Wie man fliegen soll

Jakob Zwolle hat seinen 60er vor sich.

Drei Monate noch, ungefähr, dann bringt dieser Geburtstag meinen guten Freund einer Phase seines Lebens näher, in der man den finalen Horizont an klaren Tagen mitunter schon recht gut beobachten kann. Da macht sich Jakob halt nun manchmal so seine Gedanken, er hat sogar so eine Art regelrechte Vision.

Bei einem oder mehreren Bieren erzählt er mir immer davon, erst kürzlich wieder. Es stolpere ihm, sagt Zwolle dann jeweils, immer die Überlegung durch den Kopf, wie das einmal sein könnte, wenn es eines Tages an der Tür klopft, er macht auf (wenn er dazu überhaupt noch in der Lage ist), und der Tod wackelt seinen gruseligen Tango ins Vorzimmer herein, packt ihn, transportiert ihn ins Nirwana, und aus.

Da musst du natürlich vorbereitet sein, das sollte dich nicht auf der falschen Arschbacke erwischen. Schon gar nicht im Liegen. Also solltest du idealerweise planen. Wer, so wie Zwolle, nicht katholisch und damit nicht allen Restriktionen dieser Welt unterworfen ist, dem ist es erlaubt, daran zu denken, das Ende selbst zu erledigen. Zumindest, wenn die körperlichen Voraussetzungen dazu gerade noch gegeben sind, bevor es mit dem letzten bissl Leben im Leib schließlich rasant eine kurze, aber heftige 100-Prozent-Steigung bergab geht – und einen die mitfühlende Verwandtschaft oder wer auch immer in aller freundlichen Kälte in die distanzierte Verbannung einer Seniorenresidenz verfrachtet, wo es dann in Sachen Flauschigkeit 24 Stunden am Tag lang finster ist.

Ich sage zu Zwolle an dieser Stelle jeweils, ich könne ihm für jene Situation, sollte sie denn einmal tatsächlich eintreten, einen Lösungsvorschlag unterbreiten. Dieser umfasse nur vier Worte und laute:

Cliffs of Moher, rechtzeitig.

Bildschirmfoto 2017-12-15 um 11.48.41Die Cliffs sind wunderbar, wie eh fast alles an Irlands wilder Westküste. Steht man oben, öffnet das Panorama einen Blick in die Unendlichkeit Richtung Amerika, davor liegen die drei wundersamen Aran Islands im Atlantik, Inishmore, Inishmaan und Inisheer, ein wenig verschwommen wegen der Ferne, fast schon draußen am Horizont, und die Sonnenuntergänge, die sich dort abspielen, sind unvergleichlich. Oben auf den Cliffs grüne Wiesen, unten blaues Meer mit strahlend weißer Schäumung, es geht wohl an die 200 Meter hinab, ein salziger Wind schmiert um Nase und Stirn, alles ist weit, breit, luftig und lieblich. Lediglich ein kniehohes Mäuerchen stemmt sich dem Überklettern in den Weg, das lässt sich mit entsprechend Verve auch noch im fortgeschrittensten Greisenalter schaffen, dann ein paar Schritte, ein Sprünglein, Arme ausbreiten und fliegen, fliegen, fliegen …

So lässt es sich letzten Endes doch happy vor den Schöpfer treten – wurscht, wie grausam das Leben auch verlaufen sein mag. Womöglich sind diese letzten paar Sekunden eines Daseins dann ja sogar besser als alles, was vorher war. Verbringst du sie in einem Krankenhaus-Sterbebett oder in der würdelosen Sieche eines Altersheimes, fällst du um dieses Erlebnis um, bevor du endgültig umfällst. Durch die finalen Augenblicke einer Existenz soll man glücklich gleiten, sorglos segeln, mit Armen wie Adlerschwingen, mit Augen wie ein Leuchtfeuer, und mit einer Unendlichkeit im Denken, die dem entspricht, was kommen mag.

Dieser Tag rückt für uns alle immer näher, von jener Sekunde an, in der dich eine hoffnungsfrohe Mutter aus dem Bauch quetscht. Nicht nur bei Jakob Zwolle, auch bei Ihnen, auch bei mir, selbstverständlich.

Sagte doch der HNO-Arzt neulich, der eigentlich die Nase untersuchen sollte, aber der Vollständigkeit halber gleich einen Hörtest mit ablieferte, dass ich mir keine Gedanken machen müsse, weil man auf der einen Seite eh erst sehr langsam an eine Grenze gelange, ab der sich vielleicht über ein Hörgerät nachdenken ließe, während auf der anderen alles voll total okay sei. Ich meine: Ich? Ein Hörgerät!? Spinnt der? Gott sei Dank habe ich ihn nicht genau verstanden, weil er halt so leise redet. Was in letzter Zeit übrigens immer mehr Leute zu tun scheinen, wie mir auffällt. Leises Sprechen muss wohl einer dieser modernen Trends sein, von denen ich nicht viel halte, denn ich werde zusehends der Alte. Dessen Tag des Abflugs, jedenfalls, näher rückt, im Schneckentempo zwar, aber doch. Schlag nach bei Zwolles Visionen.

Von denen er weiter dieses erzählt:

Verschwommen kann er darin eine göttliche Stewardess vor seinem geistigen Auge erkennen, vollbusig, rote Lippen, komischerweise allerdings immer in ein schockoranges Kostüm gekleidet und mit einem lächerlich riesigen Hut auf dem Kopf, den man nicht einmal als britischer Royal beim Pferderennen von Ascot aufsetzen könnte, ohne sich zu genieren. Die Stewardess wachelt mit einem wölkchenumströmten Lächeln vor ihm herum und sagt, es würde jetzt Zeit to fasten your seat belts and put the backrest of your seat to an upright position. (Zwolle merkt an dieser Stelle jeweils an, dass er keine Ahnung habe, warum sie Englisch redet, vielleicht sei das für nicht Gläubige wie ihn halt die universelle Sprache des Nichts, aber er wisse es einfach nicht und eigentlich sei das eh egal.) Dann kommt die Durchsage des Käptns, von dem er sich an sich bereits im Alter von 19 per Austritt aus der Kirche handschlaglos verabschiedet habe, der Käptn erkläre, man sei nun in die Phase des Sinkfluges auf den Bestimmungsort eingetreten.

Beschließe: Wenn es dann bei Zwolle einmal soweit ist, werde ich ihn auf seinem Flug nach Irland zum Abflug begleiten, weil ich ein guter Freund bin. Zu so etwas soll man nicht allein anreisen müssen und in Irland bin ich sowieso immer gern. Außerdem brauchst du einfach ein bissl Unterstützung, wenn du über dieses Mäuerchen drüber willst.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s