Ambassadors

Lassen sie mich den englischen Terminus verwenden, also „Ambassador“ statt „Botschafter“. Denn auch wenn das Französische gemeinhin als Sprache der Diplomaten gelten mag – man unterhält sich mit den Botschaftern der Welt in Österreich doch vornehmlich auf Englisch. Und die Funktionsbezeichnung in English klingt einfach getragener als auf Deutsch oder en francais.

Daher also: Ambassadors.

Ich traf in der vergangenen Woche gleich drei davon, Recherche-Arbeit für das famose Magazin „Cercle Diplomatique“, für das ich neben dem trend und ein paar anderen Publikationen schreibe. Dieses allerdings nicht ohne Wehmut, möchte ich anfügen, doch das ist eine andere, traurige Geschichte: Ich trete bei Cercle Diplomatique nämlich als Autor in große, große Fußstapfen. Denn ich folge – auf seine eigene Empfehlung, für mich quasi ein Ritterschlag – dort Rainer Himmelfreundpointner nach, der für mich Kollege, Freund und Vorbild war.

Jedeoch, wie gesagt, Botschafter: Zum Einstimmen in diese zu Beginn fremde Welt der Diplomaten brachte ich mich, Lieblingsbeschäftigung quasi, mit jenen Star-Trek-Folgen in Stimmung, in denen Mister Spock in seinen späten Jahren bereits zum Botschafter der Föderation der Vereinten Planeten avancierte. „Ambassador Spock“ – und auch er spricht Englisch, weil man Star Trek ja grundsätzlich nicht in der zum Teil wirklich schwachsinnigen deutschen Synchronisation zu konsumieren hat, sondern nur und ausschließlich im Original.

Danach kenne ich mich aus in Sachen Botschafter, lautete meine Überlegung.

Ich berichte: Die Welt der Botschaften ist eine fremde, distanzierte, entspannte. Die Repräsentanten fremder Staaten leben ein privilegiertes Leben in freundlichem Luxus, ihre Residenzen sind nicht das Schlechteste des Schlechten und liegen tendenziell eher weniger in Sozialbau-Vierteln. Als kleiner Hinweis zur Einordnung mag Ihnen dienen, dass zum Beispiel die Villa des libanesischen Botschafters in Wiens Währinger Cottage vom Magazin „Schöner Wohnen“ im Jahr 1996 zum „Haus des Jahres“ gewählt wurde. Allein der Wintergarten, sage ich Ihnen, den der Botschafter als Salon nutzt und in dem er Gästen libanesischen Kaffee reichen lässt – das ist ein Wintergarten von einem Wintergarten. Der Kaffee kommt dem Türkischen Kaffee ziemlich nahe, ließ ich mir von Seiner Exzellenz erklären, der im Übrigen ziemlich jung, lässig und total entspannt sein Botschafterleben zu leben scheint. Ambassador Assaf spielte mit seinem kleinen Töchterchen Sky – Zwilling Ely und die ältere Schwester Joy waren abwesend – und erzählte dem Herausgeber von CD und mir nebenbei vom geplanten Wochenendtrip nach Zell am See, dann über den Großglockner nach Kärnten, um den Wörther See anzusehen, und dann wieder heim nach Wien.

Es verhält sich nämlich so: Ambassador & Family lieben die Austrian Lakes. Im Libanon gibt es nichts Vergleichbares. CD-Herausgeber A war sofort mit Restaurant-Tips um den Wörther See behilflich, und ich wies auf die Vorzüge und Schönheiten der Salzkammergut-Seen hin, welche man unbedingt besuchen solle. Ich konnte sehen, wie der Botschafter sich im Geister eine Liste anlegte. 7.000 Kilometer hat er in den vergangenen acht Monaten, die er in Österreich ist, bereits in Sachen Sightseeing and Lakeseeing zurück gelegt, es dürften noch einige dazu kommen.

Am Vormittag hatte ich bereits Assafs tschechische Kollegin besucht, die in Penzing in einem Palais mit formidablem Park residiert. Ich war zu früh dran und setze mich beim botschafterlichen Park in eine stille Ecke im Grün des sonst lauten, grauen Wiens, und sah in die Luft. Das waren feine 15 Minuten, in denen ich in im Schatten der sonst heißen Stadt an den Mondsee dachte, in dem ich abends wieder zu schwimmen beabsichtigte. In Mondseestimmung, also gut gelaunt, wartete ich dann im Gebäude auf die Botschafterin und wir führten ein langes Gespräch über Gott und die Welt. Ivana Cervenková ist eine ausgesucht nette Diplomatin, locker, Scherzchen nicht abgeneigt. Ich mochte sie auf Anhieb. Cd-Fotograf R platzierte uns zum Abschluss gmeinsam auf einem der vielen botschaftlerichen Sofas in der Residenz, und sofort blühte der Humor. Die Tschechen Bot_Ich_BildManfredasind in Sachen Schmähführung den Österreichern, kann ich berichten, nicht unähnlich. Wir fanden zum Beispiel beide des Fotografen Regieanweisung zum Brüllen, die Botschafterin möge bitte besonders attraktiv aussehen (also einfach sie selbst sein), damit sie die geballte Hässlichkeit neben ihr (damit meinte er mich) auszugleichen imstande sei.

Sie sehen diesen Moment des Lachens oben im Bild und können erkennen: R lag mit seiner Einschätzung der optischen Lage nicht daneben.

Ein paar Tage später: Ich saß in Vöcklabruck am Bahnhof, das ist die Mondsee nächstgelegene sinnvolle Railjet-Station, und wartete auf den Zug nach Wien. Es hatte dreitausend Grad und ich verfluchte meinen Job, weil ich mir vorstellte, ich säße jetzt nicht hier am lächerlich provinziellen Bahnsteig, um zum Scheiben zu fahren, sondern tümpelte im konkurrenzlos türkisen Attersee wenige Kilometer entfernt, um zum Nichtstun zu schwimmen. Man fuhr jedoch in Hitze gen Wien, um neuerlich einen Botschafter zu interviewen, der Zug gefüllt mit heiteren, besoffenen und sonstigen Touristen, die Stimmung war: hm. Ein arabisch aussehender Bettler durchquerte barfuß den Waggon und bat um Geld.

Kein schlechtes Geschäftsmodell womöglich, dachte ich mir und kramte zwei Euro aus der Hosentasche, du investiert ein bissl was in die Fahrkarte und erntest dann einen ordentlichen ROI, weil die Leute dir nicht auskönnen, in einem fahrenden Zug. Man braucht allerdings womöglich ein bissl eine robuste Psyche – der deutsche Tourist in der Sitzreihe hinter mir zum Beispiel schnauzte den jungen Araber an, laut hörbar für den Rest des Waggons:

Halt die Fresse, du Arschloch, quatsch mich bloß nicht blöd an!

Der nahm es mit der stoischen Ruhe eines professsionellen Geldeinsammlers (ich muss zugeben, der junge Mann wirkte durchaus ein wenig nach organisiertem Bettlertum zu Gunsten eher nicht der eigenen Person, sondern einer dahinter stehenden internationalen Organisation, aber was weiß man schon). Ich drehte mich um, doch in diseem Moment übernahm den Part der Anständigkeit bereits ein anderer, ziemlich oberösterreichisch klingender Fahrgast und stutzte den Deutschen zurecht, wobei er sich einer vergleichbaren Wortwahl bediente, die der Deutsche in der Komplexität ihres oberösterreichischen Idioms womöglich allerdings gar nicht vollständig erfasst haben mag.

Ein guter Botschafter seines Bundeslandes ist das, dachte ich mir, gratulierte dem Oberösterreicher im Stillen, freute mich und drehte mich zufrieden wieder nach vorne.

In Wien dann eine ganz andere Welt. Die britische Botschaft ist ein Reich für sich – gigantisch im Ausmaß, grenzenlos im englischen Kitsch, majestätisch in allem, ruhig, kühl, eine Enklave. Botschafter Leigh Turner hatte null Mühe, meine Brexit-Fragen und die desaströse Performance seiner Regierung in der Sache nonchalant und in der höflichen Sprache der Diplomaten in einen Erfolg umzuformulieren. Mich beeindruckte vor allem, wie der Mann, dessen eigene Meinung zum Thema ich kenne, die Rolle des Vertreters von Theresa May & Gang spielte – ohne eine Miene zu verziehen, ohne ein Hochziehen der Augebrauen, ohne ein Zucken der Lider, ohne ein Auszucken des Tonfalls. Ein Meister seiner Zunft. Ich lernte auch, wie man eine halbe Stunde lang reden kann, ohne das Geringste zu sagen. Very impressive.

Bot_ich_BritSelbstverständlich postierte R auch den britischen Ambassador und mich auf einem Sofa – könnte sich noch zu einer Art schrulligen Tradition entwickeln. Auch hiervon habe ich das Bild für Sie – Sie sehen jenen Augenblick, in dem der Ambassador mir sein persönliches Abstimmungsverhalten bei der Brexit-Volksbefragung vor zwei Jahren verriet und als wir very amused waren, weil dieses nicht so recht konform mit … Aber lassen wir das. Not for the record, hatte der Botschafter schließlich dazu gesagt.

Hernach stand er Fotograf R – der Mann macht bei CD auch den erstklassigen Artdirektor – noch geduldig Modell und erzählte dabei, wie interessant er den nun schon Jahre dauernden Abriss und Wiederaufbau der deutschen Botschaft gegenüber fände, welcher nicht ohne ohrenbetäubenden Lärm abgeht. Die Ruhe in person, this man! Again: very impressive.

Sie können all das übrigens in der nächsten Ausgabe von CD, also Cercle Diplomatique, nachlesen, die am 4. September erscheint.

RUnd zum Abschluss will ich Ihnen einen weiteren Einblick in die kummerfreie Welt der Botschafter geben – noch einmal Ibrahim Assaf, Vertreter des Libanon, er erzählt von den zermürbenden Troubles beim jüngsten Kauf seines Dienstwagens, eines bescheidenen Range Rover Velar mit eh allem:

In seiner Eigenschaft als Objekt der CD-Berichterstattung hatte er einen Volvo XC60 zu testen. Als Firmenwagen habe er sich vor kurzem, sagte er, für einen Range Rover Sport entschieden, doch es gab diesen nicht als Benziner. Was folgte, waren tagelange Verhandlungen mit dem Importeur, ob dieser nicht doch ein Exemplar mit Benzin-Motorisierung auftreiben könne, der Botschaft schätzt Diesel als Antrieb einfach nicht so. Der Importeur konnte tatsächlich. Ich meine: Jeder andere Käufer wäre zum Teufel geschickt worden, doch einem Botschafter erfüllt man Wünsche wie diesen natürlich. Der Range Rover Sport mit auch eh allem und Benzinmotor wurde gekauft und bestellt. Unglücklicherweise erfuhr seine Exzellenz später dann von der Existenz des neuen Modells Velar, eleganter, getragener, stylisher. Der Importeur wurde gefragt, ob man den Kauf des Sport nicht einfach vergessen könne und stattdessen … Man konnte. Ungünstig nur, dass in Österreich kein Velar in dunkler Farbe verfügbar war, wo doch ein gestandener Diplomat alles braucht, nur nicht ein helles Auto. Der Importeur wurde gefragt, ob er nicht irgendwo … Er konnte. Nun steht ein dunkler, eleganter Range Rover Velar vor der libanesischen Botschaft, dessen Beschaffung den Botschafter wirklich Nerven gekostet hat.

Man hat halt einfach kein leichtes Leben, hat man ein ganzes Land zu vertreten. Noch dazu eines wie den Libanon, wo die Farbe ihrer Autos vermutlich die geringste Sorge der meisten Bürger ist. Im Bild oben sehen Sie kein Sofa, sondern den Ambassacor, den Volvo und ganz rechts den einbeinig abgeschnittenen Fotograf R, welcher im vollen Namen Ralph Manfreda heißt und der Urheber der beiden Botschafter-Sofa-Puchleitner-Bilder oben ist.

Ich werde Ihnen künftig weiter berichten, aus der Welt der Ambassadors. Ab und zu jedenfalls. Jetzt gehe ich runter in den Mondsee schwimmen.

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