Kaffeehausschreiben

Die alte writing factory aus dem ersten Jahrzehnt dieses Jahrtausends wird wiederbelebt, ich arbeite gerade an der Website.

Aber nicht, dass Sie jetzt glauben, ich höre auf, beim trend zu schreiben. Keineswegs, nur legt die neue Zeit mit ihren Vielfältigkeiten in der bunten, wild gewordenen Welt der Kommunikation nahe, das journalistische Schreiben breiter anzulegen. Dort, wo es mit meiner Arbeit als Wirtschaftsjournalist für renommierte Medien wie trend oder Horizont oder bestseller vereinbar ist, stretche ich daher das Portfolio ein bissl, werden im neuen Jahr auch einige Corporate-Writing-Jobs für die Wirtschaft dazu kommen. Davon berichten werde ich Ihnen gesondert – hier erst einmal folgende, für Sie komplett belanglose, für mich jedoch überraschende Information:

Im Zuge der Arbeit an dieser writing-factory-Website zählte ich aus Jux und Tollerei die Kaffeehäuser, in denen ich im Laufe des Jahres 2017 geschrieben habe – es waren gut 25. Schon erstaunlich: in Wien natürlich, in Graz, den Sommer über auch in Mondsee. Um den Jahreswechsel saß ich außerdem in Triest sowie Monate später dann in Opatija im Café und schrieb etwas.

Schön wäre es natürlich, könnte ich mich jetzt rühmen, Kaffeehausliterat zu sein. Freilich – das wäre eine geradezu frevelhafte Art von Amtsanmaßung. Ich bin natürlich ein polternder Handwerker, schließlich ist Journalismus nicht mehr als eine Art Alltagsabarbeitung von Möglichkeiten, die der Sprachgebrauch halt so bietet. Kunst ist das nicht – sondern eben nur Handwerk.

Erstens, zu Literatur reicht es bei mir – wie bei fast allen anderen Menschen und den allermeisten im Journalismus schreibenden Kollegen und Innen – um Längen nicht. Das ist jetzt nicht Koketterie. Einerseits fehlt schlicht das Talent, miese Schriftsteller gibt es ohnehin zuhauf, ich denke da zum Beispiel an – ah, lassen wir das lieber. Und zweitens liegt es auch and der Sprache. Seien wir ehrlich, Deutsch ist ein Elefant im Porzellanladen. Holterdipolter und so – selbst aus der Feder geschliffener Formulierer. Beherrscht man es nicht erstklassigst, und wer kann das schon von sich behaupten, kommt nichts Gescheites dabei heraus, wenn man auf Deutsch Geschichten erzählt. Nicht von ungefähr hat die große Tradition der Storyteller keinen europäischen Ursprung, sondern stammt aus Übersee. Kaum ein deutschsprachiger Autor schafft es, zu erzählen wie Paul Auster oder John Irving. Das hat eben auch mit der Sprache zu tun. Na, jedenfalls: Ich bin Journalist, kein Kaffeehausliterat.

Aber wie früher die Literaten, schreibe ich gerne in Kaffeehäusern und auch in Bars – weil das, was Alfred Polgar einmal gesagt hat, auf mich zutrifft wie die Bezeichnung „Nervensäge“ auf den Fußballer Marko Arnautovic. Polgar erklärte dereinst, er gehöre zu den Lächerlichen, die zum Alleinsein Gesellschaft brauchen.

Genau das ist es. Außerdem weiß ich mich abseits der selbst- und fremdernannten heimischen Literaten, die es eh alle nicht sind, beim Kaffeehausschreiben in allerfeinster journalistischer Gesellschaft. So schreibt zum Beispiel der österreichische König allen medialen Storytellings der Gegenwart, Helmut Gansterer, vorzugsweise in Cafés und Bars, wie er mir persönlich einmal erzählte. Das hat schon was: Du sitzt dort, tippst, befindest dich in Gedanken völlig bei dir und dennoch in Gegenwart des ganzen Lebens, das rund um dich vor sich hin schnauft und halt einfach stattfindet.

Schreiben im Café ist super.

Besser als an irgendeinem Schreib- oder Wohnzimmertisch. Beweis? Gibt es: Dieser Text hier zum Beispiel, eher eindimensional formuliert, ich könnte das sicher besser, entsteht gerade am Wohnzimmertisch meiner Grazer Wohnung. Jener Text hingegen (klicken Sie ruhig), den ich nicht nur für gelungener halte, sondern der einer meiner liebsten auf diesem Blog ist, entstand im Kaffeehaus – im Bewely´s in Dublin nämlich. Ich hoffe, Sie stimmen mit mir überein: Es gibt einen Unterschied.

Thema Kaffeehaus also, jetzt Lamento: In Graz schrieb ich bisher oft, oft im Café Ritter. Dort war immer was los, es gab aber dennoch stets ein Platzerl, Studenten der nahen Karl Franzens Universität mischten sich mit Anwälten, Architekten, und außer mir war zumeist auch anderes an der Tastatur arbeitendes Publikum präsent. Ein schöner, guter Ort zum Schreiben. Leider ist er nicht mehr, zumindest nicht so. Aus unbekannten Gründen beschloss nämlich ein neuer Pächter, alles anders zu machen, das Café nun erst ab 17 Uhr zu öffnen, eine aus Euro-Paletten bestehende kleine Bühne aufzubauen – warum, weiß kein Mensch – und ansonsten möglichst großes Desinteresse an bemühtem Bewirten zur Schau zu stellen. Ergebnis: Das Café ist fast immer leer – wer will schon nach 17 Uhr Kaffee trinken. Statt schnaufendem Leben wackelt dort nun der Tod einen gruseligen Tango aufs Parkett und grinst sich eins. An der Wand hinter der Bar ließ der neue Chef sogar passend das Bild eines Skeletts anbringen. Sehr spooky, das. Für mich ein Desaster. Bin schwerstens auf der Suche nach Ersatz – ich brauche: Wlan, Atmosphäre, adrett-nettes, lässig-lockeres Personal, und der Kaffee muss auch gut sein, was in Graz sowieso eine echte Schwäche beinahe aller Kaffeehäuser ist. Wenn Sie einen Tipp hätten, ich wäre Ihnen zu ewigem Dank verpflichtet.

Bildschirmfoto 2017-12-01 um 17.49.01So etwas wie einen Lichtblick gibt es zwar plötzlich – aber ich bezweifle, dass es sich dort wirklich gut schreiben lassen wird, weil vermutlich zu viele aufgrund überzogener Erwartungshaltungen Durchgeknallte sowie ebenfalls zu viele aufgrund stechenden Hasses Radikalkonservative (schwieriger Satz, was?) auftauchen werden: Heute las ich in der Presse, dass in Graz demnächst ein „Coffeeshop“ nach niederländischem Muster eröffnet – also einer, in dem man Cannabis konsumieren kann. Für meine konservativsten Blogleser und Innen, an denen das pralle Leben wahrscheinlich ein bissl zu spurlos vorüber huscht, und die sich noch nicht ganz auskennen, was da jetzt Sache ist:

ein Haschkaffee.

Kaum zu glauben, eigentlich. Ich hab Ihnen sicherheitshalber jedenfalls die Meldung abfotografiert und stelle das Bild hier online – nur falls Sie hingehen und konsumieren oder bloß applaudieren oder meinetwegen auch protestieren wollen.

Ich: werde dort bald eimal zu schreiberischen Testzwecken aufsteirern und schauen, wie das Look & Feel so ist. Vielleicht lässt sich ja mit einer ordentlichen Portion Cannabis im Blut selbst das einigermaßen inspirationsbefreite Deutsche in eine sprachliche Wundertüte verzaubern.

On verra, wie wir Franzosen sagen. Das Ganze klingt jedenfalls ein bissl nach onwijs gaaf, wie wir Niederländer sagen. Zweifellos good craic, wie wir Iren sagen. (Sie merken, geistig habe ich mich schon auf den Konsum eines C-Cappuccinos eingestimmt und formuliere entsprechend hinüber.)

Bildschirmfoto 2017-12-01 um 17.39.27Und jetzt P.S. noch, diese Sache mit dem nervenden Marko Arnautovic: Wer bin ich, dass ich das einfach so behaupten könnte. Selbstverständlich fußt diese kleine Gemeinheit auf quasi wissenschaftlicher Basis. Das Linzer Meinungsforschungsinstitut Marketagent.com untersuchte im vergangenen Frühjahr, welche Österreicherinnen oder Österreicher als Werbe-Testimonials besonders gefragt sind. Die Studie „Österreichs Werbelieblinge“ brachte auch zutage, wer den Leuten hauptsächlich bloß auf die Nerven geht. Ergebnis: Arnautovic. Sie sehen das im Original-Sheet von Marektagent.com nebenstehend. In case you wish to learn more, wie wir Briten sagen: Konsumieren Sie bitte den kommenden „bestseller“, welcher eine Beilage zur Branchen-Wochenzeitung „Horizont“ ist und nächste Woche erscheint – dort steht dazu eine ganze lange Story. Sogar eine Drag Queen als Testimonial kommt darin vor, ehrlich.

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