I live by the lake (6)

Zur Abwechslung einmal ein Sprichwort: Der See gibt es, der See nimmt es.

Ich bin jetzt ganz ehrlich: Mir nimmt er eher Dinge. Zum Beispiel vor einem Monat oder so, ich besegelte den Bereich hinten bei der Düse Oberburgau. Der Ausdruck Düse mag Ihnen ein wenig vermitteln, dass dort tendenziell eher mehr Wind weht als sonstwo am Mondsee. Ich glitt am Wasser dahin, elegant und getragen wie die Möwe Jonathan oder der Drache Fuchur oder die Air Force One ohne Trump drin, als der Wind auffrischte, drehte, und mir ein bissl in den Rücken fiel, einfach so, aus dem Nichts heraus. Macht aber gar nichts, ich habe gelernt, wie das dann alles geht, und knallte eine prompte, saubere und minutiös getaktete Halse in das grüne Wasser. Völlig allein, möchte ich hinzufügen – weil ich am Mondsee meistens solo segle, wenn nicht gerade Besuch da ist. Halsen als Einmannbesatzung bei plötzlich drehendem Starkwind sind gar nicht ohne für einen Anfänger wie mich, aber ich bitte Sie, so etwas erledige ich zwar nicht mit Links, weil es doch beide Hände braucht, aber jedenfalls ohne Gedöns und tendenziell mit Bravour.

Nur das mit dem rechtzeitigen Ducken unter dem Großbaum durch, wenn man ihn über das Boot hinüber hievt, war mir irgendwie temporär entfallen, erst in allerletzter Zehntelsekunde fiel mir ein, jessas, wenn du deine Marille jetzt nicht sofort einziehst, bekommst du vom Aluminium eine resche Watschen seitlich drüber gezogen. Das Timing war außerordentlich, ich habe sogar noch den Luftzug gespürt. Allerdings mag das auch mein heiß geliebtes Doonbeg-Baseballkäppi gewesen sein, dass ich mir eigenhändig von den seinerzeitigen Betreibern des gleichnamigen irischen Linksgolfanlage schenken hatte lassen, bevor sie dann von Donald Trump übernommen wurde, und das der Großbaum mir nun von Schädel fegte. Jedenfalls, ich sah das schwarze Cap hinter mir im Mondsee vor sich hin dümpeln, mit den Wellen kämpfen und rasch den Horizont gewinnen, weil mein Boot formidabel vor dem Wind kreuzte, ich also: schnell weg war.

Weil ich mich mit dem Thema „in den Mondsee fallen“ gut auskenne, Sie können das hier nachlesen, behielt ich die völlige Ruhe, dachte an das Mann-über-Bord-Manöver, von dem der Lehrer im Segel-Grundkurs peripher erzählt hatte, und überlegte, ob man das wohl eins zu eins für die Situation „Baseballkäppi über Bord“ anwenden könnte – und sollte. Dann dachte ich:

Wurscht, los geht´s!.

Ich wendete, halste, kreuzte, halste, wendete, riss mir den Finger der rechten Hand an weiß ich was auf, halste, kreuzte, fluchte, klemmte mir die linke Hand an was weiß ich was ein, stieß mir das Knie an was weiß ich was, beschimpfte den See, beschimpfte Donald Trump, wendete noch einmal und kam der bereits mit dem Untergehen kämpfenden Kappe dank dieser komplexen Choreographie verschiedenster Manöver tatsächlich um gut 30 Zentimeter näher. Sie war jetzt nur mehr 20 oder 25 Meter entfernt. Ich wusste, wenn sie noch fünf oder sechs Stunden durchhält, ohne sich anzusaufen und zu sinken, würde ich ihr nahe genug sein, um sagen zu können, dass ich sie fast erwischt hätte. In dieser Sekunde überschwappte eine Welle mein Doonbeg-Kapperl, und weg war es.

Ein echtes Seebegräbnis. Der Mondsee hatte es genommen. Aus Solidarität vertschüsste sich etwas später auch noch die Steuerplatine im E-Motor der Blue Grape, aber das ist eine andere Geschichte, die Sie finden, wenn  Sie hier klicken. Es war jedenfalls ein Nachmittag, der in der Folge ein bissl mühsam wurde.

Doch von all dem will ich Ihnen nicht erzählen. Sondern von meiner Ray Ban. Dazu müssen Sie wissen, dass ich ein begnadeter Sonnenbrillenverlierer bin. Länger als eine Saison hat noch keine durchgehalten. Bis auf die Ray Ban. Ich hatte sie mir vor gut fünf Jahren in Graz gekauft und wie durch ein Wunder hatte sie all das wilde Hin und Her zwischen Wien, Graz, Mondsee und was weiß ich wo noch, dieses dauernde Changieren von Wohnungen, Hotelzimmern und allen möglichen Unterkünften, unverloren überstanden. Nicht einmal ein Kratzer hatte sich ins grüngraue Glas gesprengt und kürzlich erst hatte ich sie nachdenklich am Bügel zwischen Mittelfinger und Daumen gedreht und mir gedacht, wie seltsam das doch war.

Vorgestern dann waren die Freunde B und S aus Wien zum Segeln zu Besuch, wir hatten wenig Wind, viel Spaß, leerten das eine oder andere Bier, aßen an Bord sogar zusammengezählt drei Bananen, erörterten die Weltlage, genossen die Sonne, ich erzählte Mondseegeschichten, S erzählte Millstätterseegeschichten und B erzählte Adriageschichten. Ein netter Tag, elegant, souverän, zufrieden und sonnengebräunt schipperten wir abends in die Marina ein und schafften mit der Blue Grape mehr oder weniger eine Punkteinschiffung in ihre enge Koje. Leichtfüßig sprangen wir von Bord, ich als letzter, die Ray Ban lässig im Knopfloch des Shirts eingehakt, von wo sie sich mit einer subversiven Drehbewegung befreite, als mein Oberkörper gerade einen kleinen Schlenkerer durch den Luftraum seitlich des Steges absolvierte, eine Art Pendelbewegung zur Begrüßung festen Bodens unter den Füßen nach einem Segeltag. Die Ray Ban tauchte mit einem leisen Blubb in den abendlichen Mondsee, ich beobachtete ihren schwarzen Korpus mit einer Eleganz ins Grün hinunter sinken, deren Nonchalance mich verklärt zusehen ließ.

Hoppla, sagte ich.

Ein Klassiker, sagte S.

B sagte nichts, aber er, der erfahrenste Segler unter uns dreien, der mich einen halben Tag lang am Gerät beobachten hatte können, mag sich gedacht haben, dass das womöglich nicht das letzte Ding sein könnte, dass mir in den Mondsee entgleiten würde.

Was weiß ich, jedenfalls, die Brille ist weg. Das auf den ersten Blick klare und hellgrüne Wasser ist auf den zweiten Blick erstaunlich weniger klar und dunkler grün. Nichts zu sehen dort unten. Ich beschloss: Der wird morgen nachgetaucht. Ich merkte mir die Stelle und sprang dann gestern dort hinein. Ich fand: nichts. Ich konnte nicht einmal den Grund erkennen, zu trüb macht der schlammige Boden in der Marina den See. Heute kaufte ich mir dann eine Schwimmbrille im Baumarkt. Ich ließ mich vom Aufdruck „Keinesfalls zum Tauchen verwenden, schwere Verletzungsgefahr!“ nur am Rande irritieren, hauptsächlich wegen des Rufzeichens, setzte sie auf und tauchte.

Keine Angst, ich blieb unverletzt.

Aber von der Ray Ban sah ich auch nichts, ich erreichte nicht einmal den Grund, schon wieder nicht, obwohl der See dort gerade einmal vier Meter tief ist. Weiß der Teufel, was mit mir los ist. Folgender Plan jetzt: Ich werde den schweren Anker der Blue Grape anschleppen, über der Untergangsstelle ins Wasser werfen, mich an seinem Schaft festhalten und auf diese Weise in den See hinunter ziehen lassen. Als Landratte wird mir zwar dabei ein wenig unheimlich werden und vermutlich lasse ich den Anker auch in 40 Zentimeter Tiefe, also eh schon ganz weit unten, in Panik wieder los, aber der Wille mag hier fürs Werk stehen. Ist auch nicht so schlimm, ich kann das sowieso erst kommende Woche erledigen, weil ich heute noch nach Graz muss. Weil wir Sommer haben und ich keine Sonnenbrille, muss ich mir dort dann morgen wieder eine kaufen. Ich nehme einfach noch einmal eine Ray Ban, dann habe ich ein perfektes Substitut angeschafft.

Und die alte schlummert derweil im verschwiegenen, grünen Wasser des Mondsees. Bis irgendwann einmal Hobbytaucher in der Marina des Segelclus einen Übungstag abhalten, was sie ab und an tun. Oder es bsuchen mich Freunde oder Freundinnen, die eine Tauchausbildung haben. Denen werde ich dann von der verschollenen Sonnenbrille berichten und sie werden sie mir wieder rausholen. Dann habe ich zwei Ray Bans. Und den Anker können sie mir bei der Gelegenheit auch gleich rauftauchen. Denn wie ich mich kenne, werde ich vergessen, das andere Ende des Seiles irgendwo festzumachen.

Und den nimmt dann auch der See.

 

P.S. Das Kapperl von S, auch im Wasser

Ich will noch kurz erzählen, dass der See nicht nur mir nimmt, sondern auch anderen. Auf unserem kleinen Törn schaffte der Großbaum der Blue Grape, der Hund, der geübte, es auch, S dessen Baseballkäppi vom Kopf zu wischen – ebenfalls, ohne den Träger zu verletzen. Jedoch anders als ich (Grundscheinbesitzer) nennt S den A-Schein sein Eigentum, ist also vergleichsweise schon Captain Kirk, während ich noch als Nachwuchs-Kadett durch das Mondsee-Universum segle. S wusste, in solchen Fällen fährt man ein Manöver, das sich „Q-Wende“ nennt. Scheint daher zu kommen, dass der Kurs von oben betrachtet einem großen Q ähneln würde. Jedenfalls – S, B und ich wussten diesmal, was zu tun ist. Routiniert, ruhig und fokussiert nahmen wir die Bergung in Angriff.

Dorthin!, schrie B.

Hierher!, rief ich.

Was?, fragte S an der Pinne.

Jetzt hierher!, kreischte B.

Schnell dorthin!, quietschte ich.

Was?, fragte S an der Pinne.

Die Blue Grape führte Manöver aus, welche das gesamte lateinische und griechische Alphabet ineinander mixten und dazu auch einige neue, frei erfundene Buchstaben mischten. Möglicherweise geht die Bergung einmal als „Omega-Alpha-Gamma-Chaos“ in die Annalen misslungener Seemannschaft ein. Hätte uns jemand von oben betrachtet, zum Beispiel der Pilot eines Rettungshubschraubers, hätte er unschwer feststellen können, dass das Käppi von S aus Gründen fortgeschrittener Dilettanz seiner Retter nicht mehr zu retten sein würde.

Aber so nicht. Nicht mit uns. Wir hielten durch, diesmal.

S manövrierte die Blue Grape schließlich doch noch in Enterhaken-Reichweite, ob durch Können oder Zufall, ich will es nicht beurteilen. B hantierte mit dem Enterhaken in einer Lässigkeit und aus dem Handgelenk heraus, als wäre er professioneller Enterhakler. Er erwischte das Kapperl bereits nach dem vierundfünfzigsten Versuch. Ob durch Können oder Zufall, ich will es nicht …

Und ich, quasi der Käptn (nicht Kraft Autorität selbstverständlich, sondern lediglich, weil die Blue Grape halt mir gehört) beobachtete das Ganze mit einer beispiellosen Souveränität, die zur letztendlich geglückten Anbordholung des Kapperls zweifellos das entscheidende Quäntchen Nichtsstun beitrug. Ich meine, hätte ich mich mit meiner Kappe-aus-dem-See-fischen-Erfahrung eingebracht statt zuzuschauen, wir hätten S seine Kopfbedeckung nie mehr reinholen können …

 

 

 

 

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