Schrödingers Lottoschein

Heute habe ich etwas wirklich Besonderes für Sie – ich muss allerdings gestehen, ich teile dieses Wissen nur ungern mit Ihnen, immerhin ist es der Schlüssel zu künftigem Reichtum. Ich habe herausgefunden, wie man auf einfachste Weise Lottosieger werden kann. Und das Beste daran: Die Sache ist legal, kinderleicht und vor allem völlig ungefährlich. Jeder kann es. Jede auch. Und nur weil ich ein Menschenfreund bin, lasse ich Sie an meiner Erfindung teilhaben.

Also:

Sie benötigen dazu einerseits selbstverständlich einen Lottoschein. Den müssen Sie sich natürlich selbst besorgen. Aber er kostet nicht viel, denn bereits mit einem Quick-Tipp funktioniert es, Sie müssen nicht einmal den Joker ankreuzen und können den ganzen zusätzlichen Firlefanz, den Ihnen die Lotterien aufschwatzen wollen, einfach weglassen. Was Sie noch brauchen, sind rudimentäre Physik-Kenntnisse in einem speziellen Fachbereich – das stellt durchaus ein kleines Problem dar, denn man kommt dabei nicht umhin, ein wenig abstrakt denken zu müssen. Aber das erkläre und lerne ich Ihnen hier in diesem Blogpost. Haben Sie es einmal drauf, flutscht die Sache.

Passen Sie auf:

Möglicherweise haben Sie schon einmal vom berühmten Experiment des österreichischen Nobelpreisträgers Erwin Schrödinger vor nicht ganz 100 Jahren gehört: „Schrödingers Katze“. Das geht ungefähr so: Eine Katze, egal ob getigert, weiß, schwarz, braun oder sonst wie aussehend, wird in eine blickdichte Schachtel gesperrt – zusammen mit einer Teufelsapparatur. Diese ist so beschaffen, dass der Zerfall eines radioaktiven Isotops ein kleines Hämmerchen aktiviert, das eine Phiole zerschlägt, in der Gift ist, das sich über die Luft verbreitet. Es lässt sich allerdings nicht vorhersagen, wann das Isotop zerfällt – und damit den Hammer auslöst. Das kann in der nächsten Sekunde passieren, aber auch erst in 50 Jahren. Es ist also bereits nach wenigen Minuten völlig unklar, ob die Katze noch lebt oder bereits tot ist. Und genau hier kommt die seltsame Welt der Quanten ins Spiel. Die Quantenphysik – und das ist weltweit unter den Wissenschaftern völlig unbestritten – besagt nämlich, dass die Katze beides ist, sowohl tot als auch lebendig. Beide Wirklichkeiten existieren parallel nebeneinander – so lange, bis man durch Beobachtung selbst festlegt, in welcher der beiden Wirklichkeiten man fürderhin leben möchte. Man muss dazu einfach nur die Schachtel aufmachen und nachsehen. Springt die Katze heraus, hat man sich entschieden, in jener der beiden Realitäten zu leben, in der das Isotop noch nicht zerfallen ist. Ist die Katze tot, lebt man in der anderen Wirklichkeit weiter.

Und jetzt kommt es!

Sie kaufen sich also einen Lottoschein. Sie falten ihn mit der bedruckten Seite nach innen und verwahren ihn sicher in ihrer Brieftasche oder sonst wo, wo Sie ihn nicht auf den ersten Blick sehen können. Sie warten die Ziehung ab – und haben ab dem Moment, in dem die letzte Kugel fällt, einen Sechser! Sie dürfen natürlich nicht nachschauen. Aber so lange, bis Sie selbst durch Beobachtung festlegen, in welcher Realität Sie fürderhin leben wollen – in jener, in der Sie Lottokönig sind, oder in jener, in welcher der Schein eine Niete ist – sind Sie reich. Bis Sie nachsehen, dürfen Sie dank Schrödingers Katze mit Fug und Recht von sich behaupten, dass Sie einen Lottosechser gelandet haben. Noch einmal: Weil eben diese Realität mit Ihnen als Lottogewinner tatsächlich genauso existiert wie jene, in der Sie Ihren Euro für den Tipp vergeudet haben. So lange, bis Sie durch Beobachtung – also durch Kontrollieren der Gewinnzahlen – selbst nachsehen, ob Sie gewonnen haben oder nicht.

Natürlich hängt alles davon ab, wie lange Sie durchhalten. Schauen Sie nach einer Woche schon nach, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass Sie das ganze schöne Geld nach sieben Tagen bereits wieder durchgebracht haben und arm sind wie zuvor. Halten Sie überhaupt nie Nachschau, sind Sie für den Rest Ihres Lebens Lottomillionär! Na? Sagen sie selbst: Hat das nicht was?

Ein Problem ist selbstverständlich, das Sie nicht frei über Ihren Gewinn verfügen können. Aber auch da habe ich eine Lösung. Sagen wir, Ihr Gewinn beträgt eine Million. Dann gehen Sie einfach mit dem Schein – immer noch gefaltet, wir wollen uns ja nicht alles durch Beobachtung vermasseln – einfach zu Ihrer Bank, nehmen einen endfälligen Kredit auf und hinterlegen den Schein in einem verschlossenen Kuvert als Sicherheit. Verschlossen und gesichert deshalb, damit nicht der neugierige Bankbeamte alles verhaut. Rechnen wir der Einfachheit halber so: Sie vereinbaren, der Kredit läuft über ein Jahrzehnt und wird samt Zinsen endfällig zurückgezahlt. Bei Fixzinsen von 4 Prozent (Sie zeigen sich Ihrem Geldinstitut gegenüber einfach großzügig) und einer Kreditlaufzeit von 10 Jahren ergibt das in etwa 600.000 Euro, die Sie im folgenden Jahrzehnt verbraten können. Die Zinseszinsrechnung lassen wir jetzt der Einfachheit halber einmal beiseite, weil mir das Rechnen sonst zu kompliziert wird. Wir wollen uns auch nicht mit Kleinkram aufhalten.

Wenn Sie am Bankschalter an einen zweifelnden Spießer geraten, erzählen Sie ihm einfach vom Nobelpreisträger Schrödinger und dass dieses Dingsbums mit den Paralleluniversen längst auch im internationalen Film Einzug gehalten hat, etwa bei Star Trek, dann wird er schon überzeugt sein. Sie können ihm ja auch eine alte 1000-Schilling-Note vorlegen – das ist die, auf der Erwin Schrödingers Konterfei drauf ist. Oder eine DVD mit einer Star-Trek-Folge drauf. Dann flutscht die Sache sicher. Ein Problem ist natürlich, wenn der Lottoschein in zehn Jahren geöffnet wird und die Beobachtung dann womöglich ein bissl blöd läuft.

Aber auch da kann die Physik helfen. Des berühmten österreichischen Quantenphysiker Zeilingers Forschungen am Beamen sind dann hoffentlich bereits so weit fortgeschritten, dass Sie in der Lage sein werden, sich in Sekundenbruchteilen und umstandslos woanders hin zu transportieren, irgendwohin, nur raus aus der Bank halt. Sie müssen dafür allerdings jetzt schon Ihren Körper der Wissenschaft für Forschungen zur Verfügung stellen. Aber für 600.000 Euro werden Sie diese Kleinigkeit ja wohl zu leisten bereit sein.

Na, ist das jetzt ein super Gerheimtipp oder wie oder was? Gern geschehen.

P.S. Und weil Sie in der Beitragübersicht am Header-Bild zu diesem Blogpost ja die Quittungsnummer dieses Lottoscheines sehen, der meiner ist: Kommen Sie nur ja nicht auf die Idee, sie auf der Website der Lotterien in die Gewinnabfrage einzugeben! Und zu beobachten, was ich mir erspielt habe. Wehe. Denn ich erzähle gerade allen Freunden und Innen, dass ich Lottomillionär bin. Das möchte ich gerne noch ein paar Monate so praktizieren …

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