Nebenerwerbskillerin

Auszug aus der nächsten Episode des Krimis, den Rainer Himmelfreundpointner und ich im Web schreiben – es geht um Sandra Presch, deren Beruf wir noch nicht kennen, aber im Nebenerwerb macht sie manchmal einen auf Auftragskillerin. Also:

 

Später saß sie dann im Zug.

Ihr schräg gegenüber saß ein ältlicher Mann, schätzungsweise Mitte fünfzig, ordentlicher Bauchansatz, über den Gürtel hängend seine Schwarte jedenfalls. Konservatives Sakko, Brille mit Goldrand. Gore-Tex-Büroschuhe mit dickem Schnürband, goldener Ehering, Aktentasche mit Umhängegurt. Und dazu noch ausgestattet mit einem Ansatz von tief sitzendem Seitenscheitel, allerdings bereits mit zu dünnem Haar, um noch eine echte Umlegung auf die andere Kopfseite Marke amerikanischer Präsident zu schaffen. Totaler Loser, dachte sich Presch. In St. Pölten steigt der sicher aus und watschelt heim zu seiner Ehefrau, der er wahrscheinlich zuerst einmal eine auflegt, weil ihr die Knödel zum Schweinsbraten nicht konsistent genug geraten sind, und später dann, wenn sein Bauch die gebratene fette Sau verdaut hat, legt sich die richtige fette Sau im Schlafzimmer auf die Frau, erledigt sein armseliges Geschäft, während die schwer Geprüfte, die aber eh längst nichts mehr spürt im Leben, gottergeben an die Zimmerdecke starrt, die vermutlich mit Plastik-Platten verkleidet ist, die Eichenholz imitieren sollen.

Presch schüttelte es ein wenig, weil Ekel.

Gott sei Dank, beruhigte sie sich selbst, bin ich nicht so geworden, und wenn ich einmal einen wie den als Termin kriege, wird mir das passend saumäßigen Spaß manchen. Sie holte den trend aus dem Rucksack, legte ihn auf das kleine Tischchen vor den Sitzen und sah, dass das zusammengerollte Magazin ordentlich verdrückt war. Scheiße, murmelte Presch halblaut und erntete sofort einen missbilligenden Blick ihres Gegenübers. Sie beschloss, den alten Rucksack, der ohnehin schon abgefuckt genug war, demnächst gegen ein neues Transportbehältnis für die kleinen Dinge zu tauschen, die man beruflich halt so mit sich führt. Während sie überlegte, was das werden könnte, stöpselte sie sich die iPhone-Kopfhörer ins Ohr, lud die Musik-App und drückte auf Shuffle.

Jetzt aber: Fehler.

Denn Presch war in Wahrheit nahe am Wasser gebaut. Und wenn du die Shuffle-Funktion deines Musik-Players verwendest, dann lieferst du dich aus, dann weißt du nicht, was du kriegst. Da kann es dann sein und dein iPhone lässt dir Musik ans Trommelfell plätschern, die transportiert deine Gedanken in Richtung irgendwas, das dir nicht so taugt, und dann ist die gute Stimmung dahin, weil: Erinnerung. Im Leben von Presch gab es einiges, an das sie sich nicht so gerne erinnerte, weil es mit unguten Erfahrungen verbunden war. Da hatte so manches Spuren hinterlassen, das der an ihrer Oberfläche rauhen Nebenerwerbskillerin innen drin zu schaffen machte, das ihr die Widerstandskraft wegschmelzen ließ wie die Sommersonne Vanilleeis in Griechenland. Von dem weißt du auch, das hältst du lieber schön im Schatten, sonst Sauerei. Am härtesten wurde Preschs Resilienz immer vom Gedanken an ihren Vater geprüft, der eines Tages einfach weg gewesen war und das kleine Mädchen ganz klassisch und ohne viel Federlesens der Mutter und sich selbst überlassen hatte. In Presch hatte das eine Wunde geschlagen, so tief wie der Marianengraben und so brennend wie Schnaps auf blutendem Menschenfleisch. Eine Wunde, die nie mehr heilen würde, die immer da war und nur darauf wartete, dass jemand oder etwas am Thema rührte. Manchmal, da stößt dir im Leben eben etwas zu, das willst du nicht, das sperrst du weg, so gut es geht, das verbannst du aus deinem Kopf. Aber es ist passiert, und das geht dann eben tief hinein in dich und dort verpreizt es sich, krallt sich so richtig fest und lässt nicht mehr los, und das ergibt dann eben diese Wunde, die nicht heilt, egal wie viel Gras du darüber wachsen lässt. Weil es eben ganz genau nicht so ist, dass die Zeit alle Wunden heilt, Sprichwort hin oder her. Da kannst du als Verwundete zumachen und dichtschließen und verdrängen, wie du willst.

So eine Wunde hatte Sandra Presch also. Und wann immer sie allein war und zufällig an ihren Vater dachte, an damals vor gut 30 Jahren, begann die Wunde wieder zu nässen und zu triefen und zu jucken und zu brennen, und dann konnte sie gar nichts mehr tun als einfach nur die Tränen kommen lassen. Manchmal reichte es mitunter sogar schon, wenn jemand „Vater“ oder „Tochter“ oder „Wunde“ sagte. Und da musst du dann mit deinem Musik-Player natürlich aufpassen, weil in Songs kommen Wunden und Väter und Töchter und so weiter gar nicht einmal so selten vor, die gehören praktisch zum Inventar aller guten Rockmusik-Texter. Die Shuffle-Funktion von Preschs iPhone war an diesem Tag außerdem wirklich schlecht drauf. Sie entschied sich ausgerechnet für Tom Waits, quasi Chef und Meister und Legende aller Rockmusiker. Als nun plötzlich Tom Traubert´s Blues an die Reihe kam, und als Waits mit seiner zerknitterten Stimme gegen Ende des Liedes sang … and a wound that will never heal, da begann Preschs eigene Vaterverwundung sofort wieder akut zu werden, wie jedesmal. Und da war die lässige, so oft so dreckig grinsende Lady Cheeseburger von einer Sekunde auf die andere dann plötzlich weg, nicht mehr vorhanden, und stattdessen saß ihre blässliche Schwester da, die Unsichere, das Mädchen, das Angst vor allem hatte, ein verletzliches Kind aus den Straßen der Nacht. Im Prinzip war Sandra Presch dann wie der Frühling im Kopf von Richie Schwarz, wenn Maria Kolmar sich wieder einmal entschlossen hatte, mit ihm Schlitten zu fahren, aber dabei doch ein paar harmlose Nettigkeiten vor sich her schob, mit denen sie ihn an der Leine hielt.

Also schloss Presch die Augen, vergass den widerlichen Loser von gegenüber, vergaß die CZ-99 im Rucksack, vergaß den Termin, vergaß den trend, vergaß das ungeöffnete Paket, und weinte die nächsten 50 Kilometer Zugfahrt einfach nur still in sich hinein.

 

Die ganze neue Etappe des Krimis lesen Sie ab kommenden Montag auf der Webkrimiprojekt-Seite, klicken Sie ruhig, danke!

Headerbild: digitalstock.de

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