote, die irgendwann einfach nicht mehr sichtbar sind. Im Unterbewusstsein habe ich mir aber die watteweiche Erinnerung ans Segeln, die See und C bewahrt. Als ich im vergangenen Sommer beinahe jeden Tag auf den Mondsee hinab blickte und die Segelboote unten das tun sah, was Segelboote eben so tun, wusste ich: Auf´s Wasser aussi muaß I.

Heute traf ich nach durchaus originell verlaufenen Suchwochen – Segler können ein wenig schrullige Menschen sein, doch das ist eine andere Geschichte für einen anderen Blogpost – Namensvetter K, der die Beneteau feil bot. Wir glitten über den Attersee, segellos, weil Wind null, und ich wusste: Das ist sie, das ist sie, das ist die, mit der ich den Mondsee besegeln werde. Noch ist der Vertrag nicht unterschrieben und das Geld nicht rübergewachsen, aber K´s sind Männer, bei denen ein Handschlag noch was zählt. Wir haben uns die Hände geschüttelt, Wort ist Wort, die Beneteau gehört mir, das Geld gehört K.

Bildschirmfoto 2017-09-04 um 18.48.38Das Schiff hat an sich einen super Namen, es heißt: „Ah! der See“. Schnallen Sie´s eh? Die Ah! der See liegt im Attersee. Ah der See – Attersee.

Ich mag das und habe mir während meiner Suche angesichts der vielen Lillys und Monas und Alexandras und so weiter echte Sorgen gemacht, ob jemals ein Schiff kommen würde, das mir den einen brächte (Namen nämlich), der es mir sympathisch macht, weil einfallsreich. Die Ah! der See darf dieses Prädikat selbstverständlich als verdiente Galionsfigur vor sich her schippern wie im Film die Titanic die schöne Kate Winslet. Und dennoch: Ich kann es einfach nicht bei diesem Namen belassen, so leid es mir tut.

Denn ich habe die Bürde der Familie meiner Mutter zu tragen, seit den Göllners die Blaue Traube verloren ging, der wie gesagt stolze Gasthof meines Großvaters am Mondseer Marktplatz. Sie können auch das im Detail nachlesen, Blogpost hier. Eine viele Jahrzehnte lange Absenz sämtlicher Familienmitglieder von Mondsee folgte, bis ich, der einzige Nachkomme mit einem Sensorium für das vergangene Drama, hierher zurückkehrte. Der Name „Blaue Traube“ ist aus dem Ortsbild getilgt, Mondsee kennt den Schriftzug nicht mehr, der Gasthof ist inzwischen das Iris Porsche Hotel geworden.

Aber, Opa im Grab, du kannst dich wieder auf die richtige Seite zurück drehen, es gibt ja noch mich, und wie gesagt, ich bringe die Blaue Traube zurück an den Mondsee! Ich werde mein neues Boot so nennen.

„Blue Grape“ wird es heißen, also Blaue Traube auf Englisch. Denn die deutsche Version wäre erstens ein bissl unmodern, inzwischen sind ja fast 100 Jahre vergangen, und außerdem ist das für ein Segelboot doch ein etwas zu idiotischer Name. So charmant durchgeknallt bin ich dann nämlich auch wieder nicht. Doch Blue Grape klingt kühl, oder? Sogar zum berühmten Piratenschiff Black Pearl ist es da nur ein kleiner Gedankenhupfer, und weil mir die bösen Buben sowieso viel lieber sind als die braven Bubis, passt auch das gut.

Sollten Sie also nächsten Sommer einmal am Mondsee vorbei fahren, werfen Sie Ihren geneigten Blick bitte von der Autobahn aufs Wasser und suchen Sie nach dem Boot „Blue Grape“. Es ist jenes, das am elegantesten von allen mit dem charmantesten Käptn von allen über den See tänzelt. Es ist einerseits die Hommage an den früheren Gastwirt Karl Göllner, meinen längst verstorbenen Großvater, und andererseits meine Heldentat. Denn ich habe mir heute allen Ernstes ein Segelboot gekauft.

Und ich, ich! bringe die Blaue Traube zurück an den Mondsee.

(Bilder: Jaksch)

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2 Gedanken zu “Blue Grape

  1. eine ziemlich coole Story finde ich – wünsche allzeit eine Handbreit Wasser unter dem Kiel! beste Grüße Peter Rossegger

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