Der nächste Sommer

In einer Welt ohne Winter pfeift die Liebe ihr Glück wie ein Spatz 24 Stunden am Tag von allen Dächern. In meiner Welt ist der Sommer vorbei, hat die Liebe ihre Koffer gepackt und sich in eine distanzierte Ecke verabschiedet, in der zumindest sieben Monate im Jahr ein verrotteter Heizstrahler den Ton angibt und eine schnarrende Melodie vom Stapel lässt, die einem das Frösteln in alle Knochen schickt. Von Oktober bis April beherrscht bei den weniger Glücklichen Angst vor dem Leben das Leben. Denn von Oktober bis April ist in Österreich Winter, und der schickt den Empfindsamen eine finstere Grausamkeit in die Seele, die Glück und Liebe und sowieso alles, was lebt, erfrieren lässt.

Heuer bis jetzt nicht ganz so schlimm, immerhin spreizt sich bis jetzt der Oktober mit bewundernswerter Vehemenz gegen das Kalte, aber er kämpft einen Kampf auf verlorenem Posten. Das Graue kommt, womöglich Mitte nächster Woche schon, und mit ihm das lieblose Frieren des Winters, dann gibt es flächendeckend im Land einen kleinen Vorgeschmack auf die Monate, die vor uns liegen. Im Winter kannst du nicht schwimmen, im Winter kannst du nicht singen, da kannst du am See leben, soviel du willst, der ist dann zugefroren, im Winter bist du auf die Flauschigkeit eines generell weichen Lebens angewiesen, das dich durch beängstigende Tage und die Finsternis noch viel beängstigenderer Nächste schiebt, welches aber nur die wenigsten von uns haben. Und wer es nicht hat, hat schon verspielt.

Man trotzt den ersten Angriffen der eiskalten Jahreszeit zwar mit gehöriger Nonchalance, zumindest die Hoffnungsfrohen. Ich zum Beispiel schrieb das vor ein paar Tagen, als es gerade ein Zwischentief gab, im dicken Pullover und im Nebel auf meiner Terrasse über einem erkalteten, matten und blassen Mondsee, einen Campari Soda neben mir, das Sommergetränk aller Sommergetränke, sogar mit Eiswürfeln drin, damit die Temperatur der Flüssigkeit nicht unter die gefühlte Aussentemperatur fällt. Alles rundherum ist schrecklich feucht und das eingekühlte, verwolkte Salzkammergut hat sich angepasst und tanzt in diesen Tagen zwischen dem Sommer und dem Winter ausnahmsweise einmal nicht, sondern hat seine Luftigkeit in die düstere Besenkammer gesperrt.

Aufrecht hält einen nur die Zuversicht des festen Glaubens an den nächsten Sommer. Er wird kommen und dann sehen uns eingefrorene Freude, Lust, Leichtigkeit und Zuversicht wieder. Hoffentlich. Und natürlich die Liebe. Doch ein paar von uns werden´s wieder nicht über den Winter geschafft haben. Liebe hin, Liebe her. Oder so.

Aber P.S.: Ich möchte nicht verschweigen, dass heute, während ich das online stelle, der Spätsommer mit Kraft durch die Landschaft brüllt, die Sonne scheint über den Mondsee, keine Wolke trübt den Salzkammerguthimmel, auf der Terrasse und am Segelboot lässt es sich sogar in der Badehose sitzen. Es gibt also noch Hoffnung, dass wir heuer womöglich ohne Winter durchkommen.

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