Galway 02: Bertie

Sad to say, aber man muss leider wohl auch das Schlimmste in Betracht ziehen, womöglich hat Bertie das Zeitliche gesegnet.

Ich recherchiere ja gerade für eine Kurier-Story in Galway – die wird Ende August oder Anfang September oder so in der samstäglichen Magazin-Beilage Freizeit erscheinen. Und da möchte ich den Fischreiher Bertie de Heron unbedingt einbauen. Lassen Sie mich kurz erklären: Auf den Vogel wurde ich seinerzeit über das Irish Blog von Tochter Julia aufmerksam, die zwei Jahre in Galway gelebt und Bertie eine Zeit lang fast täglich getroffen hat. Es handelt sich um einen Fischreiher, der Stunden seiner Zeit damit verbrachte, am Long Walk vollkommen still zu stehen und auf Türklinken zu starren. Hat wohl auf Fütterung gehofft oder was weiß ich. Sie können das – und warum das Vieh Bertie heißt, beziehungsweise genau genommen eben: Bertie de Heron – in Julias Originalerzählung nachlesen, indem Sie hier klicken. Sogar zu einer eigenen Facebook-Seite hat Bertie es gebracht, klicken Sie hier.

Ich wollte nun wissen, wie es dem Reiher geht. Gestern und heute vormittag patrouillierte ich daher den Long Walk auf und ab. Kein Bertie.

Ich fragte die Locals Sandra und Tristan, die am Lough Atalia seit kurzem ein formidables Hausboot vor Anker liegen haben, das sie über AirBnB vermieten, und die ich für die Kurier-Geschichte traf: Von einem Bertie de Heron hatten sie noch nie gehört. Heute stellte ich die Frage an Bridgette, Tourismus-Chefin der Stadt. Sie bedauerte ebenfalls. Immerhin erzählte sie mir, dass das Ende des Videos zu Ed Sheerans Song Galway Girl gleich um die Ecke im B&B The Heron´s Rest gedreht wurde. Nach dem Gespräch klopfte ich dort an die Tür, nachfragen wegen Bertie. Niemand öffnete, hm. Aus dem Nebenhaus trat dafür ein Student, dem man ansah, dass er die vergangenen Nächte durchzecht hatte. Ihm gefiel die Frage nach Bertie sehr, doch auch er musste abwinken: keine Ahnung, erst vor einer Woche eingezogen. Zumindest erklärte das sein in Ansätzen zerrüttetes Erscheinungsbild – junge Iren zelebrieren Wohnungseinweihungsfeste offensichtlich über längere Zeiträume, der Mann hatte wohl eine Woche durchgefeiert.

Doch dann, zwei Häuser weiter, traf ich Septa.

Die freundliche ältere Dame hielt gerade mitten auf der Straße ein Plauscherl mit einer Freundin. Ich erzählte meine Story: Österreichischer Journalist und vor Ort, um ein Städteporträt von Galway zu schreiben, Facebook-Page eines Reihers namens Bertie gefunden und so weiter, und nun will ich wissen, ob …

Bingo. Septa verschwand umstandslos im Haus und kam mit einem folierten A3-Blatt wieder, das Bilder von Bertie zeigte. Bertie beim Starren auf Türen, Bertie auf einem Autodach, Bertie auf dem Tisch des nahen Restaurants Ard Bia im Spanish Arch, Bertie dies und Bertie das. Nur leider: Vor einiger Zeit sei der Reiher eines Tages abgeflogen und nicht mehr zurückgekommen, bis heute nicht.

Maybe dead, sagte Septa und schluckte verschämt ein Seufzerchen hinunter. Sie vermisste Bertie offensichtlich.

But me, I prefer another version.

Ich vermute ja, Bertie wollte einfach ein bissl was von der Welt sehen, immer nur Corrib-Mündung in die Galway Bay ist ja auch fad. Er ist umgezogen. Und eines Tages, wenn ihn das Heimweh plagt, wird er wiederkommen und sich von Septa füttern lassen, wie er das früher getan hat. In meiner Kurier-Geschichte wird er deshalb sehr wohl vorkommen – ich werde einfach offen lassen, wo es ihn derzeit umtreibt.

An Sie allerdings, liebe Blog-Leser und Innen, habe ich eine Bitte:

Wenn Sie nächstens in dear old Ireland unterwegs sind (Überseereisen schaffen alte Reiher glaube ich nicht), halten Sie Ausschau: Sollten Sie irgendwo einen Reiher treffen, der durch seltsames  Verhalten auffällt, etwa durch stundenlanges Stillstehen vor Türen, melden Sie sich bitte bei mir.

Denn wahrscheinlich ist das Bertie! Und ich würde zu gerne wissen, wohin es ihn getrieben hat und wie es ihm geht. Ich würde auch gerne Septa die Nachricht überbringen:

Don´t worry, he´s still fine and dandy.

Danke. Go raibh máith agat, wie wir Iren sagen.

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