Literally

Ich lese auf orf.at, wo gar nicht so selten auch skurrile News aus der Welt zu finden sind: Eine New Yorker Bar verbietet Besuchern die Verwendung des Wortes „literally“. Wer literally sagt, darf zwar noch austrinken, muss jedoch ansonsten die Lokalität verlassen. Das gefällt mir. Vor allem auch, weil wir daraus lernen können. Trends, die aus den USA zu uns überschwappen, bringen zwar oft Seltsames in unsere gute, alte Welt – aber manchmal allem Anschein auch Sinnvolles. Das literally-Beispiel nämlich könnten sich bei uns viele zu Herzen nehmen.

Zum Besipiel der ORF. Zählte ich mit, wie oft interviewte Sportler und Moderatoren dieser Tage bei Übertragungen von den Olympischen Spielen aus Südkorea den Terminus „von dem her“ in den Mund nehmen, überschritte ich meinen mathematischen Horizont. Dabei heißt von dem her eigentlich überhaupt nichts. Die Sprachentwicklung hat dafür Worte oder Ausdrücke wie „deshalb“ oder „darum“ oder „aus diesem Grund“ vorgesehen, von dem her jedoch: nicht. Von dem her ist eine freie Erfindung und man sollte sich schon fragen: Das kommt von wem her? Agierte der ORF als kulturpolitische Institution mit Bildungsauftrag, könnte er sich wie gesagt am Vorbild des New Yorker Barbesitzers orientieren: Sobald vor dem Mikro oder der Kamera einer oder eine von dem her sagt, muss er oder sie sein Zeugs packen und wird fürderhin aus dem Fernsehen verbannt. Das wäre eine echte Erlösung für sprachaffine Zuseher. In einem Aufwaschen könnte der ORF dann gleich auch die größte Wortvernudelungsmaschine des Landes, Rainer Pariasek, mit nach irgendwohin entsorgen. Wohin, ist egal. Hauptsache, weg vom Bildschirm. Das wäre literally eine große Erleichterung für uns alle.

Jetzt also Sprache: Der amerikanische Barbesitzer habe sich, entnehme ich dem Beitrag, daran gestört, dass seine Gäste das Wort literally erstens zu oft und zweitens immer falsch verwenden. I literally died laughing sei zum Beispiel eine gängige Formulierung in seiner Bar. Ich übersetze für die geneigten Blogleser und Innen, denen das Englische literally wurscht ist – es heißt: Ich bin vor Lachen buchstäblich gestorben. Sie merken, literally bedeutet buchstäblich. Und wer vor Lachen buchstäblich, also tatsächlich gestorben ist, der ist tot. Davon erzählen, dass er vor Lachen buchstäblich gestorben ist, könnte er gar nicht mehr. Folgerichtig ist literally, verwendet in diesem Kontext, einfach Blödsinn.

Ich bin ja grundsätzlich für viel mehr Geld, das aus unseren Steuern in viel mehr Bildung für viel mehr Menschen investiert wird. Und zwar nicht in so skurrile Fertigkeiten wie Programmieren oder Technisches Zeichnen oder Betriebswirtschaftslehre, sondern ich echte, traditionelle, humanistische Bildung, also auch in Kulturtechniken. Zum Beispiel in Sprache und guten Sprachgebrauch. Vielleicht wäre dann mit der dümmlichen, inkorrekten und schlampigen Verwendung bestimmter Ausdrücke endlich Schluss, die sich leider bei den meisten von uns eingeschlichen haben.

Zum Beispiel dieses Sprachbild mit den Quantensprüngen. Quanten sind extremst kleine Dinger, ein Quantensprung ist daher ein minimalster Fortschritt. Hat jemand also seiner Ansicht nach etwas Großes vollbracht und frohlockt, ihm sei ein echter Quantensprung gelungen, dann sagt er in Wahrheit: Ich habe so gut wie überhaupt nichts weiter gebracht. Allerdings ist die Sache mit dem Quantensprung, wie Blogleserin H auf Facebook anmerkt, nicht ganz so einfach, weil allgemeiner Sprachgebnrauch und spezielle Bedeutung und so weiter. Das ist richtig. Konsultieren Sie einfach Wikipedia und bilden Sie sich selbst Ihr Urteil, klicken Sie hier. Ich will mich auf folgende Position zurückziehen: Schlampig und unscharf ist die Redewendung allemal. H bittet jedenfalls, auch noch diese Redewendung auf die Liste der nur fast so gut guten aufzunehmen: Das muss an dieser Stelle gesagt werden. Mission accomplished.

Anderes Beispiel: Jüngst saß ich im Wirtshaus und las Zeitung, ein Mann kam heran, er wollte wissen, ob die Zeitung frei sei. WTF?, dachte ich mir, fragte jedoch halbwegs höflich, was er wohl glaube, wo ich doch hier säße und offensichtlich angestrengt in meine Zeitung starrte.

Ich mein ja nur, antwortete er, es hat halt so geklungen, als würden Sie sie nicht brauchen.

Ich: WTF Schon wieder. Seit wann „klingt“ es, wenn man eine Zeitung liest oder nicht liest?

Ist halt so eine Redewendung, sagte er.

Ist es natürlich nicht, sondern es ist: schlampiger Sprachgebrauch. Genauso schlampig wie jene Mär einer ganzen Legion journalistischer Kollegen und Innen, die uns dauernd weismachen wollen, dass irgendwo irgendwer aus einer Notlage evakuiert wurde. Evakuieren heißt vereinfacht gesagt: leer machen. Wird jemand oder etwas evakuiert, wird er oder es leer gemacht. Man kann also zwar ein Dorf evakuieren, aber nicht einen Menschen. (Kann man natürlich schon, aber dann hieße das, der Mensch wird quasi ausgesaugt.) Die Meldung: Weil ein Lawinenabgang alle Zufahrtsstraßen blockiert hat, wurden 52 Urlauber evakuiert., ist also in Wahrheit die Benachrichtigung von einem Massenmord.

Und so weiter.

Ich koche jedesmal ein klein wenig vor Wut, wenn ich so etwas lese oder höre. Nicht buchstäblich, nur im übertragenen Sinn. Virtually also. Not literally. Andernfalls könnte ich ja ein Spiegelei auf meinem Glatzerl zubereiten. Oder so. Ein Hoch jedenfalls auf den tapferen New Yorker Barbesitzer, der sein Etablissement von sprachschlampigen Gästen evakuiert.

 

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