Wiener Hausmeister

Was eine Hausmeisterin in Wien ist, die wohnt auf der Zweierstiege. Die Einserstiege ist für Hausmeister tabu. Dort wohnen die Wappler und Spießer, die Westentaschen-Erfolgreichen, für die Autoverkäufer schon der Höhepunkt der Karriere ist. Oder die Tussis, die den Aufstieg von der Billa-Kassiererin zur Versicherungs-Sachbearbeiterin geschafft haben. Oder die Streber, die nur durch die Matura geschlittert sind, weil sie wussten, wie man dem Klassenvorstand in den Arsch kriecht. Die wohnen alle auf der Einserstiege, dem klassischen Wiener Wohnsiedlungs-Abstellplatz für nur fast so Gute, die von sich glauben, dass sie Beste sind, während allen anderen klar ist, dass sie die Nachhut der Vorhut nicht einmal am Horizont erkennen können.

Die wirklich Lässigen wohnen auf den Stiegen Zwei bis Fünf. Nicht auf der Sechs, das wäre zu weit hinten im Bassena-Ranking kommunalen Wiener Wohnens. Die Sechserstiegen sind in den Wohnanlagen für den Abschaum reserviert. Dort logieren die Versoffenen, die Prokrastinierer, die heimlichen oder offenen Päderasten, die im Kleinen Kriminellen und die im Großen Gescheiterten.

Die Wiener Hausmeister jedenfalls, die wohnen eben, wenn sie über Berufsethos verfügen, auf den Zweierstiegen. Weit vorne, aber trotzdem nicht Protz in der ersten Reihe, Understatement quasi.

Jetzt ist es nur so, dass das Wiener Hausmeisterwesen von der Stadtpolitik längst ins Ausgedinge befördert wurde. Was den Hausmeistern geblieben ist, den früheren Alleinherrschern der Wohnanlagen, sind nur mehr ihre Schalt- und Waltzentralen auf den Zweierstiegen, nicht mehr als Dienst-, sondern als zu bezahlende Gemeinde- oder Genossenschaftswohnungen.

Doch als Hausmeister trittst du nicht an oder ab, sondern Hausmeister bist du. Das ist eine Berufung, eine Ehrensache. Selbst wenn du nichts mehr zum Hausmeistern hast, weil sie dir alles bis auf die Wohnung genommen haben, bist du trotzdem noch Hausmeister. Du hast an deinem Horchposten an der Zweierstiege auch dann noch die Beobachtungs- und Deutungshoheit über alles in deiner Wohnanlage, wenn du offiziell nur mehr als Abklatsch deiner seinerzeitigen Autorität herumlungerst. Die Berufsehre gebietet, dass du trotzdem alles siehst, hörst, weißt und vor allem auch weitererzählst, was in deinem Einzugsgebiet vor sicht geht.

Genau so eine Hausmeisterin außer Dienst war die Czerwenka.

Alt, bissig, geschwätzig und mit Krampfadern wie fette Regenwürmer, die an ihren Schenkeln hoch krochen und unter die Schöße der ausgewaschenen Putzkittel wanderten, die sie noch immer trug, obwohl sie nichts mehr zu putzen hatte. Die Czerwenka war eine Titanin von ausrangierter Hausmeisterin, ein Leuchtfeuer aller hausmeisterlichen Modernisierungsverlierer. Sie kontrollierte immer noch den Wohnanlagen-Alltag mit genau jener fein dosierten Portion von permanentem Grundgrant, den nur die besten aller ehemaligen Wiener Hausmeister ins Grätzel-Miteinander zu knallen imstande sind. Eigentlich war es völlig klar und logisch, dass Wallner in seiner Abschiedsbotschaft an Schwarz und Kolmar die Czerwenka als erste Anlaufstelle vorgesehen hatte.

Das ist ein Auszug aus dem Web-Krimi, den Rainer Himmelfreundpointner und ich schreiben. Einmal er rund 3.000 Zeichen, dann wieder ich rund 3.000 Zeichen, und so weiter. Ping-Pong-System also. Der Handlungsstrang ist nicht abgesprochen. Und Sie können live mitlesen – wenn Sie möchten, sogar etwas zur Geschichte beitragen. Derzeit suchen wir nach einem Titel für den Krimi. Zum Webprojekt geht es hier, bitten klicken und lesen Sie, was bisher vorhanden ist!

Header-Bild: Klangspuren Schwaz, Christian Koelnberger

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