Die vielen Seiten

Ich weigere mich, Eva Glawischnig all das an den Kopf zu werfen, was ihr die früheren Parteifreunde bei den Grünen, die rechtschaffen empörten Wähler oder auch die meisten meiner Kollegen in den Medien derzeit entgegen schleudern. Ich wäre in Bezug auf das seltsame Engagement der früheren grünen Parteichefin beim Novomatic-Glücksspielkonzern für mehr Sachlichkeit statt Wut, und vor allem für eine differenziertere Betrachtungsweise.

Weil es hier, wie eigentlich immer und überall, mehrere Seiten gibt, die man beachten und betrachten sollte.

Selbstverständlich existiert eine moralische Komponente, und die wirft wahrlich kein gutes Licht auf Glawischnig. Wenn man sich jahrelang gegen Machenschaften eines Konzerns einsetzt, diesem alles Böse der Welt unterstellt, dann kann man sich nicht so ohne Weiteres in dessen Sold begeben. Das ist wenig elegant. Und natürlich muss man auch gerade Politikern ein besonders enges Korsett umschnüren, was die Annahme von Jobs nach dem Ende ihrer politischen Karriere anbelangt. Als Ex-Chefin einer Partei, die das Wettern gegen das Glücksspiel zu einer ihrer Existenzgrundlagen gemacht hat, kannst du nicht einfach so die Seiten wechseln, sobald du nicht mehr in Amt und Würden bist. Es ist theoretisch auch zu hinterfragen, wie viel an Protestwissen und an Wissen um das Vorhandensein von Informationen bei den Grünen nun zu einem derer Hauptfeinde wechselt. Novomatic tut sich womöglich leichter, weiß man dort einmal, was man bei den Grünen tatsächlich alles weiß.

Aber Glawischnig so zu verteufeln, wie es nun fast alle tun – das geht überhaupt nicht.

Die frühere Grünen-Chefin ist auch nur ein Mensch. Dass sie sich der grünen Sache gegenüber einigermaßen verantwortungslos verhält, hat man ihr nachzusehen. Denn noch nie zuvor – nicht einmal in der ÖVP, wo man die Königsmorde an den eigenen Parteichefs praktisch erfunden hat – wurde in der zweiten Republik ein Parteichef so kompromisslos und mit einer derart ausladenden Portion an Bösartigkeit, Härte und Hinterlist desavouiert, wie vor einem Jahr Glawischnig bei den Grünen. Dass sie sich dieser Partei, deren – vor allem weibliche – Proponenten ihr damals wirklich übel mitspielten, nicht mehr verbunden oder verantwortlich fühlt, wäre verständlich.

Glawischnig hat für die Grünen ohnehin genug getan. Sie hat die Partei wachsen lassen und sie nach Alexander Van der Bellen weiter zu einer ernsthaften und vor allem ernst zu nehmenden politischen Kraft ausgebaut. Ihre beiden Nachfolgerinnen, Ingrid Felipe und Ulrike Lunacek, haben die Grünen hingegen dann binnen weniger Monate komplett abgewirtschaftet. Die Grünen hätten also allen Grund, Glawischnig dankbar statt böse zu sein. Aber es ist in der DNA der Grünen verankert, dass dort der Hass auf alles grenzenlos ist, was nicht verbissener Fundi ist. Es ist bezeichnend, dass lediglich Werner Kogler, dem seit vielen Jahren als einzigem neben Glawischnig der Spagat zwischen linker Politik und einer verantwortungsvollen realpolitischen Komponente gelingt und der noch nicht abmontiert wurde, jetzt eine halbwegs differenzierte Beurteilung von Glawischnigs Wechsel schaffte – unaufgeregt, sachlich, nicht zustimmend, aber auch nicht zuschlagend. So muss man das machen.

Jedenfalls ist es aus all diesen Gründen völlig klar, warum Glawischnig ihren Jobwechsel ausgerechnet wenige Tage vor der Kärntner Landtagswahl bekannt gegeben und damit den Kärntner Grünen, die ums Überleben kämpfen, womöglich den Todesstoß versetzt hat. So überraschend ist das gar nicht, denn ein wenig Revanchelust muss man einer wohl zugestehen, die von ihren Parteifreunden und Innen so hemmungslos geprügelt wurde wie Glawischnig. Zufall ist das Timing jedenfalls ziemlich sicher nicht.

Bleibt ein anderer Aspekte, der in der allgemeinen Entrüstung untergeht. Abgesehen von der moralischen Komponente – und wer da betroffen aufjault, möge den ersten Stein werfen, denn für Geld würden vermutlich die meisten von uns fast alles tun, nur sind die meisten von uns eben zu unwichtig, als dass man es uns anböte:

Von welcher Position aus soll man denn bitte in einem Konzern etwas besser verändern können, als von innen heraus?

Beim verantwortungsvollen Umgang mit dem Thema Glücksspiel und wenn es um gelebte unternehmerische Verantwortung geht, kann Glawischnig als Novomatic-Managerin sicher mehr bewegen und zum Guten wenden, als früher als Chefin der Grünen. Anders gesagt: Willst du aus Novomatic ein weniger böses Unternehmen machen, wenn Novomatic denn ein böses Unternehmen sein sollte, dann bist du besser nicht Parteivorsitzende der Grünen, sondern Managerin mitten drin im Novomatic-System. So gesehen ist der Job sogar schlüssig – und es ist ein kleines PR-Desaster, dass Glawischnig und die Novomatic-Chefs nicht mit dieser Argumentation hantierten, als sie gestern den Jobantritt präsentierten. Der intelligenten Eva Glawsichnig sollte man so einen Gedankengang sehr wohl zutrauen. Womöglich tut sie mit der Annahme dieses Jobs der Sache der Grünen mehr Gutes als die vielen grünen Wadlbeißer mit ihrem ständigen Hinschlagen auf alles, was nicht genauso ist und denkt, wie sie selbst.

Ich habe Glawischnig vor Jahren einmal für ein Format-Interview kennengelernt: Ich hatte den Eindruck, einem nicht nur kompetenten, sondern verantwortungsvollen, korrekten und Respekt verdienenden Menschen gegenüber zu sitzen. (Sie können das hier nachlesen). Deshalb will ich ihr auch dieses eigenartige Engagement nun bei Novomatic vorerst nicht vorwerfen. Ich will daran glauben, dass sie neben der persönlichen Annehmlichkeit eines gut bezahlten Jobs darin auch die Chance sieht, wirklich etwas zum Besseren zu verändern. Ob das bei Novomatic überhaupt geht, wird sich zeigen. Und es wird in Glawischnigs Verantwortung liegen, die Reißleine zu ziehen und sich wieder zu verabschieden, sollte sie erkennen, dass es eben nicht möglich ist.

Erst dann darf man sie an ihren Handlungen messen. Erst dann darf man durch Beobachtung festlegen, welche der vielen Seiten dieses vielschichtigen Engagements jene ist, nach der man Glawischnig endgültig zu beurteilen hat.

Header-Bild: Die Grünen

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