Entwinterungsfahrt 19

Im Mondseeland schleicht sich der Frühling auf Samtpfoten in sein neues Leben. Wer nicht gut aufpasst, bemerkt ihn zuerst gar nicht. Auf den Bergen, oben am Schafberg, drüben am Scheitel der Drachenwand, hinten am Gaisberg, da liegt noch Schnee, da ist alles noch weiß. Aber unten im See steigt der Wasserspiegel.

Das ist der erste Bote, weil Schneeschmelze oben ist gleich mehr Wasser unten. Die Schwäne beginnen wieder, die Promenaden abzupatrouillieren, um von den Menschen am Ufer alles an Fressbarem abzugreifen, was die mit sich führen. Das ist das stärkste Zeichen: Es gibt wieder Menschen am Ufer. Sie hocken nicht mehr in ihren kamingeheizten Stuben, sondern kommen raus und runter an den See. Und dann geht alles ganz schnell. Am einen Tag nebelt noch eine graue Suppe alles ein, und am nächsten scheint die Sonne aus einem völlig unverhangenen Himmel heraus.

Ab Mittag ist es richtig warm, die ersten Kurzhosenmänner tauchen auf, meist sind es Osteuropäer auf der ersten kleinen Urlaubsfahrt des Jahres. Deren Geschmäcker sind ja allenthalben einigermaßen diskussionswürdig. Aber ich will nicht rassistisch scheinen, auch Österreicher ziehen seit einiger Zeit, mir völlig unverständlich, immer häufiger kurze Hosen an. Ich meine: Männer in kurzen Hosen, bei denen kann es nur so sein, dass sie irgendwas aus ihrer Kindheit nicht gut überwunden haben. Womöglich haben sie einmal zu oft den Sandkübel in der Spielkiste weggenommen bekommen, oder sie haben am mütterlichen Busen nicht genug Milch abgesaugt, was weiß ich. Jedenfalls: Erwachsene Männer in kurzen Hosen, das ist, übersetzt ins Textile, die Musik von Andreas Gabalier, das ist, disloziert ins Optische der Mode, das Akustische Helene Fischers. Kurz: Geht gar nicht. Außer beim Sport natürlich.

Aber lassen wir das. Jedenfalls weiß man nicht nur am Mondsee: Tauchen die ersten kurzbehosten, also geschmacklich minder ausgestatteten Typen auf, ist der Frühling da. Das heißt für mich: Zeit, mich an den See zu begeben. Auf der Terrasse zu arbeiten statt am Schreibtisch im Zimmer. Ans Zuwasserlassen der Blue Grape zu denken. Vor allem aber: das Soulredsummerfeelingauto anzuwerfen und eine Entwinterungsfahrt zu unternehmen. Voriges Jahr ging diese an die nördliche Adria, nach Triest, Grado, Duino und so weiter. Doch mangels der Fürstin Monacos als Beifahrerin (Sie werden sich da jetzt nur auskennen, wenn Sie hierher klicken.) lasse ich das heuer lieber. Stattdessen umrunde ich den Mondsee.

Ich schlenze das Dach nach hinten, aus der Schulter heraus, kräftig und bestimmt mit meinem rechten Arm, elegant wie Roger Federer, wenn er Tennisbälle ins Spiel befördert. Ich setze mir ein Baseballkäppi auf, selbstverständlich in Rot, weil es ja zur Soulredsummerfeelingautofarbe passen muss. Ich lege eine stimmige Lektüre auf den Beifahrersitz. Das ist immer ein wenig heikel, denn: Was nimmst du, um den Frühling zu begrüßen? Zuerst dachte ich an den neuen Roman der derzeit besten Geschichtenerzählerin des Landes, der immer noch blutjungen Niederösterreicherin Vea Kaiser. Jedoch, kaum trau ich´s mich laut zu schreiben: Diese neue Familiengeschichte ist ihr, der an sich wirklich Genialen, leider ein wenig entglitten, sie plätschert so ein bissl gleichgültig und unverzaubert an der Oberfläche dahin. Sitze ich jedoch an einem der ersten warmen Tage am Mondsee auf einem Bankerl, mitten drin und nur kurz pausierend in der Soulredsummerfeelingautoentwinterungsfahrt, dann will ich Gehaltvolles lesen. Makarionissi oder Blasmusikpop, beides ebenfalls Vea-Kaiser-Romane, wären super, aber die kenne ich schon in- und auswendig. Die Rettung kam aus der Trafik, denn kurz entschlossen erstand ich den Kurier, weil auf dessen Cover in Ankündigung der Titelgeschichte der neuen Freizeitbeilage von Duft und Luft, von Buntem und einem neuen Frühling die Rede war. Das müsste passen, dachte ich mir. Ich wurde nicht enttäuscht, die neue Chefredaktrice M hat ein luftiges Magazin gemixt, gut geschrieben und schön gezeichnet. Das liest man gerne, wenn man vom Bankerl über den See auf den Schafberg schaut, während hinten am Parkplatz das Soulredsummerfeelingauto mit seinen japanischen Hufen scharrt, weil es endlich richtig loslegen will.

Ich stapfte hinzu, ließ mich reichlich unelegant – man hat halt über den Winter an der Expansion des eigenen Körpers gearbeitet, was im Minimazda leicht zu einem Platzproblem ausartet – auf den Fahrersitz fallen und gab Gas. Ich fuhr vorbei am großartigen Höribachhof zur Rechten, welcher einer Frau Baronin gehört und von dem aus sie ihren großen Schatz, den Mondsee, verwaltet. Am Vortag hatte ich ihr meine Aufwartung gemacht, um sie von einem Porträt zu überzeugen, welches ich gerne schreiben würde. Sie ziert sich vorderhand noch ein wenig, was ich verstehen kann, vielleicht war der Zeitpunkt ungünstig, weil tags darauf der Sohn zu heiraten beabsichtigte, man sich am Höribachhof also insgesamt recht ordentlich im Stress befand. Ich werde nachhaken, wenn hochzeitsmäßig alles über die Bühne ist, wir werden sehen. Bevor es nach rechts hinüber über den Scharfling zum Wolfgangsee geht, bog ich links ab und streichelte mit dem Soulredsummerfeelingauto das Mondseeufer, weil die Straße dort einige hundert Meter lang ganz knapp am Wasser verläuft. Ich sah  durch die Büsche bereits erste Picknicker an den Schotterstränden. Dann fuhr ich, schon auf der anderen Seeseite, die Atterseestraße zurück wieder Richtung Mondsee. Oben am kleinen Hügelchen des Ortes Ort – ja, ein tatsächlich kurioser Name, sie haben halt einen ganz besonderen Schmäh hier im Salzkammergut – arbeitete ich mein übliches Quäntchen Traurigkeit ab, das mich hier immer befällt, weil mein Vater vor langer, langer, langer Zeit die Jahrhundertchance vorbeiziehen hatte lassen, die ganze Gegend samt Hunderten Metern Seeufer für einen Pappenstil zu erwerben. (Sie können das hier nachlesen, wenn Sie wollen.) Ein paar Kilometer weiter dann, im Mondseer Yachtclub, ließen sie bereits die Schwimmstege zu Wasser, untrügliches Zeichen dafür, dass die ersten Segler bald loslegen.

Das bringt mich wieder zur Blue Grape, die vorderhand drüben in Schwarzindien noch auf dem Hafentrailer vor sich hin lümmelt, also im Trockenen, und vermutlich ein wenig grantig ist, weil ich sie noch nicht schwimmen lasse. Aber ein Schritt nach dem anderen. Zuerst das Soulredsummerfeelingauto, weil es schon zwei Jahre länger da ist. Dann heim nach Graz, die kommende Woche abarbeiten, da steht einiges an – eine Story über Graz und Recherchearbeiten für das Buch, das im Herbst erscheint und von dem ich Ihnen bald einmal ein bissl was erzählen werde. Außerdem Wien, weil ich dort echt wieder mehr machen muss. Übernächste Woche dann oder spätestens Mitte April wird die Blue Grape Platsch! machen, werden die Narben des Mastbruchs aus dem vergangenen Herbst hoffentlich gut ausgeheilt sein, und ich werde den dann schon erschreckend zahlreich kurzbehosten Ostblock-Touristen am Ufer davon segeln können, während das Soulredsummerfeelingauto am Parkplatz der Marina von Schwarzindien vor sich hin chillt.

So geht Frühling.

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