Grün ist die Welt

Grün ist die Welt. Und das ist schön. Sie wissen schon, was ich meine. Ich meine Irland am 17. März.

Der 17. März, also heute, ist St. Patrick´s Day.

Ich überlasse es Ihnen, nachzugoogeln, was die Iren heute genau feiern. (Es ist, vereinfacht gesagt, die seinerzeitige Ankunft des Heiligen Patrick auf der Insel.) Entscheidend ist, dass man in und um Irland diesen Tag jährlich feiert, als gäbe es kein Morgen mehr. „Um Irland“ ist übrigens: die Welt. Schließlich liegt ja alles auf dem Globus in der einen oder anderen Weise um Irland herum. Und St. Patrick´s Day ist für alle Iren dieser Welt einmal im Jahr Anlass, auf sympathische Weise auszuzucken.

Damit Sie eine Vorstellung haben, was unter „alle Iren dieser Welt“ zu verstehen ist:

Dank einer verschwurbelten Betrachtungsweise gelten in Irland die Nachkommen aller Auswanderer bis sieben (sieben!) Generationen zurück als Iren. Weil die Iren gebeutelterweise in den vergangenen zwei- bis dreihundert Jahren jeweils auswanderten wie wild, ist eine weltweite Diaspora von an die 80 Millionen Menschen die Folge. Übrigens stehen die Chancen gar nicht so schlecht, dass auch Sie irische Vorfahren haben und damit theoretisch, falls Sie das möchten, Anrecht auf eine irische Staatsbüerrgschaft haben. Barack Obama hätte das, nur zum Beispiel. Tom Cruise auch. Und so weiter.

Jedenfalls, weltweit wird heute gefeiert. Vor drei Jahren färbten Iren sogar die Sehenswürdigkeiten der Welt, vom Eiffelturm bis zum Schiefen Turm von Pisa, grün ein. Selbst das Wiener Burgtheater leuchtete am Abend dieses 17. März 2015 grün.

Der einzige, der keine irischen Vorfahren hat, bin ausgerechnet ich. Das trifft mich hart, weil ich den St. Patrick´s Day damit nicht standesgemäß begehen kann. Ich behelfe mir mit folgendem Notfallplan: Ich setze mich auf die Wohnzimmercouch und denke an ein, zwei lustige Geschichtchen aus früheren irischen Aufenthalten zurück, trinke ein Gläschen Whiskey, wäre lieber dort als da, und mache weiter mit dem, was ich tagsüber halt so machen.

Heute fällt mir folgende Begebenheit ein:

Ich war vor Jahren eingeladen, im Westen der Insel einen neuen, ganz formidablen Linksgolfplatz und das zugehörige Hotel zu besichtigen, um darüber zu schreiben. Inzwischen wechselte die Anlage übrigens den Besitzer, sie gehört heute einer ziemlichen Dumpfbacke, die Politiker geworden ist und in diesem Job gerade ein ganzes Land an die Wand fährt, ich will darauf aber nicht näher eingehen. Jedenfalls, Tourism Ireland hatte mich mit einem Flugticket nach Dublin ausgestattet und mir mitgeteilt, am Flughafen würde ein Fahrer auf mich warten, der mich dann ins Hotel vor Ort brächte.

Mich wunderte das, denn Dublin liegt an Irlands friedlicher Ostküste und das Hotel befand sich an der wilden Westküste, aber ich dachte nicht weiter darüber nach, weil ich wusste, dass die Iren manchmal durchaus ein bisserl schrullig beim Organisieren sind. Ich flog einfach los, landete in Dublin, ließ am Gepäckband Koffer und Golfbag an mich heranrollen, trollte mich nach draußen in den Ankunftsbereich und hielt Ausschau nach einem Kerl mit einem Schild in der Hand, das meinen Name trug.

So ein Kerl mit so einem Schild war nicht da.

Ich wartete und schaute. Eine halbe Stunde lang. Dann rief ich die Servicenummer an, die Tourism Ireland allen Journalisten mitgibt, nur falls einmal was sein sollte. Der Apparat unter dieser Nummer ist permanent besetzt, weil nämlich fast immer was ist. Die freundliche Dame am anderen Ende meldete sich prompt und sagte, unmöglich, sie werde das sofort checken, ich möge auf ihren Rückruf warten.

Tat ich gerne, denn ich ich mag es ja sehr, in Irland mit Irinen zu reden, weil die sind immer so … irisch. Genau meins.

Eine Minute später kam der Rückruf tatsächlich, was gar nicht selbstverständlich war, denn wie gesagt, die Iren sind in organisatorischen Belangen nicht ganz so akkurat wie zum Beispiel die Italiener, sondern vergleichsweise mehr schludrig.

Das irische Fräulein vom staatlichen Tourismusbüro, dessen Namen ich leider vergessen habe, von dem ich aber noch weiß, dass er ziemlich irisch und somit unaussprechlich war, sagte mit viel Enthusiasmus in der Stimme: Problem gelöst, der Mann befinde sich eh vor Ort, ich solle nur noch einmal schauen, womöglich ein bissl genauer halt. Ich schaute noch einmal, nur ein bissl genauer halt. Keiner da. Ich rief wieder an. Unmöglich, sagte meine Betreuerin für alle Fälle, in denen was ist, das sei aber auch kein Problem, sie werde das neuerlich prüfen und gleich wieder anrufen. Der Anruf kam neuerlich schon eine Minute später. Sie sagte, da müsse eine Art Pallawatsch vorliegen, sie habe nämlich soeben mit dem Fahrer telefoniert, der stehe sehr wohl im Ankunftsbereich, halte ein Schild mit meinem Namen hoch, und warte auf mich, allein: ich sei nicht da. Sie schlug als Lösung vor, beide sollten wir uns zum Schalter einer bestimmten Leihautofirma in der Ankunftshalle begeben, der Fahrer sei bereits auf dem Weg dorthin, man würde sich dort wohl kaum mehr übersehen können.

Wir lachten fröhlich, ich bedankte mich, legte auf und stapfte zum Leihwagenschalter, den ich verwaist vorfand, nur hinter dem Tresen lümmelte ein Angestellter vor sich hin. Vor dem Tresen stand: ich. Sonst: keiner. Ich rief wieder an.

Niemand da, sagte ich.

Völlig ausgeschlossen, sagte die Irin, denn am anderen Apparat habe sie den Fahrer am Ohr, welcher Stein und Bein schwöre, dass er direkt vor dem Schalter stehe, mich aber nicht sehe. Wir überprüften sicherheitshalber den Namen der Leihwagenfirma, man weiß ja nie so recht, nur um jegliches Missverständnis auszuschalten. Passte.

Aber ich bin kein Trottel und ich kenne vor allem die Iren. Könne es womöglich sein, fragte ich daher, dass vielleicht bei der Weitergabe des Flughafens ein kleiner Irrtum …? Das sei aber auch schon so etwas von komplett ausgeschlossen, sagte die Irin, nun durchaus bereits ansatzweise genervt, selbstverständlich habe man den Mann zum korrekten Flughafen geschickt, was ich denn glauben würde, und er warte nun eben am Shannon Airport beim Leihwagenschalter auf mich.

Ich blieb ruhig und souverän. Ich fragte ganz lässig, warum sie denn eigentlich glaube, dass ich in Shannon aus dem Flugzeug steigen würde, wo sie mir doch ein Ticket nach Dublin gekauft habe. Es war dann einige Sekunden lang still im Hörer. Aber ich ließ ihr Zeit. Man muss Menschen immer wieder die Zeit geben, die sie benötigen, um sich zu sammeln. Erst danach soll man sie mit komplexeren Sachverhalten konfrontieren.

Ganz ehrlich, meldete sich die sehr irische Irin nach ihrer Nachdenkpause wieder, sie wisse es nicht. Nun jedoch, sozusagen retrospektiv betrachtet, wo sie das alles noch einmal durchdenke, könne sie erkennen und scheine es ihr durchaus nachvollziebar, dass es da beim Organisieren des Trips womöglich eine sinnvollere Vorgehensweise geben hätte können.

Glaube ich auch, sagte ich, und war voll in meinem Irland-Modus, nämlich: konsequent lässig und fröhlich und freundlich. Wir amüsierten uns sehr, dass ich in Dublin stand und das Taxis in Shannon wartete, denn bei den Iren ist eh alles immer voll good craic. (Sie können hier googeln, was „Good Craic“ bedeutet.)

Kurz und gut: Ich würde mich eh gerade bei einem Leihwagenschalter befinden, sagte sie nach einigem Nachdenken, was sehr praktisch sei, ich solle doch einfach mein Handy dem Typ hinter dem Schalter geben und sie kurz mit ihm reden lassen. Gesagt, getan, die zwei hielten ein ungefähr einstündiges Schwätzchen, und gemeinsam mit dem Handy schob der Mann mir danach umstandslos einen Autoschlüssel über den Tresen. Er wies mich an, mit dem Wagen quer durch die Insel hinüber an die Westküste zu fahren, zum Flughafen von Shannon, dort würde  – am Leihwagenschalter, wo ich das Auto auch gleich wieder zurückgeben könne – wie ohnehin ausgemacht der Taxifahrer auf mich warten, welcher im Übrigen eine Fahrerin sei.

Ich hatte inzwischen die halbe Irish Times vom Vortag ausgelesen, die er mir serviceorientiert während des Gesprächs zugeschoben hatte, damit mir nicht fad würde, grinste, nahm den Schlüssel, und fuhr los. Ich hatte meine Freude mit der Situation, weil ich in Irland immer sehr gerne übers Land fahre. Am großen Mitteldisplay des Toyota Prius beobachtete ich fröhlich, wie die komplexen Energieströme aus der Batterie als kleine Pfeilchen zum Motor und von der Bremsanlage zurück in die Batterie wanderten, ich ruckelte solidarisch mit, wenn der Benzinmotor vom E-Antrieb übernahm, ich bestaunte aus dem Wagenfenster das grüne Irland rund um mich, ich hörte den Sender Raidio ná Gaelteáchte und verstand natürlich kein Wort, ich streamte mir vom iPhone die Pogues in die Lautsprecher und sang mit, ich war einfach viereinhalb Stunden, die ganze Autofahrt lang, glücklich und zufrieden.

Obwohl ich selbstverständlich mit allem rechnete, wartete einen halben Tag später dann die Taxifahrerin am Leihwagenschalter des Flughafens von Shannon am anderen Ende der Insel tatsächlich immer noch auf mich.

Ich war baff, das hätte ich ihr eher nicht zugetraut. Ich kann zwar nicht behaupten, dass sie noch vollständig nüchtern war, aber meine Güte, wie gesagt, es ist eh alles good craic in Irland. Ich gab das Auto zurück und wir starteten nach Doonbeg. Alles war super, wir unterhielten uns prächtig. Ein echter Dialog kam zwar nicht zustande, weil sie schon besoffen genug war, sich nicht mehr klar artikulieren zu können. Und ich war noch nüchtern genug, sie nicht mehr verstehen zu können. Aber sie erzählte mir halt irgendwas, dann erzählte ich ihr irgendwas ganz anderes, und so verstanden wir uns großartig. Sie verfuhr sich draußen in der Pampa dann ziemlich, weil sie an Kreuzungen offensichtlich nach dem Zufallsprinzip agierte, aber das war auch schon egal. Sie hielt einfach im nächsten Dorf und schickte mich in den Pub gegenüber, nach dem Weg fragen. Obwohl ich ihr bedeuten hätte können, einfach das Navi an ihrer Windschutzschebe zu verwenden, gehorchte ich brav.

Im Pub war ich bereits mit fünf Iren im intensiven Gespräch, noch bevor ich meine Frage nach dem Weg fertig stellen konnte. Zuerst einmal wollten sie wissen, woher ich käme, ob es dort auch Guinness gebe, ob ich Mozart kenne und ob ich schon einmal mit Schwarzenegger gesoffen hätte. Vor allem das mit Arnie war ihnen ziemlich wichtig.  Obwohl ich sie enttäuschen musste, entspann sich eine nachhaltige, austro-irische Sozialinteraktion. Nach einer dreiviertel Stunde gesellte sich die Taxifahrerin zu uns, die draußen zumindest einen Teil ihres Räuschleins ausgeschlafen hatte, wir nahmen sie gerne in unser Grüppchen auf und sie bemühte sich, ihren Zustand von vor einer Stunde schnell wieder herzustellen. Später war ich dann gerade noch in der Lage, unser Fahrziel ins Navi des Taxis einzugeben. Aus mir unerfindlichen Gründen war die Taxlerin ebenfalls noch gerade in der Lage, trotz der sechs bis acht Liter Guinness, die sie zu sich genommen, in sich be- und verarbeitet, und schließlich auch wieder von sich gegeben hatte, der Straße halbwegs zu folgen. Bereits rund zwölf Stunden nach meinem Dubliner Touchdown an der Ostküste der Insel kam ich im Hotel in Doonbeg an der Westküste an.

Sorgen hatte man sich dort nicht gemacht, vielmehr waren alle fröhlich, weil doch wirklich eine nette Geschichte und so weiter. Golf spielen konnte ich am nächsten Vormittag nicht, weil Kater. Das wiederum verstanden die Iren weniger. Denn wenn sie literweise Guinness zu sich nehmen, was zumindest viermal die Woche der Fall ist, dann sind sie am nächsten Tag üblicherweise topfit. Man hat ja schließlich eine Verantwortung gegenüber seinem Körper und der Umwelt. Ist halt doch ein Österreicher und die halten eben einfach nichts aus, mögen sie sich gedacht haben, und verlegten meine Abschlagzeit auf den Nachmittag. Nicht, ohne tadelnd die Brauen hochzuziehen.

Da ging es mir dann schon wieder gut. Ich stand draußen am Golfplatz neben einer kleinen Holzbank, hörte den Atlantik rauschen, spürte den Wind wehen, sah das hohe Gras in Wellen rollen wie es sonst nur das Meer tut, und wohin ich auch schaute, die ganze Welt um mich war grün. Schön war das.

Happy St. Patrick´s Day, Lads und Lassies!

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