Entwinterungsfahrt

Man reist an den See, zum Begrüßen des Frühlings, und dort rattert man ein eingerostetes grünes Garagentor nach oben, um das Soulredsummerfeelingauto zu befreien, ihm den ersten Sonnenstrahl nach langen Monaten der Dunkelheit in seine Winternacht zu schicken. Man öffnet den Schlag und mühevoll – schließlich hat man die kalte Jahreszeit über konsequent an der Erweiterung seiner Statur gefressen –  zwängt man sich durch den engen Spalt auf immer noch duftendes Leder ins Innere. Den Startknopf drücken, und als wäre nichts gewesen, als hätte es das unbewegte Warten auf den nächsten Sommer nicht gegeben, meldet sich der kleine Motor ins Leben zurück. Es ist diese fein ziselierte Mischung aus heiserem Fauchen, freundlich dumpfem Grollen und bemühtem Splotzen, die das kleine Auto klingen lässt, als lieferte es die große Show der erwachsenen Ferraris, Maseratis, Jaguare und Lamborghinis ab. Dass es nur ein Mazda ist, vergisst man in der Sekunde. Vorsichtiges Rollen nach draußen, die Mondseesonne freut sich über den Anblick des monatelang Vermissten, unter der Drachenwand wirft man das Dach nach hinten, drückt aufs Gas und nimmt schließlich Graz ins Visier, um dort einzupacken, was mit in den Süden kommt, wobei das nicht viel sein kann, denn das Soulredsummerfeelingauto bietet nur beschränkten Platz für dies oder das.

Mit im Süden ist jedenfalls A, und an der Strada Costiera von Triest nach Duino wickelt sie ihr Kopftuch um Haar und Hals, als wäre sie die Fürstin Monte Carlos, die sich vom Fürsten, welcher man dann wohl selbst zu sein hat, vom Strand unten hinauf nach La Turbie chauffieren lässt, den Wind des Frühlings in den Haaren, den Duft des Meeres in der Nase, und die Fröhlichkeit der Wärme im Denken. Das Soulredsummerfeelingauto tut sein Bestes, um die neue Jahreszeit einzufahren, der Golf von Triest grüßt mit dem üblichen mattblauen Feinripp herauf zur Straße, das weiße Castello von Miramare schwimmt links nach hinten, und die Sonne des späten Nachmittags bereitet sich auf ihren farbenfrohen Untergang drüben hinter der Lagune von Grado vor. Faul wie eine vollgefressene Katze wartet das Friaul auf die kommende Wärme und freut sich über Besucher. Für sie will es die frühe Sonne des nahenden Sommers sein.

Zu Triest, Duino und Grado im Frühling gehören Campari Sodas. Du sollst sie trinken ohne Zweifel und Zaudern, mit Mut, Zuversicht und Enthusiasmus, ohne Unterlass, weil die würdelose Kälte nun Geschichte ist. Du kannst dich mit ihnen auf fette Monate vorbereiten, die dir hoffentlich bevorstehen. Dazu benötigst du die angebrachte Entschlossenheit und Technik bei der Konsumation. Trinkst du deinen Campari Soda im Freien, sollst du etwa das Glas zunächst gegen die Sonne halten und sie das Rot zwischen Wand, Eiswürfel und Flüssigkeit in allen möglichen Tönen changieren lassen. Die Orangenscheibe schwappst du durch vorsichtiges Drehen im Kreis und freust dich über das viele blutrote Rundherum. Dann erst trinkst du. Du verzichtest auf den Strohhalm, denn der ist etwas für Weicheier, und du bist ja immerhin in Italien, wo man dem guten Ton ausgefeilten Verhaltens in Bars und an Strandpromenaden zu folgen hat, will man nicht verächtlich als hoffnungsbefreiter Tourist abqualifiziert werden. Den Campari ohne Strohhalm also, bitteschön. Dafür lässig in den Mundwinkel hinein geschlürft, als wäre man Al Pacino. So gehört sich das.

Außerdem gehört sich: Den Espresso nimmst du, indem du eine Bar betrittst, schon vom Eingang ein selbstbewusstes, jedenfalls aber freundliches Un Espresso, per favore! in Richtung Theke absetzt, dann gemessenen Schrittes – nur ja nicht zu hastig, aber auch nicht provokant langsam – die Lokalität durchschreitest, um schließlich am Tresen mit einer lässigen Bewegung aus dem Handgelenk die Münzen aus deiner Hosentasche auf das polierte Holz zu schlenzen. Dann nimmst du die Tasse am Henkel, nur ja nicht den kleinen Finger abspreizen, weil auch dieses Weicheierespressotrinken wäre, und du schlürfst den heißen Schwarzen in einem Zug nach unten, diffundierst ein geistesabwesendes Ciao! durch die Lippen in die Barluft, und Abgang.

Das ist wichtig in Triest, denn dort sind zu viele tollpatschige Österreicher unterwegs, als dass du es dir leisten könntest, bei den stilbewussten Einheimischen als einer von ihnen, also als dumpfer Tölpel identifiziert zu werden. Du darfst dich nicht wie ein Tourist verhalten, sondern du musst tun, als kämst du von hier oder wärst zumindest hier ansäßig.

Das Soulredsummerfeelingauto erleichtert das an sich trotz aller seiner Luftigkeit nicht, denn im Italienischen lieben sie natürlich die Varianta fiatale viel eher, den Spider also, der zwar mit Mazda-MX5-Genen versehen ist, von den Turiner Designern jedoch genau jene Portion Italianità verpasst bekommen hat, die ausreicht, aus seinem eher rotzigen Soulredsummerfeelingauto-Naturell einen Schönling con leggerezza italiana zu machen, einen Parvenu, der als Bluesummerskiescar auf der Welt ist. Falls es Sie interessiert, können Sie die kleinen Unterschiede hier nachlesen. Ich jedenfalls bin aus vielerlei Gründen ein Soulredsummerfeelingauto-Mann, also muss ich mich in Italien besonders benehmen, damit sie mich trotz meines Mazdas hier mögen.

Ich bekomme das nicht schlecht hin, ganz ehrlich gesagt.

Denn einerseits tänzelt sowieso ein wenig italienisches Vorfahrenblut durch meine Adern: Mütterlicherseits gab es auf Großelternebene und noch länger davor Senonas in Scurelle, einem kleinen Dörfchen im Trento, und dazu auch noch Graziadeis und Casagrandes in Fonda, einer harmlosen Kleinstadt im Alto Adige. Und andererseits ist mir natürlich diesmal das blonde Haar der Fürstin von Monaco an meiner Seite zusätzliche Hilfe, denn führst du eine Blondine am Arm, halten dich die Italiener sowieso alle per se für den Coolsten der Coolen.

bootzeSo sitzt man nun also als akzeptierter Österreicher am Hafen von Grignano, grüßt ab und an lässig hinüber zu den Chauffeuren der Linienbusse ins nahe Triest, die an der Endhaltestelle hier draußen am Fuße des Miramare-Castellos ihre Rauchpause einlegen. Man betippt das MacBook vor sich, schaut auf die vertäuten Boote, freut sich bereits auf das bevorstehende Zuwasserlassen der Blue Grape demnächst am Mondsee, knippst ein iPhone-Bild zum Beweis, dass man wirkilich vor Ort ist, und schreibt die letzten beiden Sätze dieses Blogposts:

Tutto bene oggi. Soulredsummerautoentwinterungsfahrten sind der totale Bringer.

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