Einzelfälle

Ich hätte ein Foto machen sollen. Aber ich war einfach zu sprachlos, was bei mir recht selten vorkommt. Folgende Geschichte:

Vergangenen Herbst kaufte ich ein Segelboot, Sie können Details dazu im Blogpost „Blue Grape“ nachlesen. Dabei lernte ich, dass Segler – nicht der Blue-Grape-Vorbesitzer, der ist ein ausgesprochen freundlicher, normaler und korrekter Mann – mitunter schrullige Menschen sein können. Doch darum geht es nicht. Es geht um die Häufung dieser „Einzelfälle“ braunen Nazi-Mülls, die immer wieder auftauchen und die den Verdacht nahelegen, dass es unter der Oberfläche Österreichs in Wahrheit dunkelbraun aussieht.

Ich hatte möglicherweise auch schon eine Einzelfall-Erfahrung, was weiß man – und zwar bei der Suche nach einem Boot.

Ich folgte einem Inserat auf willhaben.at. Man telefonierte, der Besitzer schien freundlich, wenngleich durchaus ein wenig, naja, aus der Zeit gefallen. Wir vereinbarten einen Besichtigungstermin. Ich saß am Steg des Schörflinger Yachtclubs, wo man sich treffen wollte. Und tatsächlich schipperte per E-Motor ein Boot heran. Drin saß ein Mann, ein bissl korpulent, ein bissl glatzert, ein bissl schräg, ich stieg zu und wir glitten auf den See hinaus. Es irritierte mich, dass er mir zunächst dauernd nur das von ihm eingebaute Radio vorführen wollte. Das ist beim Segelboot-Kauf nämlich eher das Unwichtigste, aber meine Güte, ich ließ ihn gewähren. Allein: Das Radio funktionierte nicht. Also machte der Mann sich tatsächlich vor meinen Augen an die Reparatur. Mir war es egal, denn das Wetter war schön, ein warmer Spätsommertag, ich sprang derweil ins Wasser und schwamm ein wenig in diesem unglaublichen Türkis, wie es nur der Attersee bieten kann. (Da kann sich die ÖVP tausendmal umfärbeln, Schwarz bleibt Schwarz und Atterseetürkis bleibt Atterseetürkis.) Dann war das Radio wieder einsatzfähig, ich kletterte ins Boot, der Besitzer schob eine Opern-CD ins Gerät und beschallte den See in unglaublicher Lautstärke.

Ich aber wollte die Segel sehen. Die sind es nämlich, die man sich anschauen muss, wenn man ein Boot kauft. Das ist, wie wenn man beim Gebrauchtwagenkauf die tragenden Teile auf Rost checkt. Der Besitzer entrollte die Fock, alles passte, er fuhr sie wieder ein. Aber dann wollte er das Großsegel nicht und nicht hissen. Das kam mir durchaus seltsam vor. Ich bestand darauf und schließlich zog er doch an der Fall, die das Tuch nach oben fahren lässt. Ich stand direkt darunter, blinzelte hinauf in den blauen Himmel und sah die Plane sich entfalten. Ganz oben waren irgendwie zwei eigenartige, große, dunkle Flecken, seltsam geformt. Ich konnte nicht erkennen, was das war. Erst als das Segel ganz oben war, sah ich es: Auf dem hellen Segelleinen prangte riesengroß, schätzungsweise einen knappen Meter hoch, die Zahl 88.

Ich fasste es nicht. Da stand auf einem Segelboot mitten im Attersee, riesig und für alle sichtbar, die Zahl 88. 88!

Sie wissen, was das ist? Das ist das internationale Erkennungszeichen der Neonazis. Weil H der achte Buchstabe im Alphabet ist und „Heil Hitler“ zweimal mit H beginnt – also verklausuliert 88. Wie gesagt, ich war sprachlos. Ich klärte den Besitzer auf, der erstaunlich ruhig blieb und ziemlich routiniert seine Beteuerungen abspulte, davon habe er noch nie etwas gehört, also wirklich nicht, das müsse vom Vorbesitzer stammen, einem älteren Herrn, na so etwas, er habe das beim Bootskauf schon so übernommen, das habe er nicht gewusst, da müsse man natürlich etwas tun und so weiter. Ich blieb ruhig und bat um den Rücktransport zum Steg. Am Weg sprachen wir über unsere Berufe – ich erzählte, dass ich Wirtschaftsjournalist bin. Da bekam der Mann einen nachdenklichen Blick, wiegte den Kopf, und fragte tatsächlich:

Also, als Wirtschaftsjournalist, da haben Sie doch sicher auch immer wieder einmal mit dieser Juden-Lobby von der Ostküste zu tun, oder?

Ich fasste es schon wieder nicht.

Die Menschen fragen mich ja allerhand, wenn sie von meinem Beruf erfahren. Das jedoch hat noch niemand gefragt. Ich will das nicht werten und jetzt auch ausdrücklich keine Behauptungen aufstellen, aber ich zog ehrlich gesagt schon meine persönlichen Schlüsse. Zur Sicherheit füge ich noch an: Ich behaupte ausdrücklich nicht, dass der Bootsbesitzer den 88er angebracht hat oder im Wissen um seine Bedeutung damit herum fährt oder fuhr, auch nicht der Vorbesitzer. Ich weiß nicht, wie diese Zahl auf das Segel kam, und warum. Ich unterstelle beiden keine Nähe zum Nationalsozialismus oder zu nationalsozialistischem Gedankengut. Allerdings kann ich es selbst heute immer noch nicht glauben, dass die Wasserpolizei am Attersee dem noch nie nachgegangen ist und versucht hat herauszufinden, was es damit auf sich hat und warum wer auch immer die Zahl 88 auf diesem Segelboot angebracht hat. Immerhin schippert das Boot dort schon jahrelang herum, und der 88er ist wirklich weithin sichtbar. Selbstverständlich erstaunt mich auch, dass das bisher auch sonst niemandem am See aufgefallen ist – oder dass niemand etwas dabei fand. Und natürlich gehe ich davon aus und hoffe, dass der derzeitige Bootseigner das inzwischen entfernt hat. Ich werde mir die Sache in der kommenden Segelsaison noch einmal ansehen – und dann aber auch genauer hinsehen.

Überflüssig zu erwähnen, dass ich das Boot nicht kaufte.

Jedoch sehr wohl wichtig zu erwähnen: Es ist schrecklich, dass diese ganze unsägliche braune Nazi-Scheiße schleichend wieder Einzug in unsere Gesellschaft gefunden hat – nicht nur in Liederbüchern ohnehin schwerst verdächtiger Organisationen, sondern auch in Form fragwürdiger Politiker und deren Entourage selbst in höchste Stellen und Institutionen des Landes. Das ist entsetzlich. Ich bin übrigens auch überzeugt, dass wir nun in einer jener ganz, ganz seltenen Situationen sind, wo man gebotene journalistische Professionalität hinter das Stellung beziehen reihen muss. Neutralität und Äquidistanz sind wichtig für diesen Beruf und nötig – aber wenn die sich wieder anschicken, den Staat zu übernehmen, dann darf man nicht zusehen, dann muss man aufstehen, Stellung nehmen, laut sein und Widerstand leisten.

Header-Bild: Screenshot willhaben.at

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