Als ich Asap traf

S, der völlig zu Unrecht im Unternehmen als Überflieger galt, als High Potential, schickte mir ein Mail. Er wies mich an, irgendwas, von dem ich nicht einmal verstand, was es war, zu erledigen. erwarte ich asap, lg S, setzte er ans Ende seiner kurzen und bündigen Botschaft.

Normalerweise wäre mir einerseits aufgefallen, dass S alles klein schrieb, was damals kurz vor der Jahrtausendwende noch einigermaßen ungewöhnlich war – außer das Kürzel für seinen eigenen Namen. Sagt viel über Ego, Selbsteinschätzung und Schwachsinn der Person aus, hätte ich mir dann gedacht. Andererseits hätte ich wohl auch überlegt, warum S, der in der Struktur des Unternehmens ganz woanders und zumindest eine Ebene unter mir angesiedelt war, glaubte, mir Anweisungen geben zu können. Doch stattdessen fesselte mich sofort dieses mir völlig unbekannte Wörtchen: asap.

Ich weiß, liebe Blog-Leser und Innen, sie werden jetzt milde lächeln und mich für einen hoffnungslos veralteten Nullgneisser halten, ein unpackbares Auslaufmodell. Asap? Also bitte. Kennt doch wirklich jeder Depp.

Jedoch bedenken Sie, wir sprechen in dieser kleinen Geschichte vom Jahr 1999, das Internet war gerade erst dabei, sich voll aufzublähen und nach Kräften daran zu arbeiten, die entstehende Blase in einen platzbaren Zustand zu bringen. eMail zum Beispiel war damals noch voll hipp, weil als Kommunikationsmittel auf dem aufsteigenden Ast. Heute bereits veraltete und dem Allgemeingebrauch schon wieder entrückende Ausdrücke wurden gerade erst erfunden. Und manche Durchgeknallte, die sich für unfassbar lässig hielten, schafften es auch, ihnen zum Durchbruch für die Zukunft zu verhelfen, die heute schon wieder ein wenig Vergangenheit ist. Asap hatte damals irgendeiner irgendwo irgendwie gerade erst in die Welt gesetzt – und S, weil voll auf der Höhe von Zeit, Lässigkeit und betriebswirtschaftlicher Orientierungslosigkeit, hatte es dankbar angenommen und arbeitete sich fleißig an seiner Distribution ab.

Ich jedenfalls, obwohl auch noch jung damals und meiner Ansicht nach durchaus nicht unlässig unterwegs, aber nichtsdestotrotz einigermaßen immun gegen die Ansteckungsgefahr des Web-Virus, das alle glauben machte, jetzt kann jeder Millionen und Milliarden scheffeln, wenn er nur eine Idee hat, irgendeine halt, und sich möglichst nicht mit Details aufhält: Ich grübelte über dieses Wörtchen nach und kam zu keinem Ergebnis.

Ich meine: asap. Genauer gesagt: erwarte ich asap.

In dem Satz fehlt irgend etwas, dachte ich mir, der ich mich noch an die vor 16 Jahren bei der Deutsch-Matura geübte Praxis gebunden fühlte, Sätze mit Subjekt, Prädikat und allenfalls noch Objekt zu formulieren. Sie werden es nicht glauben, ich konsultierte sogar den Duden. (Noch einmal, wir schrieben 1999, da hatten kommunikativ tätige Menschen, die sich zum Kampf gegen die gerade entstehende Oberflächlichkeit in der Geschäftswelt aufgerufen fühlten, so etwas noch am Schreibtisch liegen.) Auf den Gedanken, zu googeln kam ich nicht, weil Google damals für viele noch eine undurchschaubare Erfindung womöglich der CIA (um die Existenz der NSA wussten wir damals noch nicht) und noch nicht jenes komplexe Nachschlag-Konvolut war, das es heute ist. Auch Wikipedia gab es damals so noch nicht (das Aufmacher-Bild dieses Blogposts ist übrigens ein Screenshot einer Wikipedia-Website). Ich dachte nach, ob ich im Unternehmen, das ja ziemlich rasant wuchs und jede Woche an die 20 Neueintretende begrüßte, irgend jemanden kennen könnte, der Asap hieß. Womöglich ein Schweizer Vornamen, überlegte ich und wollte kurz sogar den Kommunikationschef-Kollegen beim schweizerischen Mehrheitseigentümer anrufen.

Dann hatte ich eine viel bessere Idee.

In meinem Bereich gab es damals zwei Abteilungsleiterinnen, die einander alles andere als grün waren. Es war mühsam, die beiden Streithennen in ein einigermaßen verträgliches Miteinander zu pressen. Die eine hielt sich für unglaublich cool und im Besitz des ultimativen Durchblicks für eh alles. Außerdem war sie die Mutter des Selbstbewusstseins. Die andere hielt sich für unglaublich cool und im Besitz des ultimativen Durchblicks für eh alles. Außerdem war sie die Geliebte eines Vorstandes. Die beiden unter einer Fuchtel in einem Bereich und damit zur Zusammenarbeit zusammengespannt zu administrieren, war eine herausfordernde Angelegenheit, die mich konstant Nerven kostete. Monate später dann gab ich den Kampf auf, zwang die beiden, sich ein Arbeitszimmer zu teilen, machte die Tür zu und wollte draußen warten, bis die Fetzen flogen, und schauen, wer dann halbwegs aufrecht aus dem Zimmer wieder rauskommen würde. Die Geräusche, die nach außen drangen, waren auch durchaus vielversprechend. Doch ich entschloss mich dann aus Gründen des Charakters doch noch zur feineren Klinge und richtete meine Mitarbeit an der anstehenden Umstrukturierung des gesamten Unternehmens danach aus, die zwei Abteilungen samt ihrer Chefinnen aus meinen Bereich hinaus zu komplimentieren und sie der Obhut anderer Bereichsleiter zu überlassen. Es gelang mir sogar, sie Kollegen zuzuteilen, die ich absolut nicht ausstehen konnte. Eine taktische Meisterleistung, möchte ich selbst aus heutiger Sicht der großen zeitlichen Distanz noch anmerken.

Doch ich schweife von meiner Jagd nach der Bedeutung von „asap“ ab.

Ich brauche eure Unterstützung, schrieb ich in einem Mail an die beiden renitenten Abteilungsleiterinnen, und achtete gut darauf, dass beide in der Empfänger-Leiste aufschienen. Wenn die sich schon bis aufs Blut bekriegen, so mein Kalkül, dann bring sie einfach in eine Konkurrenzsituation. Für einen Pressetermin mit einem wichtigen Journalisten suche ich nach drei möglichst originellen, möglichst zutreffenden Erklärungen des Wortes „asap“, erfand ich. Und fügte im damals noch ungewöhnlichen, aber in coolen Internet-Telekom-und-Sowieso-Unternehmen angesagten English-Sprech noch an:

Any ideas?

Teuflisch, oder? An sich hätten mich die zwei als Chef ja vermutlich sowieso am liebsten in der Hölle schmoren gesehen, und zwar asap, und Unterstützung wäre das Letzte gewesen, was sie mir gern gegeben hätten. Doch so kurz vor den turnusmäßig anstehenden Mitarbeitergesprächen, bei denen es auch um den Erreichungsgrad ihrer jährlichen Gehaltsboni ging, und vor allem im Wettbewerb zueinander (man war sich wechselseitig vermutlich noch verhasster als ich ihnen) würden sie glänzen wollen, so meine Überlegung.

Kurz gesagt: Zehn Minuten später hatte ich die Bedeutung von asap – und will nicht verhehlen, dass ich durchaus ein wenig den Kopf schüttelte. As soon as possible. Eine Art Evolutionsmodell des Wortes „zeitnah“ also, das ja auch ein bissl schwachsinnig ist. Oder so. Ich weiß noch genau, dass ich mir damals zum allerersten Mal meine Gedanken machte, ob das Internet und die vermeintliche Coolness und Lässigkeit, die es potenziell Anfälligen für Oberflächlichkeit induziert, wirklich so eine gute Sache ist. Bedenken Sie – von Social Media, Fake News und dem Schrott, den heutzutage alle an alle kommunizieren können, war damals ja noch gar keine Spur.

Und jetzt sagen Sie: Hatte ich sowas wie eine Vorahnung? Oder was? Sie können´s mir hier oder auf Facebook gerne auch kommentieren. Aber, wenn, dann bitte asap.

Und P.S.: Selbstverständlich ist das alles frei erfunden, sollte es irgend eine Ähnlichkeit zu tatsächlich lebenden Personen und zu tatsächlich in der Vergangenheit vorgekommenen Sachverhalten geben, dann ist das von mir nicht beabsichtigt und rein zufällig. Niemand, wirklich niemand möge sich angesprochen fühlen!

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