I live by the lake (5)

Das Leben am See ist hart, karg und stressig, ehrlich. Sie können das nicht wissen, weil Sie vermutlich sonstwo am Land oder eher sogar in einer Stadt wohnen, jedenfalls – da gibt es diesen unglaublichen Freizeit-Leistungsdruck:

Sie wachen zum Beispiel auf, treten auf die Terrasse, sehen unter sich den grünen See, über sich die gelbe Sonne im blauen Himmel, es ist warm, und Sie wissen – Sie müssen was tun. Natürlich können Sie zuerst einmal die Markise hinaus kurbeln, damit wenigstens die Sonne verschwindet, und Sie können anschließend gut terrassenfrühstücken. Doch danach steht die Entscheidung definitiv an: Was? Tun? Segeln gehen? Golf spielen? Um den See radeln? Schwimmen? Oder gar die anstehenden Schreib-Arbeiten erledigen, unter der Markise natürlich? Das nennt man Druck, da ist man ganz schön under pressure, das hält man nur gut trainiert aus, und zu Beginn des Sommers ist man einfach noch ungeübt, also: höllisch.

Ich zum Beispiel dieser Tage: volvo.

Sie wissen, das ist kein Auto. Ich meine, schon auch. Sogar ein ziemlich gutes, und seit die Chinesen die schwedische Firma vor Jahren übernommen haben, wurde aus der guten, robusten Skandinavien-Marke Volvo eine richtig coole, supermoderne – und eine sogar noch bessere als nur gute. Doch die Schweden haben das Wort „volvo“ bloß aus der Sprache der Römer entliehen, in dieser ist es erste Person Singular von „volvere“, und es bedeutet: „Ich rolle“.

Und genau deshalb vorerst einmal Stress, weil Defekt-Problem:

Weil ich mir von C, dem erstklassigsten Wiener Kommunikationsberater unter der Sonne, dessen Rad gekauft habe – C war dankenswerterweise elegant bei den Konditionen und zuvorkommend bei den Übergabemodalitäten – plante ich dieser Tage, meine rollenden Seeumrundungen auf ein neues Level zu heben. State of the Art war bisher: Ich stieg auf mein knapp 20 Jahre altes Trekking Bike, bei dessen Anblick sie im Mondseer Alpenbikeshop regelmäßig einen Lachanfall bekamen und dessen Servicierung sie aus Gründen der Antiquiertheit des Geräts grundsätzlich verweigerten, und fuhr los. Irgendwie dachte ich mir dabei den ganzen vergangenen Sommer lang, das könne doch nicht alles sein, das müsse doch auch noch irgendwie optimaler gehen. Vor allem war ich verstört, wann immer mich deutsche und asiatische Touristen-Omis und -Opas überholten, alle grellbunt gekleidet sowie gerüstet und bebrillt, als wären sie Lance Armstrong. Und sie überholten mich oft.

Das musst du erst einmal aushalten – du fährst halbwegs in der Nähe deines Limits, stampfst nach Kräften in die Pedale deines Oldtimers, zu dessen ohnehin schon gewagtem Systemgewicht noch gut fünf Kilo Rost zu addieren sind, und dann gleitet die schockbunte 75-jährige Großmutter aus Paderborn oder von sonst wo entspannt an dir vorüber, schaut voller Gelassenheit von Plomberg über den Mondsee hinüber nach Loibichl, und unterhält sich auch noch mit ihrem Opi, als hätte sie immer noch Luft, während du schon ein bissl keuchst. Ich brauchte gute sechs Wochen, bis ich kapierte: Die haben alle ein E-Bike. Da beschleunigst du leicht einmal auf einen 30er, während du mit dem Mitradler palaverst und veraltete Trekking-Biker überholst, die am Rande des Herzinfarktes treten.

Seither ließ mich das Überholt werden by German Grandmas & Grandpas halbwegs kalt, ich beschloss jedoch: Das geht so nicht mehr, ein gescheites Rad muss her.

Schon vergangenen Herbst ließ ich mich von C kompetent beraten (Sie können das nachlesen, indem Sie hier klicken), und jetzt, da der Kauf anstand, traf es sich wunderbar, dass er, Besitzer eines der formidabelsten Bikes des Landes, beschlossen hatte, dass ein noch besseres her musste – und das alte, welches immer noch erst drei Jahre oder so jung ist, an mich abtrat. Ich will Ihnen über dieses außerirdische Gerät, das nun meines ist, nur Rudimetäres verraten, damit Sie sich nicht zu sehr schrecken: ein Raumschiff. 6,5 Kilo Gewicht tutto completto, gänzlich dem Werkstoff Carbon verfallen, schön und scharf wie die schwarze Tante Carrie-Ann Moss am Höhepunkt ihrer Matrix-Durchschlagskraft, wenn sie wissen, was ich meine. Elektrische Schaltung.

Und überhaupt, der Name.

Das Bike – wir sprechen ja inzwischen nicht von Rädern, sondern von Bikes, was das Radeln in eine Art Paralleluniversum der mobilisierten Kampfeskunst per Muskelkraft transportiert –, das Bike also heißt: „Canyon Ultimate CF SL“. Das klingt zumindest für meine naiven Ohren eines Steirer-Tölpes sehr nach Warp Speed, Mondlandung, und jedenfalls nach ganz großem Kino.

Ich plante also, mit meinem frisch akquirierten Raumschiff den Mondsee in völlig neuer Qualität radelnd zu umrunden, und jetzt kommen wir nach diesem langen Epilog endlich zum Thema Stress, hartes Leben am See, und so weiter:

Denn, im Vorderreifen fehlte für mein stattliches Kampfgewicht ein Alzerl Luft. Als Steirerdolm ruinierte ich beim Versuch des Aufpumpens sofort einmal Schlauch und Ventil mit der ebenfalls frisch angeschafften Pumpe, die passend zum Bike ebenso aussieht wie das Starship Enterprise. Daher Ausweichprogramm Segeln. Ich stieg ins Soulredsummerfeelingauto und transportierte mich ans andere Seeufer, wo pittoresk die Blue Grape, mein zweiter neuer Augenstern neben dem Bike, vor sich hin dümpelt. Zärtlich streichelte ich ihr das Deck, man muss Schönheiten die gebührende Reverenz erweisen, immer wieder, sonst zicken sie.

Später draußen am See, als ich fertig mit dem Ankern und Schwimmen war, streikte mein Torqueedo-Außenborder, den ich nicht gestreichelt hatte, obwohl ich eh weiß, dass er die totale Diva ist. „No Battery Status“, flammte im Display auf, ein veritabler Defekt auch dieses.

Das ist insofern heikel, weil sie es im Segelclub Schwarzindien nicht so gern sehen, tanzt du mit gesetzten Segeln in die Marina hinein, weil du dann bald einmal wo anfährst und was kaputt machst. Streng genommen ist es praktisch unmöglich, im engen Innengeläuf der Anlegestelle Kurvenmanöver unfallfrei mit gesetzten Segeln zu machen, alle vernünftigen Menschen erledigen das daher mit eingeholtem Tuch per stark gedrosseltem Motorgas. Aber wenn der Motor nicht geht, kannst du kein Gas geben, weder voll noch gedrosselt. Und paddeln, allein auf einem immerhin gut eine Tonne schweren Schiff, bei gleichzeitigem Steuern, Taue aus dem Wasser fischen und festmachen? Das schafft auch Captain Ahab nicht ohne kleinere und größere Katastrophen. Ich schon – allerdings wartete ich, bis der Abend gekommen, die Dämmerung aufgezogen und die Marina verwaist war – damit niemand dem erbärmlichen Schauspiel folgen konnte. Sie lachen eh schon in der nahen Mondseer Segelschule genug über mich, weil, ach – klicken Sie einfach hier. Also: einen Nachmittag lang ziellos herumsegeln am See, auf den Abend warten und sich auf den finalen Showdown beim Anlegen vorbereiten – wenn das kein psychischer Stress ist.

Und dann am nächsten Tag packte ich den defekten Motor und das defekte Laufrad ins Soulredsummerfeelingauto, welches für solcherlei Zeugs eigentlich keinen Platz hat, aber man kann ja das Dach abnehmen. Ich fuhr zum Alpenbikeshop, wo sie nicht mehr lachten, denn sie erkannten am Laufrad mit Kennerblick, dass es zu einem ultracoolen Raumschiff-Bike gehören musste, also erledigten sie die Reparatur mit Enthusiasmus und in Lichtgeschwindigkeit. Dann fuhr ich weiter an den Attersee, um im Schörflinger Yachtclub den Torqueedo an einen eigens aus Wels angereisten Reparaturspezialisten zu übergeben. Wieder zu Hause am Mondsee stieg ich aufs Raumschiff et volvebam („und ich rollte“) um den See in einem Tempo, das mir dank des neuen Gerätes nicht mehr den Atem raubte, obwohl es jenem, das ich am Trekking Bikes erreicht hatte, überlegen war wie Angela Merkel und eh alle anderen auch Donald Trump in Sachen Intelligenz überlegen sind. Ein famoses Bike.

Heute wollte ich zu einer größeren Tour aufbrechen, die zusätzlich zur Mondseerunde auch noch drei nicht zu schlaffe Bergwertungen und den Fuschlsee mit einschließt. Aber es regnet auf Salzkammergutart, also sehr. Daher arbeite ich stattdessen auf der Terrasse, starre auf den grauen statt grünen See, weil Wolken auf Tiefflieger-Niveau, und tippe angestrengt vor mich hin. Wie gesagt: Das Leben am See ist hart, karg und stressig.

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