Boxen und so

Heute mal was ganz anderes. Und nur keine Sorge, wenn Sie sich über den Titel wundern – ich bin nicht zum Schläger mutiert.

Jedenfalls, Thema Boxen: Für den morgen erscheinenden trend transportierte ich meinen unsportlichen Körper in ein Wiener Boxstudio. Ich schlug freilich nicht selbst zu, sondern beobachtete lieber andere beim Hinlangen – zum Beispiel den Spitalsmanager M., den Sie oben im absichtlich ein wenig verpixelten Bild sehen, oder den Rechtsanwalt F., der sich im Bild unten mit M. ein kleines Schaukämpflein liefert. Aufgrund dieser Studien muss ich Ihnen nun sagen: Boxen und das Bild, dass die meisten von uns davon möglicherweise im Kopf haben – ein einziges großes Missverständnis.

Bildschirmfoto 2017-10-25 um 13.04.35Erstens nämlich: die Menschen.

Keine Spur von eindimensionalen Schlägertypen. Zwar hört man rundherum verteilt über die vier Ebenen, die der Boxverein „Bounce“ in Wien-Ottakring okkupiert, hauptsächlich fremdländisch gefärbtes Deutsch, viel Slawisches und auch Arabisches, das durchaus ein bissl nach Ich mach dich gleich Kickbox! tönen mag. Doch ansonsten null potenziell rabiates Verhalten. Alle sind leise, zuvorkommend, höflich. Ich bin schon jahrelang nicht mehr von so vielen Menschen in so kurzer Zeit gefragt worden, ob man mir vielleicht die Türe aufhalten kann. trend-Fotograf W., der mit vor Ort war, konnte sich der vielen helfenden Hände gar nicht erwehren, die ihm sein schweres Equipment schleppen helfen wollten.

Ich hatte schnell den Eindruck: Bevor hier einer im Alltag irgendwo irgendwie leichtfertig zuschlägt, hilft er zuerst einmal lieber einer alten Dame über die Straße.

Außerdem zweitens: kein Sport für Dodln.

Sie können genau das im trend von morgen im Detail nachlesen – rund zehn Prozent aller boxenden Menschen in Österreich sind Manager. Das Thema Managerboxen boomt seit geraumer Zeit, und alle tun es, Banker genauso wie Rechtsanwälte, Firmenkapitäne genauso wie Journalisten, Zahnärzte oder Freiberufler. Das liegt einerseits ein bissl daran, dass Boxen eine multidimensionale Herausforderung an Körper und Geist darstellt, wenn man die Sache ernst meint. Und daran, dass viele der im Job gestressten Führungskräfte die feste Überzeugung vertreten, sie könnten aus dem Boxring das eine oder andere mit in ihr unternehmerisches Leben nehmen.

Ist ja auch tatsächlich so, allerdings gilt das für die meisten Sportarten.

Ich zum Beispiel behaupte immer noch mit Bestimmtheit, dass ich nur eine Runde Golf mit jemandem zu spielen brauche, um sagen zu können, was für ein Mensch er oder sie ist. Und ehrlich jetzt: Lerne ich danach jemanden etwas besser kennen, stelle ich praktisch immer fest – ich lag nicht daneben. Warum das so ist, erzähle ich Ihnen hier im Blog vielleicht ein anderes Mal. Vorerst lasse ich lediglich den renommierten Sportwissenschafter Günter Amesberger zu Wort kommen, er sagt: Es kommt nur auf die Metaphorik an, die jeder für sich selbst zu erkennen glaubt, und dann funktioniert es. Auch darüber steht morgen ein wenig mehr im trend.

Plus drittens: kein Sport nur für Männer.

Ich traf im Bounce gleich mehrere boxende Frauen, und was soll ich sagen: Das kommt durchaus ziemlich sexy rüber, irgendwie. An die 300 Frauen boxen in Österreich insgesamt hobbymäßig, erzählte mir ein paar Tage später Roman Nader, Präsident des Österreichischen Boxverbandes.

Glauben Sie es, oder glauben Sie es nicht: Ich hatte während des Besuchs im Bounce jedenfalls sogar ein bissl Lust, es selbst auch einmal zu versuchen. Doch ich verbannte diesen Gedanken umgehend ins Nirwana, als ich dann eine halbe Stunde lang beim Kurs Managerboxen zusah. Elf Männer und zwei Frauen wärmten sich da unter dem einigermaßen gnadenlosen Kommando von Boxtrainer Ahmed gründlich auf, um später Sandsäcke zu verprügeln. Das Aufwärmen ging in einer Intensität über die Bühne, dass mir sofort klar war: Wenn ich mit meiner auf Langzeiturlaub befindlichen Kondition da mitmache, liege ich nach spätestens fünf Minuten im Koma. Statt auch in den Ring zu steigen, lehnte ich mich also nur ein bissl lässig in die Seile und gab den voll coolen journalistischen Beobachter, der alles per Zusehen total im Griff hat.

Bildschirmfoto 2017-10-25 um 12.55.57Außerdem sportle ich neuerdings ja ohnehin nicht nur beim Golf am grünen Rasen – schmunzeln Sie bitte nicht, herzkreislauftrainingsmäßig ist Golf super – und auf dem Ergometer im Wohnzimmer. Sondern ich setze mich, wenn ich am Mondsee bin, ein paarmal in der Woche auf mein gut 20 Jahre altes Trekkingbike und umrunde den See. Das sind immer sehr feine 25 Kilometer, vorzugsweise am Abend, wenn die Sonne im Sommer hinter dem Kolomannsberg und im Winter hinter dem Gaisberg versinkt und sich der halbe Himmel im See spiegelt. Höchst pittoresk, das – aber Sie sehen´s im Bild links eh selbst. Dann bin ich der in den Sonnenuntergang radelnde Cowboy. Befinde ich mich in guter Laune, was am See unterbrechungsfrei der Fall ist, rezitiere ich für mich selbst immer ein bissl englische Lyrik, während ich am Fuße der Drachenwand vorbei ziehe und wenn ich noch genug Luft habe, oder ich trällere ein irisches Liedchen vor mich hin, hört eh keiner. Ich plane, das ab kommendem Frühjahr auszuweiten, indem ich dann nicht mehr die kleine Tour um den Mondsee, sondern die mindestens doppelt so lange Route Mondsee-Thalgau-Fuschlsee-Wolfgangsee-Scharfling-Mondsee nehmen werde. Habe bereits meine Fühler ausgestreckt, wer mich beim dazu nötigen Kauf eines halbwegs passenden Straßenrades beraten könnte, und gestern mit dem superprofessionellen Hobbyradler und noch viel professionelleren Agenturchef C. gesprochen – man wird sich beizeiten auf einen Kaffee treffen und er wird mir Tipps geben, wie und wo ich zu welchem für mich geeigneten Rad gelange.

Darüber hinaus bin ich ja seit heuer außerdem Segler, und das ist auch ein Sport. Ist die Blue Grape im April 2018 erst einmal ins Mondseewasser gelassen, werden sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit super Metaphoriken für mich finden, aus denen ich vom Gleiten übern See Ezzes ableiten kann, wie sich meine angeborene Grundtraurigkeit über eh alles halbwegs schad- und klaglos durchs an sich beschwerliche Leben transportieren lässt.

So in der Art: Fällt einmal was ins Wasser, kann das auch was Gutes bedeuten. Oder so. Man muss ja nicht gleich boxen, um aus dem Sport Lebenshilfe zu lukrieren.

Aufmacherbild: Wolfgang Wolak

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