Kernöl

Sie wissen, ich bin Steirer. Also muss ich meine Heimat mögen. Und wissen Sie was? Das tue ich auch.

Wir haben hier Platzerln, sage ich Ihnen, die sind Zucker. Wollen Sie einen Tipp? Die Seewiesn in Altaussee zum Beispiel, die ist einer der beeindruckendsten, mystischsten und schönsten Orte Österreichs. Natürlich – seit Milliardär Dietrich Mateschitz dort ordentlich hingelangt und das schöne, rurale alte Holzaus um ein neues, ein bissl weniger rurales Gasthaus mitten im Moor und direkt am See ergänzt hat, ist die Naturbelassenheit halt nicht mehr ganz so naturbelassen. Gefühlte tausend oder zweitausend Menschen werden da jetzt wohl täglich durchgeschleust. Oder so. Aber was solls. Soll sein. Idylle ist eh schon längst ein knappes Gut, da kommt es auf die verlorene Unschuld eines Platzes mehr oder weniger nicht an.

Doch davon will ich Ihnen heute gar nicht erzählen.

Ich will Ihnen von der Recherche zu einer Story über die steirische Kommunikationsbranche erzählen. Die bestärkt mich nämlich ein wenig in meinem Vorurteil, dass im grünen Herzen Österreichs möglicherweise hier und da, da und dort, in überdimensionalem Ausmaß Menschen am Werk sein könnten, die nicht so wirklich eine Ahnung haben von dem, was sie tun.

Anektote? Gern.

Ich rufe bei der profiliertesten PR-Agentur des Bundeslandes an – halt, ich schreibe lieber: bei einer der profiliertesten Agenturen, man fühlt sich hierzulande ja auch sehr leicht am Schlipse betreten – und möchte einen der beiden Gesellschafter sprechen.

Der ist auf Urlaub, sagt die andere Gesellschafterin.

Macht nichts, sage ich, Sie sind ja eh auch Agenturchefin, Sie können mir sicher etwas über die PR-Agenturszene in der Steiermark erzählen.

Nein, sagt sie, da kenn ich mich nicht so aus, das macht alles mein Mann, das ganze PRVA- Zeug und so, rufen´S den dann nächste Woche wieder an.

Zu spät, sage ich, ich hab diese Woche Redaktionsschluss. Könnten Sie mir nicht seine Handynummer geben?

Sie: Nein. Der kann außerdem gar nicht telefonieren, der ist unter Wasser.

Ich: ???

Sie: Er ist Tauchen.

Ich: Ah, verstehe. Gut, das geht sich dann aber nicht aus, ich rufe einfach bei einer anderen Agentur an.

Und ich merke, wie erleichtert sie ist, dass sie nicht weiter mit einem so lästigen Journalisten reden muss und das Problem auf Branchenkollegen abwälzen konnte. Erstaunliche Interpretation von Pressearbeit und Kenntnis der eigenen Branche.

Nächstes Telefonat, diesmal mit dem Obmann der steirischen Fachgruppe für Marktkommunikation – ich plane, Näheres über die Trends in der lokalen Agenturszene zu erfahren. Was er sagt, wörtlich und ohne das als Scherz zu meinen, noch bevor ich die erste Frage stellen konnte:

Wissen´S, wir haben vielleicht ein bissl mehr Kernöl als die anderen in Österreich, aber sonst ist bei uns eh alles gleich, bei Trends und so.

Oft kommt es nicht vor, dass mir bei Recherche-Telefonaten keine Frage mehr einfällt. In diesem Fall ist umstandslos klar: Mit dem wird das so nix. Ich schlage also vor:

Wissen Sie was, ich glaub, ich schreib Ihnen meine Fragen lieber in einem Mail zusammen, da können Sie sich dann erst ein bissl sammeln, wenn Sie es gelesen haben, und wenn ich bis übermorgen die Antworten per Mail zurück kriege, wäre das super.

Danke, sagt er.

Und auch hier kann ich die totale Erleichterung durchs Handy hören.

Ist eh alles mein Fehler. Du kannst nicht einfach aus der vergleichsweise großen, weiten Welt des restlichen Österreichs in die geschützte Werkstätte Steiermark hinein telefonieren und glauben, lokale Kommunizierer geben dir auf Fragen nach ihrer Branche prompte Antworten, die Sinn machen und die du verwenden kannst. Du musst da einfach eine adäquate Schrecksekunde einkalkulieren, die entsteht, wenn ein Journalist anruft, der nicht von dem kommt, was sie kennen – also von der Kammerzeitung, der Kleinen Zeitung oder von einem der Frostbeuleninseraten-Gratisblätter, die sie hier zuhauf haben.

Ich meine, hey. Es ist die Steiermark!

Hier wohnt das wilde Bergvolk. Abgekapselt, selbstbestimmt, störrisch, fragmental gebildet, rudimentär ausgebildet und in der Kommunikation um Jahre hinter dem Wien-Standard zurück. Wie ich halt. Doch auch wenn du selbst Steirer bist, also genetisch und von Geburt an eh über das passende Tölpelformat verfügst, musst du dich da erst rekalibrieren, reitest du aus der richtigen Welt wieder zu Hause ein und möchtest was reißen.

Genau das tu ich jetzt, rekalibrieren:

Ich höre vorerst einmal auf zu recherchieren und gehe einen Kernölsalat essen. An Salouut. Mit Kaeirnaöul.  Morgen probier ich´s dann wieder neu.

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5 Gedanken zu “Kernöl

  1. A. Es gibt auch für Steirerinnen und Steirer wenig Grund, sich vor einem Mitarbeitet des Horizont zu fürchten, oder?
    B. Es erstaunt mich, dass jemand sich per Blog über seine offenbar nicht allzu geglückten Recherchen verbreitet (und ich denke, niemand ist dazu verpflichtet, ein Statement abzugeben) – wenn es bei mehren Versuchen nicht klappt, muss das nicht unbedingt an der Steiermark liegen, es könnte auch der Anrufer die Ursache sein.
    C. Dass es in der Steiermark keine wesentlich anderen Kommunikationstrends gibt, als in Niederösterreich oder Salzburg (oder auch Nordrhein-Westfalen) liegt wohl auf der Hand.
    D. Und ein Pro-Tip: Es gibt viele Wege, einen Menschen zu erreichen, wenn es dringend ist … E-Mail, Telefonnummer für einen Rückruf hinterlassen, PN in sozialen Medien …

    LG Martin Novak

      1. Es gab das Angebot, Ihre Nummer zu hinterlassen oder mir ein Mail zu schicken. Dann hätten wir gestern gesprochen. Das hatte Ihnen aber die Möglichkeit genommen, einen zwar weitgehend faktenwidrigen, aber immerhin pointierten Blog-Beitrag zu schreiben. Dafür war ja trotz immensem Redaktionsschluss-Stress glücklichweise noch Zeit.

  2. Fairerweise ist mit zeitlichem Abstand noch zu ergänzen, dass der (wenn er über Wasser ist) wohl durchaus umtriebige Kommentator von oben sich inzwischen selbstverständlich über dieses Blog-Posting beschwert hat – bei einem Verlag, der mit diesem Blog überhaupt nichts zu tun hat, wie sich auch im Menüpunkt „Offenlegung“ nachlesen ließe.

    Ganz grundsätzlich führen in der Sache unqualifizierte Beschwerden außer zu Amüsiertheit und höflichem Entgegennehmen von welcher Seite auch immer zu überhaupt nichts. Auch wenn sie ein eh netter Versuch der Beeinflussung oder gar nachträglichen Disziplinierung eines unliebsamen, jedoch unabhängigen Journalisten sein mögen: Weder schaden sie mir, noch ändern sie etwas an meiner Arbeitsweise oder meiner Unabhängigkeit oder meiner Auftragslage. Eher tragen sie dazu bei, meine gewonnenen Eindrücke zu verfestigen.

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