Stradivaris

Haptisch war es eine gute Woche.

Solche konsekutiven Tage, die Luxus und Privilegien in den Alltag freischaffender Journalisten bringen, welche sonst arm wie Kirchenmäuse sind, gebeutelt wie Kriegsberichterstatter und inzwischen leider auch gering geschätzt wie Politiker oder Immobilienmakler, kommen ja ausgesprochen selten vor. Ich aber hatte diese Woche richtig Glück, ich hatte gerade solche Tage.

Ich legte meine Hand zum Beispiel ans Leder des Gouvernals eines Rolls Royce. Nicht, dass Sie glauben, ich fuhr damit spazieren. Eh nicht, allein der Gedanke an die finale Überforderung meines Kontos durch einen Kratzer im Lack hätte mich frösteln lassen. Aber ich saß, umrundet von duftendem Leder, tief unten in der Katakombe einer Privatgarage, sah auf die fein ziselierten Armaturen des Rolls vor mir und ließ mir von seinem Besitzer erklären, wie er samt Familie damit einige wenige Male im Jahr sonn- oder feiertägliche Ausfahrten abwickelt. Wenn Sie sich jetzt fragen, warum man nur ein paarmal im Jahr mit so einem Auto fährt, wenn man schon eines besitzt, nun ja. Es ist so:  Der Spitzenmanager, bei dem ich zur Recherche für eine Geschichte in einem der Beilagen-Magazine des „Standard“ zu Gast war, hat nicht nur den Rolls. Er hat auch einen Ferrari. Einen Maserati. Einen Aston Martin im Renn-Trimm. Vier oder fünf Porsches. Einen Lamborghini. Und so weiter. Und da gibt dir dein Fuhrpark dann halt ganz schön was zum Überlegen auf, wenn du wegfahren willst:

Scheiße, welchen nehmen wir denn heute?

So ein Stress. Da ist mir lieber, ich muss darüber nachdenken, womit ich die nächste Tankfüllung des Soulredsummerfeelingautos bezahlen soll.

Wie auch immer, der Rolls also.

Ich bekam erklärt, dass er gebraucht angeschafft wurde und trotzdem mehr gekostet hat als eine kleine Einfamilienwohnung. Ich verrate Ihnen außerdem noch, dass oben im Entrée der Villa über der Garage, aus deren Lokalisierung wir ein streng gehütetes Geheimnis machen wollen, auch noch eine Dalí-Skultpur steht, eine echte selbstverständlich. Femme du temps, hat der Meister sie getauft, der ja insgesamt nicht wenig wunderlich war, zum Beispiel seinerzeit den Bahnhofsvorplatz von Perpignan als das Zentrum der Welt identifiziert hatte. Ich durfte meine Hand jedenfalls nach dem Rolls-Lenkradleder auch an die Bronze der Dame legen. Über das Büro des Besitzers können Sie im Magazin „Werte mit Zukunft“ Genaueres lesen. Sie werden dort von einer einigermaßen steril-kristallenen Art-Deco-Atmosphäre erzählt bekommen, mehr wird nicht verraten.

Alles andere als steril war das, was ich vorgestern in der Hand hielt. Es war honigbraun und zärtlich glänzend wie ein warmer früher Herbsttag, wertvoller als alle Autos aus der Privatgarage zusammen, und zart besaitet wie nicht von dieser Welt: eine Stradivari.

Der Geigenbaumeister R, dessen Atelier so unprätentiös im Verborgenen liegt, dass Sie von der Straße aus niemals daran denken würden, welche musikalischen Werte sich hinter der nüchternen Vorstadtfassade verbergen, erzählte mir für eine andere Geschichte im erwähnten Magazin vom Zauber der noblen und nobelsten Geigen dieser Welt: Amatis, Guarneris, eben Stradivaris, auch jene des Tirolers Jakob Stainer, der als einziger mit den italienischen Geigenbaumeistern mithalten konnte. Mitten im Satz stand er auf, tanzte zwei Schritte auf eine Wand zu, die sich als eine schwere Stahl-Flügeltüre eines Tresors herausstellte, öffnete, flippte mit leichter Hand aus einer eingebauten Lade eine Geige hervor, hielt sie mir hin und sagte:

Nehmen´S einmal.

Ich nahm und hielt das schöne Ding, zart geflammt der Rücken, sanft geschwungen die Schnecke, tiefschwarz die Beeren der f-Schlüssel, mit der kindlichen Bewunderung eines musikalisch völlig untalentierten nicht-Instrumentalisten ungelenk in der Hand und hatte eine rechte Freude, denn sogar ich konnte erkennen: Dieses Instrument hatte was.

Na, wie fühlt sich so eine Stradivari an?, fragte R und grinste schelmisch wie ein kleines, freundliches Teuferl.

Ich ließ vor Schreck fast los, denn mir war klar: So viel Geld, wie ich jetzt gerade in der Hand halte, verdiene ich in zehn Leben nicht. Und so viel Kunst, das vor allem, würde sich nie wieder von mir berühren lassen. Ich erzähle Ihnen hier nichts vom wirklich wunderbaren Gefühl, das dich verzaubert, hältst du eine Stradivari in der Hand, doch ich sage Ihnen:

Das ist etwas, das bleibt einem.

Letztlich ist eh alles nur Tand von Menschenhand, aber es gibt eben Dinge, die können mehr als andere. Sie werden wie schon erwähnt auch die Geigen-Geschichte, zumindest eine rudimentäre Variante, in der Standard-Beilage lesen können. Kaufen Sie sich´s bitte.

Die ganz große Version, die endgültige, die umfassende, das verrate ich Ihnen als kleine Sneek Preview mit einem verschämten bissl Stolz und der Hoffnung, dass ich es tatsächlich soweit bringe – die kommt dann erst in, naja, sagen wir zwei oder drei Jahren. Da erzähle ich Ihnen dann nämlich eine Geschichte von teuren Streichinstrumenten, von Mord und Totschlag, von internationalen Finanzverwicklungen, einem wilden Griss aller um alles, von bösen Trusts, von der versponnenen Wissenschafterin Henriette, dem grundehrlichen Trentiner Bauern Ernesto, der wunderbaren irischen Cellistin Niamh, und von einem verlorenen Österreicher zwischen all dem, einem Berufskollegen von mir. Gar nicht so kleine Teile dieser langen Geschichte, zu der man wohl Roman sagen könnte und die jedenfalls der Buchform bedarf, sind bereits aufgeschrieben. Sie hat auch schon einen Namen, den ich Ihnen natürlich nicht verrate. Und der ganz große Rest ist meine Arbeit des Sommers, des nächsten Winters und vermutlich auch noch darüber hinaus, weil alles ein wenig kompliziert und verschachtelt ist.

Ich hoffe sehr, Sie werden sich das Buch dann kaufen, wenn es einmal soweit ist. Damit mir vom Thema Stradivari und so weiter doch auch finanziell etwas bleibt.

P.S. Damit keine Missverständnisse entstehen: Nein, das auf dem Aufmacherbild zu diesem Blogpost sind natürlich keine Stradivaris – das sind „billige“ Geigen. Wobei alles relativ ist, man muss sich da schon richtig orientieren: Mit rund 50.000 Euro pro Stück, vermute ich einmal, wären Sie mit dabei …

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