Salzkammergut

Das Salzkammergut im Sommer ist der Donauwalzer unter Österreichs charmanten Gegenden. Es tänzelt durch die Monate von Mai bis September, als wäre es ein Blatt, das von Lüften umschmeichelt wird. Es dreht selbstverliebte Pirouetten um die Menschen. Es macht bunt, was für den Rest des Jahres in Grautönen verblasst.

Ich sitze auf meiner Terrasse, sehe, wie die Drachenwand gegenüber sich von der rötlichen Abendsonne tönen lässt, während der See unter ihr zu spiegeln beginnt, weil der Nachmittagswind verweht ist. Und ich denke an die kleinen Wunder um mich.

An den Weg, den diese verschnörkelt da liegende Wohnung zu mir gefunden hat. An damals, viel früher, als ich noch nicht da war, weder hier noch sonst wo, einfach noch nicht da, als ein oberösterreichischer Wirtssohn aus welchem Grund auch immer seinen Weg nach Scurelle ins Trentino gefunden und eine Enrica Aloisia mit hierher gebracht hatte, deren fünf Kinder, alle längst genauso vergangen wie ihre Mutter und ihr Vater, als vergilbtes Bild meine Wand zieren. Ich denke an die Sommerwiesen zwischen dem Mondsee am einen und dem Grundlsee am anderen Ende des Salzkammergutes, dieser leichtfüßigen Landschaft, die sich umwandern lassen, mit luftigen Rockschößen der Frauen und bloßgelegten Wadeln der Männer. Ich denke an die finsteren Wolken, die alle Augeblicke hinter jeder kahlen, pittoresken Bergspitze auftauchen und auch wieder verschwinden können, ohne sich abzuregnen, aber nicht ohne Figuren und Bilder zu formen, wie Wolken es sonst nirgendwo auf der Welt tun, vom Wind zu Skulpturen geknautscht, die den Menschen unten am Boden Trugbilder vor die Augen zaubern. Ich denke an die vielen berühmten Menschen des Salzkammergutes, die ich nur aus Filmen, Theaterstücken, von Buchumschlägen oder aus Erzählungen kenne, und denen großartige Dinge eingefallen sind: Gesten, Grimassen, Formulierungen, Malereien, wie sie einem nur das Salzkammergut in seiner versponnenen Schönheit einflüstern kann. Ich denke auch an die Menschen aus dem Salzkammergut, die ich sehr wohl kennengelernt habe oder kennenlernen hätte können, hätte ich Gelegneheiten genutzt, und ich trauere ein wenig, weil manche von ihnen wieder aus meinem Leben verschwunden sind oder ich Chancen ungenutzt verstreichen ließ.

Aber man kann ohnehin nirgendwo auf der Welt so schön, so gnadenlos und so wohlwollend, so leidend und so ausladend trauern wie im Salzkammergut.

Denn selbst die Trauer hier tanzt, sie springt Schuhplattler vor Übermut, genauso wie die Freude und das Glück. Alle wedeln sie im Ballett von den Seen unten zu den Berghütten hinauf, und sie betören jene, die hier sind oder die herkommen. Das Salzkammergut ist das Kokain der Alpen, wertvoll, in kleinen Mengen berauschend, in Überdosen gefährlich, weil es einen Drang entfacht, hier zu sein, der sich nur für die wenigsten stillen lässt, der alle Fremden aus ihren Leben reißt, die ihm dauerhaft nachgeben, sie brotlos werden lässt, ihnen in eine Welt Einblick gewährt, die nicht ihre ist, weil sie nicht hier geboren wurden und nie, nie, nie richtig hierher gehören werden, also hier auch nicht dauerhaft glücklich werden können.

Zum Glücklichsein nämlich, zum richtigen, vollendeten, echten Glücklichsein, braucht es Menschen, die einen mögen. Die Salzkammergutler jedoch gestalten ihre Sympathie als knappes Gut und vergeben sie bestenfalls in homöopathischen Dosen an Männer, Frauen oder Kinder, die von woanders kommen. Sie sind freundlich, das ja, herzlich ab und an sogar, aber sie bleiben insgesamt doch gerne unter sich. Nur die Wenigsten durchschauen das, und das Erkennen des Unerreichbaren macht sie schwermütig. Die, denen die tatsächliche Unerreichbarkeit der Liebe des Salzkammergutes und seiner Menschen klar ist, können aber zumindest Gastglückliche hier werden und mit der Einbahnstraße der Liebe, die sie entlang fahren, ein Auskommen finden. Dann dürfen sie am Ballett teilnehmen, sie dürfen sich umtänzeln und umschmeicheln lassen und können das genießen. Sie dürfen sogar, am Rande und zweitweise nur, aber doch: mittanzen.

Und wenn sie viel getanzt haben, atemlos von der Schönheit, der Ausgelassenheit und der Unbeschwertheit des Salzkammergutes geworden sind, wird ihnen das Größte verliehen, was Nicht-Salzkammergut-Menschen jemals erreichen können: ein Einblick, tief genug, dass er erkennen lässt, wie sehr diese wundersame Gegend nicht nur im Sommer tanzt, sondern auch im Winter. Viel schwermütiger zwar, mit stampfenderen Schritten, mit mehr Gewicht im Sprung, aber es ist dennoch ein Tanz. Er patrouilliert durch die Kälte wie ein Schlittenhund, klar, keuchend, mit Anstrengung in jeder Bewegung zwar, aber trotzdem furios, kristallen, und mit der Freude und dem Glück der verschneiten Berge, der vereisten Seen und der Grandezza der Salzkammergutler.

Im Winter, da ist das Salzkammergut dann der Bolero unter den charmanten Gegenden Österreichs.

Aufmacherbild: STMG / Christian Parzer

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