Der Vater schaut

Wenn der Vater auf seiner Hollywoodschaukel sitzt und hinüber schaut, zu den Bergen, die rechts hinten den Horizont bilden und auf deren Kamm Windräder stehen, die er aber nicht mehr erkennen kann, von denen ihm nur sein Sohn bei dessen Besuchen zwei-, dreimal in der Woche erzählt, oder zum nahen Berg links gegenüber, auf dessen Höhe ein alter TV-Sendemast in den Himmel sticht, wenn der Vater also dort hinüber schaut, dann ist es, als verginge die Zeit nicht mehr. Als wäre sie einfach nicht mehr da.

Nur sein verhaltenes Schaukeln nach vorne und nach hinten, das zierliche Tappen der Füße an den Erdboden beim Durchschwung, markiert die Sekunden, die vergehen, wie das Pendel einer Uhr. Sonst ist die Zeit für den Vater nur noch Schauen, sie misst sich in den Abständen zwischen Frühstück und Mittagessen, zwischen Sportübertragungen im Fernsehen und Abendessen, zwischen den Fütterungen seiner Katzen, zwischen den Besuchen des Sohnes oder, seltener, der Enkelin mit ihrem Freund. Auch der Sohn bringt, weniger regelmäßig, ab und zu eine Freundin mit oder erzählt zumindest von einer, aber der Vater hat aufgehört, sich Gesichter zu den Namen vorzustellen oder zu merken, weil für seinen Geschmack alles zu oft wechselt. Lieber erzählt er dem Sohn vom Freund der Enkelin, der immer derselbe ist, und der Sohn merkt dann, wie sehr der Vater sich darüber freut, dass sein erwachsenes Enkelkind etwas gefunden hat, das einer glücklichen Beziehung womöglich nahe kommt. Und freut sich mit dem Vater.

Könnte der Sohn in den Vater hinein sehen, würde er vermuten, dass der Vater sich Sorgen macht, weil er, der Sohn, es in seinem Leben nicht zu so einer Art von Beziehung gebracht hat. Dass der Vater womöglich darüber nachdenkt, wie das sein wird für den Sohn, wenn er einmal nicht mehr vorhanden ist, wenn der sich dann allein auf der Welt durchs Leben kämpfen muss, verbunden nur mit einer Tochter, die ihn nicht sehen oder hören will, und mit Freundinnen, von denen vielleicht keine die eine für ihn ist. Der Vater denkt dann, während er hinüber nach links auf den nahen und nach rechts auf die fernen Berge schaut, so würde der Sohn vermuten,  an sein eigenes Kämpfen im Leben.

In der endlosen Zeit, die nicht mehr vergeht, weil es für den Vater am Ende seines Lebens nichts mehr zu tun gibt, fallen ihm wieder lange vergessene Dinge ein, Geschichten aus einer manchmal schönen, meistens jedoch beschwerlichen Vergangenheit. Auch der Krieg wieder. Der Krieg, den der Vater sein ganzes Leben lang immer auf dem Rücken mitgeschleppt hat, obwohl er ihn sorgfältig beiseite schieben wollte. Gelungen ist ihm das nur an der Oberfläche, darunter war der Krieg immer da und beugte durch sein Gewicht beständig des Vaters Buckel, ohne dass der es merkte. Sechzehn oder siebzehn Jahre alt war der Vater, ein Kind praktisch noch, als ihn die letzten Kriegswochen aus seiner landwirtschaftlichen Ausbildung gerissen hatten, die er gerne mochte, und ihn mitten in das Chaos einer zu Ende gehenden Epoche von Mord und Totschlag gestoßen hatten. Der Vater erzählt nun, am Ende seines Lebens, wenn er gerade länger in den freien Raum vor seiner Hollywoodschaukel geschaut hat, dem Sohn ab und zu davon. Wie er zur militärischen Ausbildung nach Dresden transportiert worden war, wie er dort die Schrecken der brutalsten Bombennacht des gesamten Zweiten Weltkrieges überlebt hat, wie es überall und ohne Pause gekracht und gedonnert hat, und wie er etwas später in langen Märschen ohne Zuversicht, Hoffnung oder Information in jene Richtung geschickt worden war, in der die Ostfront lag.

Was jahrelang verschüttet war, bringt das viele Schauen nun ein wenig an die Luft, und der Sohn muss gar nicht viel fragen, manchmal erzählt der Vater jetzt von sich aus. Zum Beispiel von der zweijährigen Kriegsgefangenschaft in der Ukraine. Wie er zwei Wochen lang die tägliche 200-Gramm-Ration Brot gegen Tabak getauscht hat und dann fast an Schwäche und Unterernährung zugrunde gegangen wäre. Wie er bei der Zwangsarbeit verschüttet wurde, sich die Hüfte gebrochen hat und monatelang einfach irgendwo im Lager liegen gelassen wurde, wie ein französischer Mithäftling sich um ihn gekümmert, ihm mit wochenlanger Geduld wieder das Gehen beigebracht hat. Wie er bei einer ärztlichen Routinekontrolle beinahe erschossen worden wäre, stattdessen aber nur verprügelt wurde. Wie er nach der Entlassung auf der tagelangen Zugfahrt beinahe irgendwo im Niemandsland zwischen dem ukrainischen Kriegsgefangenenlager und dem Zuhause verloren gegangen wäre, weil er an einem Bahnsteig kurz ausgestiegen war, um einer Marktfrau einen Laib Brot abzuschwatzen, während der Zug sich plötzlich wieder in Bewegung gesetzt hatte. Wie er dann irgendwann mitten in der Nacht vom Grazer Bahnhof ans andere Ende der Stadt gewandert war und zu Hause ans ebenerdige Straßenfenster der Mutter geklopft hatte, die von seiner Rückkehr nichts wusste, und wie das damals dann war, als sie öffnete und ihren Sohn nach zwei Jahren wieder sah, und wie die Geschwister ihn begrüßten.

Der Vater kämpft manchmal mit den Tränen, wenn er auf seiner Schaukel sitzt, eine der Katzen streichelt, in die Welt vor ihm schaut, und an 90 Jahre Leben denkt.

Aber dann denkt er, dass es jetzt gut ist, dass das alles vorbei ist, dass alles ruhig ist hier heroben auf seinem Hügel. Dass die Enkelin ihn besuchen kommt, dass der Sohn sich um ihn kümmert, dass nichts mehr um ihn zusammenbrechen kann, dass die Verantwortung für Dinge und Menschen längst von ihm auf andere übergegangen ist, dass er jetzt einfach sein und warten und beobachten kann, wie die Zeit vergeht, irgendwie dann doch noch, mit jedem Tappen der Füße an den Erdboden zwei oder drei weitere Sekunden. Dass es jetzt nur mehr darum geht, zu schauen, solange es noch geht. Und dann schaut der Vater weiter.

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