Marach, Vastic, Schett

Manchmal geht frühe Saat erst sehr spät auf. Ich schmücke mich auch überhaupt nicht mit fremden Federn, denn ich habe an Oliver Marachs gestrigem Grand-Slam-Sieg in Australien ganz genau null Anteil. Jedoch: Ein ganz kleines Bissl habe ich vor langer, langer Zeit schon dazu beigetragen, dass der mittlerweile in die Jahre gekommene Tennisspieler als junger Nachwuchsprofi überhaupt erst den Grundstein legen konnte, beinahe zwei Jahrzehnte später in die Gänge zu kommen. Und das ging so:

Ich war damals Kommunikationschef der UTA Telekom AG, um die Jahrtausendwende eines der größten privaten Telekom-Unternehmen Österreichs. Es war eine verrückte Zeit, die Internet-Blase gerade am kompromisslosen Sich ausdehnen. Geld war abgeschafft, wir konnten damit so richtig wichtig um uns werfen. Und insgesamt hatte ich den Eindruck, dass ziemlich viele und ziemlich verrückte Junge überall am Werk waren, von denen die wenigsten ein zumindest ungefähres Bild von dem hatten, was sie tun. Eine Ahnung: sowieso nicht. Es ging alles und überall in der ganzen Branche völlig drunter und drüber. Ein wildes Durcheinander.

Jedenfalls, ich übernahm von meinem Vorgänger ein Sportsponsoring-Projekt, das an sich gar nicht so schlecht, aber insgesamt mehr angelegt war, den Sportlern ihre Karriere zu ermöglichen, weniger dem Unternehmen die Werbung damit. Eine eigens angestellte Sportwissenschafterin betreute das Projekt – die Sportler und Innen waren ihre Lieblinge, während das Unternehmen, so hatte ich den Eindruck, das alles bezahlte, eher von peripherer Bedeutung war. Das ist menschlich Respekt einflößend, aber wenn du auf Budgets und Returns on Investment achten musst und einen einen CFO im Genick hast, der dauernd fragt, was das Ganze überhaupt soll, dann tust du dir damit nicht so leicht. Mäzenatentum und Sponsoring sind einfach zwei grundverschiedene Dinge. Und wenn du Schweizer Mehrheitseigentümern verantwortlich bist und ihr Geld zwar locker sitzt, du es aber nicht so richtig gewinnbringend einsetzt, dann hockt dir bald einmal mehr und Gewichtigeres als nur ein Finanzvorstand im Gnack.

Kurz gesagt: Ich überlegte eine Zeit lang sehr ernsthaft, das teure und wenig werbeträchtige Programm zu streichen. Aber weil mir die Sache eigentlich gefiel, ich bin ja doch mehr der Schöngeistige als der Pfenningfuchser, trennte ich mich nur von der Sportwissenschafterin und engagierte statt ihr einen ehemaligen Ruderweltmeister mit abgeschlossenem Marketing-Studium, der die Sache dann ganz anders anging. Von da an profitierte auch das Unternehmen und das Projekt wurde richtig, richtig klass. Im Team der unterstützten Sportler waren neben einem Snowboard-Weltmeister-Pärchen, das damals kaum jemand kannte, und der superbekannten Barbara Schett auch noch die Mountainbike-Hoffnungsträgerin Sandra Simon und eben – Oliver Marach, damals frisch am Start seiner Karriere. Als bekannte Ergänzung nahmen wir noch Fußballstar Ivica Vastic auf, und ab da flutschte die Sache. Marach bekam von uns wie alle anderen auch ein Auto, einen ordentlichen Patzen Geld pro Jahr, ein bissl Marketing-Unterstützung, und der Ruderweltmeister R. war die bestmögliche Verbindungsperson zwischen Sport und Business. Es war eine zeit lang richtig cool. Vermutlich hätte Marach zwar auch ohne die seinerzeitige UTA-Unterstützung seinen Weg gemacht, aber am Start seiner Tenniskarriere hat ihm das wohl doch ein wenig Rückenwind in die Segel geblasen, schätze ich. Und da fällt mir ein, dass auch noch ein späterer Segel-Olympiamedaillen-Gewinner im Team war, dessen Namen ich vergessen habe. Außerdem die voll coole Schwimmerin Vera Lischka. Und noch ein paar.

Jedenfalls jetzt: Zeit für zwei, drei Blog-Gschichterln aus dem Universum des damaligen Sportsponsorings der UTA, denn die Sache war manchmal durchaus unterhaltsam:

Ich hätte also das Programm streichen sollen, bedeutete mir der damalige CFO, ein höchst eitler und nicht immer ausschließlich rational agierender Mensch, zumindest meiner Erinnerung nach. Im Nachhinein fällt mir ein, dass seine Frisur gewisse Elemente vom Kopfschmuck des heutigen Donald Trump aufwies. Naja. Jedenfalls, ich bin ja kein Trottel, also wusste ich, was zu tun war: Der Mann war Tennisnarr, und daher verwendete ich einfach einen der im Sponsoring-Vertrag von Barbara Schett festgeschriebenen Tage, die sie uns zur Verfügung stehen musste, und schickte den Chef zum exklusiven Privattraining mit der damaligen Nummer 7 der Weltrangliste der Frauen auf den Court. Danach wurde das Programm nicht mehr hinterfragt.

Andere Geschichte, Vertragsverhandlungen mit Ivica Vastic:

Sein Manager, heute Chef einer großen steirischen Plakatfirma, wurde mir vom Grazer UTA-Vertreter vermittelt. Er war freundlich, korrekt, aber knallhart und als Manager durchaus mit allen Wassern verworrener Winkelzüge gewaschen, was ich jedoch im Positiven verstanden wissen möchte. Ich mochte den Mann, allerdings zog die Sache sich wie ein Strudelteig – unter anderem, weil alle UTA-Sportler verpflichtet waren, den ihnen zur Verfügung gestellten blitzblauen, UTA-gebrandeten VW Beetle zu fahren, zwecks Werbewirkung und so weiter. Die schauen echt geil aus, flüsterte mir die Vorstandssekretärin im Vorfeld einer Weihnachtsfeier auf der Wiener Baungartner Höhe begeistert ins Ohr, bei der einige der Sportler-Beetles nebeneinander aufgereiht waren und blau in die Winternacht funklelten.

Problem jedoch: Vastic und Beetle?

Der Mann fuhr privat unter anderem einen Mercedes SLK, damals ein ziemlich schnicker Solitär unter den kleinen Sport-Cabrios – und die Verpflichtung, in einen öden Beetle zu wechseln, war ein echtes Vertragshindernis. Ivos Manager wollte mich einseifen und lud mich in die VIP-Loge zum Ländermatch Österreich-Schweden, das in Graz ausgetragen wurde, im – damals noch – Arnold-Schwarzenegger-Stadion. Danach wollten wir mit Vastic ins Kornati essen gehen, das nicht nur eines der besten Fischlokale in Graz war, sondern auch gleich neben meiner heutigen Grazer Wohnung liegt. Ich spaziere fast täglich daran vorbei, wenn ich in Graz bin, und denke an Santa Ivo, und wie das damals war. Das Fußballspiel endete 1:1 und war eine echte Schlammschlacht im Dauerregen. Und danach? Es hätte mir verdächtig vorkommen sollen, dass nach dem Match im VIP-Club lange diskutiert wurde, wie die Wagenverteilung für die kurze Fahrt zum Kornati aussehen sollte, und dass während der Autobesetzungsverhandlungen plötzlich an die gut 20, 25 Menschen um uns herum standen, die alle mit sollten. Stellte sich heraus: Ivos Clan. Der Bruder, der Schwager des Bruders, der Cousin des Schwagers des Bruders, die Mutter der Ehefrau, die Ehefrau sowieso, die Freundin der Mutter der Ehefrau, und so weiter. Es war für mich eigentlich gar nicht möglich, herauszufinden, wer jetzt wer war, und warum. Balkan halt. Jedenfalls saßen dann im Kornati alle an der elendslangen Tafel und aßen mit. Und selbstverständlich wollten auch alle mitreden und mitverhandeln. Kein Wunder, dass ich w.o. gab und der Manager, der schlaue Teufel, der das wahrscheinlich alles arrangiert hatte, sich eins grinste. Mehr als den Alibi-Erfolg eines zweiten VIP-Jahrestickes für alle Sturm-Spiele konnte ich als Gegenleistung für eine wirklich runde Summe, die Ivo fortan pro Jahr überwiesen bekam, nicht mehr rausschlagen.

Ich muss jetzt aber sagen: Vastic war sein Geld wert wie kein anderer im damaligen UTA-Sportler-Team. Mit allen anderen gab es dauernd Diskussionen über alles, nur Vastic erfüllte seinen Vertrag korrekt, professionell und bis ins kleinste Detail. Ich sage Ihnen, dass der Mann im TV manchmal ein bissl falsch rüberkommt, er ist total freundlich, intelligent, und ein echter Profi bei allem, was er tut. Heute noch schäme ich mich, dass eine Mitarbeiterin ihn damals missbrauchte, indem sie ihn auf oben angeführter UTA-Feier als Weihnachtsmann verkleidet mit einer australischen Weihnachtsfrau im kurzen roten, pelzbesetzten Rock irgendein Weihnachtslied trällern ließ. Schauderhaft. Aber Ivo tat es, ohne murren, weil Vertrag eben Vertrag ist. Ich habe seine Rechnungen mit der runden, siebenstelligen Schilling-Summe gerne unterschrieben.

Eine kleine Story noch: Barbara Schett.

Ihr Management war mir nicht so sympathisch wie der Vastic-Vertreter. Zwei Typen, die mit ihrer erfolgreichen Sportmarketing-Agentur in Mondsee logierten, was natürlich aus heutiger Sicht ziemlich cool ist, weil ja ich, meanwhile: I live by the lake. Wir fochten viele Scharmützel aus – unter anderem eines, bei dem ich eigentlich in Wahrheit der Depp war. Nämlich so:

Wir planten damals eine neue Imagebroschüre für die UTA und das Sportsponsoring sollte mit einem eigenen Kapitel hinein. Bei allen Qualitäten von Vastic als Zugpferd des Teams der Gesponserten, Barbara Schett war zweifellos die Schönste im Bunde. Also wollten wir sie  stellvertretend für alle abbilden. Das Management schickte uns tatsächlich unter anderem ein Foto, auf dem Schett in einigermaßen lasziver Pose mit durchsichtiger Bluse und eher wenig drunter auf einem Sofa lümmelte. Ich entschied: Das nehmen wir. Und weil ich auch damals schon lieber der Schreiber als der Kommunikationsmanager war, wollte ich das Texten selbst übernehmen. Wenn die Manager von der Schett schon so locker sind und so ein Foto schicken, dachte ich mir, dann kannst du ruhig auch beim Texten voll den Lässigen raushängen lassen. Ich titelte also mit:

„Zur Sache, Schettchen!“

Völlig klar, das geht natürlich nicht nur aus heutiger Sicht überhaupt nicht. Alle liefen dagegen Sturm. Meine Mitarbeiter verlegen von einem Fuß auf den anderen trippelnd und eher verklausuliert, weil sie ja dem Chef nicht widersprechen wollten. (Was ich übrigens durchaus gut geheißen hätte, denn ich glaube, ich war kein schlechter Chef, jedenfalls alles andere als ein Tyrann.) Der Betreuer der PR-Agentur, die das Projekt abwickelte, schon deutlich deutlicher, was auch okay war, weil er eigentlich so etwas wie ein Freund war und mein Bestes wollte. Die beiden Schett-Manager stiegen überhaupt auf die Barrikaden, als sie den Text sahen – und das auf eine Weise, die im Nachhinein klar erkennen lässt, dass sie mir bei aller zwischen Auftragnehmer und Auftraggeber gebotenen Zurückhaltung eigentlich vermitteln wollten:

„Sie san total deppert!“

Zu Recht natürlich. Ich leistete anhaltenden Widerstand, gab aber schließlich, wie schon bei den Vastic-Verhandlungen, doch noch nach. Auch das Bild verwendeten wir nicht. Gott sei Dank. Heute würde ich mich in Grund und Boden genieren, wäre so ein sexistischer Titel samt halbseidenem Foto aus meiner Verantwortung tatsächlich irgendwo gedruckt worden. Barbara Schett hat das vermutlich nie erfahren, denn zu den folgernden Weihnachtsfeiertagen schickte sie mir eine total nette, persönliche Glückwunschkarte, über die ich mich wirklich freute. Ein Bild aus der anrüchigen Serie steht übrigens heute immer noch im Internet, fand ich heraus. Sie finden´s unter diesem Link, es handelt sich um das letzte Bild ganz unten.

Oliver Marach hat wahrscheinlich auch nie erfahren, dass er das viele Geld vom Beginn seiner Karriere eigentlich mir verdankt, weil ich mich geweigert habe, das Sponsoring-Programm zu stoppen. Jedenfalls kann ich heute, fast 20 Jahre später sagen, dass ich vielleicht doch auch einen mini-mini-mini-mini-mini-mini-Anteil an einem Grand-Slam-Turniersieg eines Österreichers habe.

Das ist ja schon einmal was.

P.S. Headerbild: UTA Telekom AG

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