Lady Cheeseburger

     Pass gut auf, weil womöglich lernst du jetzt etwas für dein Leben.

     Es kann zum Beispiel sein, an einem trüben Wintertag, da hast du einen Job zu erledigen, steigst in einen Zug in den Westen, denkst dir nichts Böses, obwohl du losfährst, um Böses zu tun, und da schickt dir das Leben eine richtig hinterfotzige Sauerei in deinen Alltag, eine verzwickte Gemeinheit, eine exemplarische Boshaftigkeit, die eine Kälte dich umwehen lässt, die du den Rest deiner Tage nicht mehr los wirst. Die verfolgt dich dann, bis du abtrittst, vielleicht legt sie dir diesen Abtritt sogar nahe, weil sie alles um dich und in dir erstarren lässt, bis du klirrst.

     So, wie Sandra Presch am Abend dieses Tages klirrte und das kristallene, frostige Zittern in ihr nicht mehr los wurde, nicht am nächsten Tag, nicht in der nächsten Woche, nicht nach einem Monat, Jahrzehnte lang nicht.

     Presch war im Wiener Bahnhofs-McDonalds gesessen und hatte sich mit der Zunge den Cheeseburger-Industriekäse von den Schneidezähnen geschabt. Währenddessen dachte sie über Gewohnheiten nach. Alle ihre Vorbilder hatten welche, soweit sie das aus dem Kino nachvollziehen konnte. Jimmy Tudeski aus „Keine halben Sachen“ pflegte mit Vorliebe Tulpen. Jules aus „Pulp Fiction“ zitierte aus der Bibel. Léon aus „Der Profi“ goss seine Topfpflanze, bevor er Klienten besuchte. Presch stellte sie sich vor, wie sie zur Arbeit gingen, so wie sie gleich zu ihrem Termin nach Frankfurt fahren würde.

     Du brauchst eine Gewohnheit, brabbelte sie sich mit vollem Mund vor und der Käse zog Fäden zwischen Ober- und Unterkiefer.

     Ein Markenzeichen, auf das ihre Auftraggeber Bezug nehmen konnten, etwas, das zur allgemein gültigen Bezeichnung für ihre Arbeit avancieren würde. Schon seit sie vor drei Jahren begonnen hatte, diese Nebenjobs zu erledigen, zuerst zufallsgetrieben und aus Langeweile, dann mit wachsendem Enthusiasmus, hatte sie nachgedacht, wie sie sich in dieser schwierigen Branche unverwechselbar machen könnte. „Da musst du zur ……. gehen“, sollten die Leute sagen, wenn es wieder einmal etwas zu erledigen gab, und genau diese Lücke im Satz solte ihr Markenzeichen aufüllen. Nur „… zur Presch gehen“ war ihr zu wenig.

     Doch im Prinzip fehlte Presch die nötige Phantasie für einprägsame Lösungen, aus denen mit der Zeit so etwas wie ein Markenzeichen werden hätte können. Sie war der eindimensionale Typ, hau und ruck und zuck, nicht viel darüber nachdenken, bloß keine feine Klinge, und fertig. Die Kunden schätzten diese komprimierte Arbeitsweise, wie sich herausgestellt hatte, nur berühmt werden konnte man damit kaum. Presch war der Ansicht, am Weg zur Legende konnte nur eine markenbildende Gewohnheit helfen.

     Aber ihr fiel nichts ein.

     War sie, so wie gerade eben, unterwegs zu einem Termin, verursachte ihr dieses Defizit miese Laune. Sie befand sich dann stets im selben Grant-Modus wie fast alle Menschen, die Unerledigtes auf dem Buckeln hocken haben und damit nicht fertig werden, nicht im übertragenen und nicht im direkten Sinn. Presch war da nicht anders als alle anderen. Auch jetzt, als sie im Bahnhofs-Mac saß, hatte sie wieder dieses Gefühl der Unzulänglichkeit, während sie mit der rechten Hand ganz automatisch in den Rucksack langte, mit den Fingerkuppen zärtlich die Riffelung des Griffs der CZ-99 streichelte, ihrer alten serbischen Armeepistole, und mit der linken Hand den Cheeseburger quetschte, bis Saft auf den Plastiktisch tropfte. Solange sie über kein Markenzeichen verfügte, war sie kein Jimmy Tudeski, kein Jules, kein León. Sondern einfach nur Sandra Presch, die, mit durchaus vorhandenem Talent zwar, aber ohne große Raffinesse, ab und zu Leute ums Eck brachte.

     Scheiße, murmelte Presch halblaut, und der Tonfall glich jenem, in dem österreichische Zugschaffner ihre gleichgültigen Stationsdurchsagen teilnahmslos  an die Fahrgäste absetzen. Presch wischte mit einer Serviette die Tischplatte sauber, sah auf den angebissenen Cheeseburger, und auf einmal wusste sie es.

     Der Cheeseburger. Das Markenzeichen.

     Sie würde jedes Mal, bevor sie zu einem Termin losfuhr, einen lokalen McDonalds aufsuchen und einen Cheeseburger essen. Nicht zwei, keinen Big Mac, auch keinen Royal, sondern genau einen Cheeseburger. Sandra Presch würde einmal als „Die Cheeseburgerin“ in die Annalen des Auftragskillertums eingehen. Sogar international würde das tauglich sein, befand sie. Für des Englischen mächtige Auftraggeber wäre sie dann eben „Lady Cheeseburger“. Kurz dachte sie darüber nach, wie der Wachstumsmarkt China dieses Markenzeichen aufnehmen würde, aber sie war sich sicher, auch dort ließe sich damit reüssieren. Presch beschloss, nach der Rückkehr aus Frankfurt bei ihren Vermietern, denen nicht nur der Chinese im Erdgeschoß sondern mittlerweile das ganze Zinshaus gehörte, nachzufragen, was „Lady Cheeseburger“ auf Chinesisch hieß. Dann schob sie mit fettigen Fingern zufrieden zwei labbrige Pommes-Frites-Stengel in den Mund und grinste.

     Später saß sie dann im Zug. Ihr schräg gegenüber lümmelte ein ältlicher Mann, Mitte fünfzig, ordentlich Bauchansatz, über den Gürtel hängend jedenfalls seine beachtliche Schwarte, konservatives Sakko, Brille mit Goldrand. Gore-Tex-Büroschuhe mit dickem Schnürband, goldener Ehering, Aktentasche mit Umhängegurt. Dazu war er noch ausgestattet mit einem Ansatz von tief sitzendem Seitenscheitel, allerdings bereits mit viel zu dünnem Haar, um noch ein flächendeckendes Umlegen auf die andere Kopfseite Marke amerikanischer Präsident zu schaffen.

 Totaler Loser, dachte sich Presch, in St. Pölten steigt der sicher aus und watschelt heim zu seiner Ehefrau, der er wahrscheinlich zuerst eine auflegt, weil ihr die Knödel zum Schweinsbraten nicht konsistent genug geraten sind, und später dann, wenn sein Bauch die fette Sau verdaut hat, legt sich die richtige fette Sau im Schlafzimmer auf die Frau, erledigt sein armseliges Geschäft, während die schwer Geprüfte, die aber ohnehin längst nichts mehr spürt im Leben, gottergeben an die Zimmerdecke starrt, welche vermutlich mit Plastik-Platten verkleidet ist, die Eichenholz imitieren sollen.

     Presch schüttelte sich vor Ekel.

 Gott sei Dank, beruhigte sie sich, bin ich nicht so geworden, und wenn ich einmal einen wie den hier als Termin kriege, wird mir das, sehr passend, saumäßigen Spaß manchen.

     Sie fingerte das mitgebrachte Magazin aus dem Rucksack, legte es auf das kleine Tischchen vor den Sitzen und sah, dass das zusammengerollte Heft wild verdrückt war. Scheiße, murmelte Presch halblaut und leistete trotzig Augen-Widerstand gegen den empörten Blick ihres Gegenübers. Sie beschloss, den alten Rucksack, abgefuckt wie er war, demnächst gegen ein neues Transportbehältnis für die kleinen Dinge zu tauschen, die sie beruflich mit sich führte, wenn sie ihrem Teilzeitjob nachging. Während sie überlegte, was für eine Tasche das werden könnte, stöpselte sie sich die iPhone-Kopfhörer ins Ohr, lud die Musik-App und drückte auf Shuffle.

     Jetzt aber: Fehler.

     Denn Presch war in Wahrheit nahe am Wasser gebaut. Und wenn du die Shuffle-Funktion deines Musik-Players verwendest, dann lieferst du dich aus, dann weißt du nicht, was du kriegst. Da kann es dann sein und dein iPhone lässt dir Musik ans Trommelfell plätschern, die transportiert deine Gedanken in Richtung irgendwas, das dir nicht so taugt, und dann ist die gute Stimmung dahin, weil: Erinnerung. Im Leben von Presch gab es einiges, an das sie sich nicht so gerne erinnerte, weil es mit unguten Erfahrungen verbunden war. Da hatte so manches Spuren hinterlassen, das der an ihrer Oberfläche rauhen Nebenerwerbskillerin und hauptberuflichen Buchhalterin einer grauen Steuerberatungskanzlei innen drin zu schaffen machte. Das ihr die Widerstandskraft wegschmelzen ließ wie die Sommersonne Vanilleeis in Griechenland. Von dem weißt du auch, das hältst du lieber schön im Schatten, sonst Sauerei.

     Am härtesten wurde Preschs Resilienz immer vom Gedanken an ihren Vater geprüft, der eines Tages einfach weg gewesen war und das kleine Mädchen ganz klassisch und ohne viel Federlesens der Mutter und sich selbst überlassen hatte. In Presch hatte das eine Wunde geschlagen, so tief wie der Marianengraben und so brennend wie Schnaps auf blutendem Menschenfleisch. Eine Wunde, die nie mehr heilen würde, die immer da war und nur darauf wartete, dass jemand oder etwas am Thema rührte.

     Manchmal, da stößt dir im Leben eben etwas zu, das willst du nicht, das sperrst du weg, so gut es geht, das verbannst du aus deinem Kopf. Aber es ist passiert, und das geht dann eben tief hinein in dich und dort verpreizt es sich, krallt sich so richtig fest und lässt nicht mehr los, und das ergibt dann eben diese Wunde, die nicht heilt, egal wie viel Gras du darüber wachsen lässt. Weil es eben ganz genau nicht so ist, dass die Zeit alle Wunden heilt, Sprichwort hin oder her. Da kannst du als Verwundete zumachen und dichtschließen und verdrängen, wie du willst. „Die Zeit heilt alle Wunder“, mit „r“ am Schluss, war einer von Preschs Lieblingssätzen.

So eine tiefe Wunde hatte Sandra Presch jedenfalls. Und wann immer sie allein war und zufällig an ihren Vater dachte, dann fiel ihr dieser Tag der Verwundung ein, im Stadtpark der Stadt vor gut 30 Jahren, der Vater hatte eine Polaroid-Kamera in der Hand und drückte zweimal ab, ließ Quadrate aus dem Plastikkasten surren, steckte eines ein und hielt der kleinen Presch das andere hin, und gemeinsam beobachteten sie, wie das Tageslicht aus der milchigen Fläche Konturen stanzte, bis das Kind zu erkennen war.

     Heb das gut auf, hatte der Vater ihr gesagt, und warte hier auf mich, ich bin gleich wieder da.

     Dann hatte er sich umgedreht, war den Spazierweg um eine Biegung geschlendert, nicht eilig, sondern gelassen, war hinter Büschen verschwunden und nie mehr zurück gekommen.

     Wann immer die erwachsene Presch an dieses letzt Bild vom Rücken des Vaters in ihrem Kopf dachte und an das Polaroid, das zu Hause auf der Korkwand über ihrem Schreibtisch verblassend gegen die Jahre kämpfte, begann die Wunde in ihr wieder zu nässen und zu triefen und zu jucken und zu brennen, und dann konnte sie gar nichts mehr tun, als einfach nur die Tränen kommen lassen. Manchmal reichte es sogar, wenn jemand „Vater“ oder „Tochter“ oder „Wunde“ sagte.

     Und da musst du dann mit deinem Musik-Player natürlich aufpassen, weil in Songs kommen Wunden und Väter und Töchter und so weiter gar nicht einmal so selten vor, die gehören praktisch zum Inventar aller guten Rockmusik-Texter. Die Shuffle-Funktion von Preschs iPhone war an diesem Tag außerdem wirklich schlecht drauf. Sie entschied sich ausgerechnet für Tom Waits, quasi Chef und Meister und Legende aller Rockmusiker. Als nun plötzlich „Tom Trauberts Blues“ an die Reihe kam, und als Waits mit seiner zerknitterten Stimme gegen Ende des Liedes sang: …and a wound that will never heal …, da begann Preschs eigene Vaterverwundung sofort wieder akut zu werden, wie jedesmal. Und da war die lässige, am Weg zu einem Nebenjob so oft so dreckig grinsende künftige Lady Cheeseburger von einer Sekunde auf die andere dann plötzlich weg, nicht mehr vorhanden, und stattdessen saß ihre blässliche Schwester da, die Unsichere, das Mädchen, das Angst vor allem hatte, ein verletzliches Bündel Zaghaftigkeit aus den Höllen einer verlassenen, einsamen Kindheit. Im Prinzip war Sandra Presch dann wie ein Frühling, der trotz all seiner zur Schau gestellten Pracht tief im Inneren der Jahreszeiten auch nicht viel mehr als nur ein Mädchen ist, ängstlich, zart, und aus den Straßen einer Nacht, die Winter heißt.

     Also schloss Presch die Augen, vergass den widerlichen Loser von gegenüber, vergaß die CZ-99 im Rucksack, vergaß den Termin, zu dem sie fuhr, vergaß das Magazin vor ihr und weinte die nächsten 50 Kilometer Zugfahrt einfach nur still in sich hinein.

     In St. Pölten stiegt der Fettsack von gegenüber tatsächlich aus.

     Presch sah den Mann durch das verschwommene Vlies ihrer halb geschlossenen Augen aufstehen, an seinem Sakko nesteln, ihr einen bösen Abschiedsblick zuwerfen, und dann sah sie seinen Rücken in Richtung Ausgang stampfen. Diese wabernde Masse von hinten, der Rücken, der langsam den Gang entlang wackelte, war für Preschs angeschlagene Stimmung ein Schalter, den einer umlegte, der irgendwo saß, verborgen, geheimnisvoll, durchtrieben und voller Rachsucht, und der den Menschen Böses wollte. Presch dachte an den Rücken ihres Vaters von damals, den sie wieder hinter den Büschen verschwinden sah, und beschloss, dass heute der Tag gekommen war, diesen alten Schmerz aus sich herauszuschießen, egal, wen es treffen würde. Sie zog den Rucksack zu sich, ließ das Magazin liegen und stolperte als ferngesteuerte Roboterfigur den Gang entlang. Draußen am Bahnsteig sah sie den Zug abfahren und den Dickwanst in die Bahnhofshalle verschwinden. Schnelle Schritte, und Presch war hinter ihm, folgte ihm über den Bahnhofsvorplatz hinein in eine Seitenstraße, um noch eine Ecke, durch einer schwere Türe, und im verlassenen Hausflur eines alten Mehrparteienhauses rief sie ihm in das graue Halbdunkel des Stiegenhauses von hinten zu:

     Hey, fette Sau, heute wird´s nichts mit dem Schweinsbraten!

     Der Mann drehte sich um, nicht plötzlich und ruckartig, sondern schwerfällig und langsam, als wüsste er, dass man die letzten Bewegungen seines Lebens mit Bedacht ausführt, weil man damit noch eine, zwei oder vielleicht sogar drei Sekunden herausschinden kann. Er sah Presch an, die bereits die CZ-99 in ihren Fäusten hielt, auf den dicken, unsympathischen Menschen gerichtet, dessen Augen hinter der Goldrandbrille für sie riesige, runde Wüsten waren, in denen sie sah, was sie ihrem Vater schon Jahrzehnte lang wünschte: alle Angst, Verzweiflung und Endgültigkeit dieser Welt, und dass er zurückkommen würde und sie ihn doch wieder lieben konnte.

     Geh nicht gelassen in die edle Nacht, sagte Presch.

     Was?, sagte der dicke Mann.

Dylan Thomas, sagte Lady Cheeseburger drückte ab.

     Der Knall böllerte durch die Stockwerke über ihr und fuhr einer alten Frau in die Knochen, die im Mezzanin in ihrem Wohnzimmersessel an einem Pullover für ihren erwachsenen Enkelsohn strickte, von dem sie wusste, dass er ihn nie tragen würde.

     Tschuschen-Gesindel, murmelte sie und wünschte die türkischen Hausmeister-Kinder zur Hölle, die mit schöner Regelmäßigkeit die Haustüre hart ins Schloss fallen ließen, oft auch spät am Abend, wenn die alte Dame schon lange im Bett lag, nicht einschlafen konnte und vom Krachen in eine weitere Stunde Schlaflosigkeit gezwungen wurde.

     Die Ehefrau im zweiten Stock hörte nichts von dem Donner, der das Leben ihres Mannes sechs oder sieben Meter unter ihr beendete, weil sie in derselben Zehntelsekunde in ihrer Küche die Tür zum Backrohr mit einem ebenso donnernden Knall zufallen ließ und das heiße Blech mit dem fertigen Braten mühsam balancierte, das ihr die Finger verbrannte. Presch war da schon wieder am Weg hinaus auf die Straße. Sie hatte dem Mann, der mit einer endgültigen Plumpheit auf die schlierigen Stiegenhausfliesen gefallen war, das Portemonnaie aus dem Sakko gezogen, als Trophäe oder was auch immer, sie wußte es selbst nicht, eine Reflexhandlung einfach, und ging jetzt langsam, gleichgültig und mit einer professionellen Teilnahmslosigkeit, die niemandem auffallen konnte, die paar hundert Meter zum Bahnhof zurück. Dort ließ sie sich von einem Taxi ins nahe Krems fahren, nahm einen Regionalzug zurück nach Wien und begann ihre Reise nach Frankfurt von neuem. Die drei, vier Stunden Verspätung würden keine Rolle spielen und die erfolgreiche Absolvierung ihres Termins dort kaum gefährden, beschloss sie.

     Presch fühlte sich deutlich besser, als sie zum zweiten Mal in den Bahnhof von St, Pölten einfuhr. Nichts zeigte an, was dort vor kurzem geschehen war, keine Polizei war vor Ort, keine Kontrollen behinderten ihre Weiterfahrt. Wieder auf offener Strecke, holte sie das Portemonnaie aus dem Rucksack, das neben der CZ-99 zum Liegen gekommen war, zippte dessen Reißverschluss um seine beiden Ecken, klappte es auf und inspizierte den kargen Inhalt. 70 Euro in Zehnern und Zwanzigern, Münzen, eine ÖBB-Jahresnetzkarte, auf der der Familienname des Mannes von einem alten Klebstoffpatzen unleserlich gemacht worden war. Nur der Vorname stand da, Josef, und mit einem Mal musste Presch doch wieder an ihren Vater denken, ein Josef auch dieser, und schon spürte sie die Tränen kommen.

     Und manchmal, wie gesagt, da ist das Leben ein richtiges Monster und gibt dir den Rest für alle deine Tage, die noch kommen. Presch wurde das mit einem Schlag klar, als sie ins Seitenfach der Geldbörse griff und ein kleines, steifes, zusammengepresstes Quadrat heraus nestelte, ein symmetrisch gefaltetes, schon gelb gewordenes Polaroid-Foto, auf dem man ein kleines Mädchen in der längst unmodern gewordenen Kleidung der 1980er-Jahre sah, ein Mädchen in einem Park, das dem Fotografen in die Augen schaute, viel Vertrauen im Blick und noch keinen Hauch von all dem Grausamen, das kommen würde und das sogar eine brave Buchhalterin zur Nebenerwerbskillerin und eine graue Maus zu einer Lady Cheeseburger machen konnte. Presch sah in dieselben Kinderaugen, die sie auch erkannte, wenn sie morgens beim Schminken vor dem Spiegel stand.

Und von diesem Moment an klirrte die Kälte in ihr, als lebte sie in der Arktis und als wäre das viele endgültige Eis um sie das einzige, das ihr bleiben würde, bis zum Ende.

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