Der Herr R

Ich habe gestern lang geschlafen. Das war aber am 22. Februar nicht immer so, denn jahrelang gab es Herrn R.

Herr R ist Autoverkäufer und ich geriet ihm im Jahr 2008 in die Fänge, als ich mich, seltsam genug für meinen Geschmack, bei der Anschaffung eines Neuwagens aus unerfindlichen Gründen für einen Versicherungsvertreter-Vermögensberater-3er von BMW entschied. Ein richtiges Arschlochauto für Menschen, die ihren guten Geschmack auf Sommerfrische an den Ballermann von Mallorca geschickt haben. Denn hast du Stil und weißt, was sich gehört, fährst du Alfa oder Jaguar, alles andere geht einfach nicht. Abgesehen von Volvos vielleicht. Hast du nicht genug Geld (für Jaguare, weil die teuer sind) oder nicht genug Nerven (für Alfas, weil die dauernd hin sind), fährst du eben gebrauchte Jaguare. Oder gebrauchte Alfas und dann weinst du halt still in dich hinein, während du die Gesamtheit des Mechanikerstandes sponserst. Aber das ist ein anderes Thema, abgehandelt zum Beispiel in diesem Blogpost hier. Jetzt geht es um Herrn R.

R ist so etwas wie der selbsternannte Weltmeister der BMW-Kundenorientierung.

Kaufst du bei ihm ein Auto, umschmeichelt er dich mit Informationen und Entgegenkommen, als gäbe es kein Morgen mehr. Das ist gut so, und ich stelle mir vor, dass das vor allem BMW-Käufern – wie gesagt: Vermögensberater, Versicherungsvertreter oder, noch schlimmer, FPÖ-Wähler – durchaus imponiert. Mir war es eher lästig und ich hätte mich gewarnt fühlen müssen. Ich weiß ja halbwegs, was ich will und warum ich es will, wenn ich ein Auto kaufe. Den BMW wollte ich damals, weil ich mir sagte: Wenn du mit deiner Corporate-Writing-Dienstleistungspalette bei Kunden vorfährst, wollen die etwas Seriöses, das nicht aus dem Rahmen fällt, sie sehen dich ja als eine Art Unternehmensberater, und da schätzen sie bunte Hunde eher nicht so, also geht fast nur Audi oder BMW, leider. Kommst du mit einem Jaguar an, sagen sie sich womöglich: Ui, der zockt mich finanziell ab, der muss ja horrende Honorare verlangen, wenn er sich so ein Auto leisten kann, das brauch ich aber lieber nicht, ich such mir wen anderen, der für mich schreibt. Fährst du im Alfa vor, sagen sie sich: Was ist denn um Gottes Willen mit dem los – ein Luftikus, das ist sicher einer dieser Kreativen, die nur Blödsinn im Schädel haben, aber ich als Chef eines gewichtigen Industriebetriebes oder eines Hotels mit Hofräten und Innen zu Gast, ich brauch sowas nicht. Ich such mir wen anderen, der für mich schreibt.

Oder so. Ein 3er-BMW ist da super. Nicht zu teuer, nicht zu extravagant, trotzdem Premium, voll der Mainstream halt. Kurz gesagt: R hatte das Geschäft schon gemacht, als ich seinen Laden betrat, er hätte eigentlich gar nichts mehr dazutun müssen. Ich ertrug das ganze verkaufstechnische Herumgeschwänzel mit Fassung und Würde, was mir nur der Überzeugung wegen gelang, dass es eh gleich vorbei ist, sobald meine Unterschrift den Kaufvertrag ziert.

Aber da hatte ich nicht mit R und eben seiner Kundenorientierung gerechnet. Denn einmal im Jahr, wenn der Kunde – in diesem Fall also ich – Geburtstag hat, greift R zum Telefon, ruft an und wünscht alles Gute.

Das ist an sich gar nicht einmal so schlecht. Per se ganz okay, die Idee. Doch R hat sich leider für eine sehr schrullige Umsetzungsmethode entschieden. Denn er beginnt seinen Arbeitstag mit diesen Anrufen. Und der Arbeitstag von R scheint, soweit ich das in den vergangenen Jahren erkennen konnte, um sechs Uhr morgens zu starten.

Anders gesagt: R feuert seine telefonischen Geburtstagswünsche um sechs Uhr ab. Morgens. Gnadenlos.

An meinem Geburtstag, an dem ich gerne lang schlafe und wenig arbeite, läutet seit dem Jahr 2009 daher um sechs Uhr in der Früh das Telefon. Dran ist ein ausgeschlafener, putzmunterer R, der vor Energie und Freude über meinen Jahrestag nur so sprüht, mir herzlichst alles Gute wünscht und umstandslos wieder auflegt. Der Spuk ist nach maximal 30 Sekunden wieder vorbei, aber wach bin ich trotzdem. Beim ersten Mal war ich nur baff. Beim zweiten Mal ärgerte ich mich. Beim dritten Mal sagte ich R freundlich, dass das eh nett ist, er es aber lieber bleiben lassen soll, und hakte das Thema ab. Beim vierten Mal – R hatte das Thema seinerseits keineswegs abgehakt – war ich bereits deutlich erkennbar verärgert und gab R zu verstehen, dass er sich schleichen soll. R schlich sich tatsächlich – für ein Jahr. Dann rief er wieder an. Diesmal lief das Gespräch nicht wie üblich ab, denn ich beschimpfte R, sodass er nicht einfach auflegen konnte, sondern eine Erklärung verlangte, was denn los sei, wo er doch nur …

Ich war da längst schon nicht mehr Corporate-Writing-Agenturbesitzer, sondern Format-Redakteur, also noch geübter im Formulieren. Aus dem Stegreif und unausgeschlafen lieferte ich R eine geschliffene kurze Rede, in der ich fein ziseliert und völlig ausgewogen zwischen sachlicher Information, rücksichtsloser Beschimpfung und rechtschaffener Empörung vermittelte:

Ich will das nicht. Drei Rufzeichen!!!

R nahm es zur Kenntnis, entschuldigte sich sehr und rief im Jahr darauf wieder an, pünktlich um sechs. Ich hob gar nicht mehr ab, war aber natürlich trotzdem wach. Statt mit ihm zu reden schickte ich R ein SMS mit der Drohung, ich würde mich an die Geschäftsführung seines Autohauses wenden und mich über sein Vorgehen beschweren, nicht ohne anzufügen, dass ich unter diesen Umständen den am Horizont auftauchenden nächsten Neuwagenkauf nicht mehr im Sinne von BMW abwickeln würde.

Das half. R ließ nichts mehr von sich hören – 365 Tage lang. Dann rief er natürlich wieder an. Da wusste ich: Jetzt musst du zum Äußersten greifen. Und ich sprach ins Handy:

Lieber Herr R, dass ich Ihre Anrufe nicht sonderlich schätze, habe Sie inzwischen womöglich bemerkt, obwohl ich mir da eigentlich nicht ganz sicher bin. Aber wie auch immer, ich muss Ihnen davon unabhängig heute zweierlei berichten: Erstens: Ich habe nicht am 22. Februar Geburtstag, Sie müssen sich damals was falsch notiert haben, und wann ich wirklich Geburtstag habe, verrate ich nicht, weil: zu gefährlich. Zweitens, und jetzt passen Sie bitte besonders gut auf: Ich habe mir inzwischen ein neues Auto gekauft, und es ist kein BMW mehr. Ich werde mir nie mehr wieder einen BMW kaufen, weil: auch zu gefährlich. Nie. Mehr! Wieder!! Danke. Leben Sie wohl.

Sie werden´s nicht glauben: Seither lässt R mich an meinem Geburtstag, der selbstverständlich sehr wohl am 22. Februar ist, in Ruhe.

Irgendwann muss, mag R sich wohl denken, mit der Kundenorientierung dann doch Schluss sein. Dass man sich als Autoverkäufer endlos für die Kunden aufopfert und sie an ihren Geburtstagen aus den Federn holt, kann wirklich niemand verlangen, auch der profitsüchtigste Autohauschef nicht. Sind die Kunden einmal keine Kunden mehr, braucht es auch keine Kundenorientierung nicht.

Oder so. Den BMW hatte ich damals zwar in Wahrheit noch, inzwischen habe ich ihn aber nicht mehr. Und ich werde mir tatsächlich nie mehr einen zulegen. Nie mehr, Herr R! Also peace bitte, falls Sie das lesen. Und vor allem rufen Sie mich nie mehr an, und wenn doch, dann nicht vor neun. Danke.

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