CSR

Selbstverständlich, Sie als verantwortungsvoller, gebildeter und polyglotter, jedenfalls aber als ernstzunehmender mitteleuropäischer Mensch, Sie nehmen pflichtbewusst an, es geht jetzt um Corporate Social Responsibility.

Ich meine, CSR ist ja heutzutage einfach Pflicht. Du kannst weder als Unternehmen noch als funktionierende Einzelperson reüssieren, wenn du in Sachen CSR nicht vollständig, naja, dings halt bist. Jeder tut das. Und wer´s nicht tut, ist kein Guter oder keine Gute. CSR hat man ins Abendgebet einzuschließen, man hat sie sich morgens auf das Frühstücksbrot zu schmieren (good bye, Nutella!), und den Tag über hat man sie zu leben, zu denken, zu hegen, zu pflegen, und jeden und jede zu verteufeln, der oder die sie nicht lebt, denkt, hegt oder pflegt. Gerüchteweise soll es ja zwar ein paar verblendete Versprengte geben, die am Abend nach wie vor nicht beten, aber denen ist sowieso nicht mehr zu helfen. Die erklärt man als vollwertiges, wertvolles Mitglied der Gesellschaft dann halt einfach zum Gegenstand von CSR. Oder, wenn man Kirchenvertreter ist, exkommuniziert man sie, das geht auch.

Ich, hingegen, bin weder das eine noch das andere.

Ich bin mehr der etablierte Outlaw in der glattgebügelten Version. So ein bissl der Revoluzzer, schon, aber eher von der Prosecco-Fraktion, also weichgespült und eh harmlos. Leider – gerne schwimme ich nach innen gegen den Strom, nach außen trau ich mich aber nicht und bin daher voll drin im Strudel. Zu mehr reicht es halt nicht. Ich schreibe zum Beispiel nicht für das wildeste aller wilden Medien, das täglich die Welt neu und besser erfindet, für das ich gerne schreiben würde, falls es das überhaupt gibt, sondern für das bravste alle braven Wirtschaftsmagazine. Ist halt so. Voll integriert jedenfalls auf den ersten Blick. Genauer wollen wir nicht hinschauen, denn eigentlich passe ich ich ja gar nicht zu den Etablierten. Ich meine: Kein Gel im Haar. (Genau genommen überhaupt kein Haar mehr). Kein richtiges Zuhause. Keine Ehefrau. Im Winter da und im Sommer dort. Weder da noch dort, sondern woanders arbeiten. Ein Boot am See statt ein Kreuz im Herrgottsswinkel. Ein Auto, bei dem das Dach aufgeht. Schreiben können schon, aber halt nicht gut genug, um es zur Kunst zu bringen und als Künstler dann unerkannt in Armut zu darben. Das ist gar nicht so ohne, denn so einen können die Braven und Guten nicht einordnen. Man kann ihn weder zum Ausübenden von CSR machen noch zu ihrem Gegenstand. So einer ist gefährlich, mögen Sie sich denken. Also, nicht genau Sie jetzt, liebe Blogleser und Innen. Aber zumindest Sie, die Sie ÖVP wählen, brav was für Flüchtlinge spenden, aber sonst doch recht froh sind, wenn die dort bleiben, wo die Spende hingeht – und sich nicht dorthin aufmachen, wo sie herkommt. Und für Sie, die Sie FPÖ wählen, ist wahrscheinlich das Beste an mir, dass ich auf meiner Mondseer Terrasse eine Decke liegen habe, deren Farbe Braun ist. Es wird Sie allerdings nicht wundern, dass das eher Zufall ist. Wäre mir aufgefallen, dass ich damit womöglich Leute wie Ihnen eine Freude bereite, hätte ich ein bunteres Exemplar erstanden. Vielleicht ein grünes, ein pinkes oder ein rotes, was weiß ich.

Und jetzt kommt´s: CSR, so wie Sie das verstehen, also Corporate Social Responsibility, ist nicht das, wie ich CSR verstehe. Ich glaube – und finde das im Rahmen meiner Arbeit als Wirtschaftsjournalist praktisch täglich bestätigt –, dass Corporate und Social Responsibility tendenziell nicht zusammen gehen. Zwar schreibt das jedes Unternehmen seit geraumer Zeit groß auf seine Fahnen, aber bei fast allen ist es ein Beschiss, unter die Leute gebracht von hochbezahlten PR-Beauftragten, und nur zum Zwecke, das eigene Image zu verbessern.

Jedenfalls, CSR ist in meiner Welt des angepassten, salontauglichen Revoluzzertums nicht dieses verlogene Dingsbums von „sozial eh super verantwortungsvoll, aber davon abgesehen versauen wir Welt und Weltenbewohner mit unserer unternehmerischen oder charakterlichen Ignoranz“.

CSR ist bei mir: „Campari Soda Recreation“.

Campari Soda Recreation bedeutet vereinfacht gesagt: das Streben nach möglichst vielen in möglichst kurzer Zeit konsumierten Campari Sodas, idealerweise eisgekühlt, und wenn irgendwie möglich auf einer Terrasse mit Wasserblick. Meerblick ist dabei besser als Seeblick, Seeblick ist besser als Flussblick, Flussblick ist besser als gar nichts. Zur Not tut es meinetwegen auch der Ausblick auf eine Wasserlacke oder einen Springbrunnen. Hauptsache CS, Hauptsache Recreation und Hauptsache Wasser.

So ist das also.

Ich bin ja der Meinung, die Menschen haben überhaupt viel zu wenig Recreation. Und trinken viel zu wenig Campari Soda. Die Arbeitswütigen, die nach der Arbeit im Gleichschritt durch den Abend toben und Proseccos, Mochitos oder sonst was trinken, sind mir suspekt. So viel Revolution ist schon drin in mir. Ohne Campari Soda und mit viel Arbeit – also wenig Recreation – geht gar nichts Vernünftiges. Am liebsten würde ich jedem Jungen und jeder Jungen, der oder die sich frisch von der Uni direkt und mit Verve in ein als Ausbeutung organisiertes Arbeitsleben stürzt, sagen:

Obacht! Das geht ein paar Jahre gut, dann wird´s schwierig. Und so schnell kannst du mit deinen wegen der Überanstrengung dann schon ein wenig retardierten Reflexen gar nicht schauen, hat dein Ausbeuter schon einen neuen Auszubeutenden rekrutiert, dessen oder deren Verve noch ein kleines Alzerl verviger ist.

Und ich würde ihnen sagen:

Haut eure Alkopops in die Ecke und trinkt mehr Campari Soda.

Darum also Recreation und diese am besten mit bitterem Campari Sodas versüßt, rot wie Blut, mit Eiswürfeln bestückt, so kalt wie das Herz unseres Bundeskanzlers in Sachen Migration.

Selbstverständlich bin ich auch für ein bedingungsloses Grundeinkommen, man muss sich ja die CSR, wie ich sie meine, auch leisten können. Am besten wäre überhaupt folgende Sozialleistung, finanziert idealerweise aus Kirchenbeiträgen der Abendbeter: freie Campari-Soda-Konsumation für alle im Land – wurscht ob Jugendlicher, Opa, Oma, CEO, Arbeiter, Lehrling, Installateur, Flüchtling oder Mittelmeerroutenschließer. Auch katholische Priester sollen sie trinken dürfen, dann sind sie vielleicht ein wenig abgelenkt vom in der Katholischen Kirche mehr oder weniger flächendeckend auftretenden Phänomen des Missbrauchs von … ah, aber lassen wir das lieber.

Im Übrigen bin ich auch dafür, einen Dreiertausch Burgenland-an-Ungarn-und-Triest-an-Österreich in die Wege zu leiten. Was die Ungarn dafür an Italien abtreten, ist mir egal. Soeben hat diese Idee zusätzlichen Charme erhalten – dann nämlich, wenn unser seltsamer Verkehrsminister burgenländischer Landeshauptmann werden sollte. Das wäre ein eleganter Weg, den dann los zu werden. Unsere dem Rechtsradikallismus in ähnlicher Entfernung wie ihre ungarischen Kollegen gegenüber stehenden FPÖ-Regierungsmitglieder werden das mit ihren Freunden in Italien und Ungarn von Salvini bis Orban schon hinkriegen. Was wir davon hätten? Die unvergleichliche Aufsmeerschauterrasse des Schlösschens von Miramare würde österreichisch, und die Gran Malabar auch. Das katapultiert meine CSR dann in ganz neue Sphären.

Ich werde jetzt ganz einfach hingehen und, gleich morgen, eine Bewegung für die Camparisodaisierung Österreichs gründen – vergleichbar mit Herbert Prohaskas Bewegung für die Dativisierung des Akkusativs. Wenn Sie beitreten wollen, schicken Sie mir ein Mail. Aber trinken Sie zuerst einen Campari Soda.

Ach übrigens – falls Sie sich über diesen Blogpost ein bissl wundern: Ich habe heute schon mindestens zehn oder zwölf Campari Soda intus.

 

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