Galway 03: Swan Lake

Yes, genauso gespenstisch, wie das auf dem Bild aussieht, war es auch.

Ein wenig vor Mitternacht, am Long Walk regierte Stille, der Corrib floss mit einem zärtlichen Flüstern, glatt wie ein Spiegel, bei High Tide hinaus in die Galway Bay. Und auf einmal löste sich aus der großen Community der Claddagh-Schwäne drüben an Nimmo´s Pier eine 20er-Gruppe, ließ sich im Zeitlupentempo und in völliger Ruhe quer über den Fluss herüber zu mir ans gegenüberliegende Ufer treiben, langsam, ganz langsam, in aller Behäbigkeit dieser Welt, und schickte sich an, die Kaimauer entlang flussaufwärts Richtung Spanish Arch zu paddeln. In Reihe und Glied, hinterinander fein aufgefädelt wie an einer Schnur, gelassen und ohne jede Hast, in der Finsternis der irischen Nacht ein fremder Spuk, eine schweigsame Schwanen-Prozession, ein nie gesehenes gemeinschaftliches, mitternächtliches Spazierenschwimmen. Still, schaurig und schön.

Die Claddagh-Schwäne: Sie bevölkern die Corrib-Mündung in die Galway Bay in Dutzendschaften, die bei Flut wie ein See ist, bei Wind aufgewühlt und wild schäumend, bei Windstille sanft und säuselnd. 50 bis 100 Schwanenköpfe zählt diese Community. Und es sind nicht irgendwelche Schwäne, die Legende bescheinigt ihnen eine ganz besondere Herkunft, einen schwermütigen Ursprung, der aus dem Tod geboren wurde, immer wieder neu, Jahrhunderte lang.

Lassen Sie mich dazu erst einmal kurz vom Claddagh erzählen.

Das frühere Lehmhüttenviertel am westlichen Corrib-Ufer war für Galway Hunderte Jahre lang wichtig. Dort lebten spezielle Menschen, die außerhalb der Gesetze und Rechtsprechung jener 14 Familien standen, die Galway traditionell regierten und aus deren Kreis der jeweilige Bürgermeister kam. „City of the Tribes“, Stadt der Geschlechter, heißt Galway deswegen auch. Im Claddagh aber lebten die Outlaws. Sie waren unentbehrliche Fischer, belieferten die Stadt mit ihrem Fang und konnten sich deshalb die Sonderstellung erlauben. Angeführt wurden sie von einem König, den sie aus ihrer Mitte jeweils selbst wählten. Dieses kleine, von allen Zentralmächten unautorisierte Königreich lebte nicht in Reichtum, dank der Fischereikunst seiner Bewohner aber auch nicht wirklich in Armut.

Als die Briten Irland überfielen und Jahrhunderte lang blieben, zwangen sie die jungen Männer des Claddagh immer und immer wieder in ihre Armeen, um in den diversen Eroberungskriegen als Kanonenfutter zu dienen. Irisches Blut zählte im Empire nicht viel, und Claddagh-Blut erst recht nicht. Immer wieder wurden die Lehmhütten von ihren männlichen Bewohnern regelrecht entvölkert, diese starben einsame Tode in fremden Schlachten um fremde Länder.

Aber jetzt die Legende:

Sie verschwanden nicht von der Welt. Ihre Seelen kamen zurück, nach Hause, in den Claddagh. Sie lebten und leben in den Schwänen weiter. Kein Wunder, dass es so viele sind. Sie schwimmen den Corrib auf und ab, sind dort, wo ihre Lieben lebten, auch wenn sie keine Menschen mehr sind. Die Galwayer behandeln diese Schwäne mit Ehrfurcht und Respekt. Im versponnenen Irland, in dem Banshees, Fairies, Leprechauns und Geschichten Teil des Bewusstseins aller Menschen sind, steht man Legenden aller Art mit einer ordentlichen Portion Glaubensbereitschaft gegenüber.

Wir Mitteleuropäer, denen Geschichten immer fremder werden, weil wir lieber Social-Media-Postings nachhängen und organisierten politischen Lügen statt den verzauberten kleinen Schwindeleien in Märchen glauben, können davon nur lernen. Ich, wenn ich in Irland bin, verhalte mich sowieso als Lernender. Also setzte ich mich in der Nacht auf das kniehohe Mäuerchen am Long Walk, das Straße und Corrib voneinander trennt, und ließ die Prozession der Schwäne an mir vorbei flussaufwärts defilieren. Jedem einzelnen Schwan nickte ich durch die Dunkelheit freundlich zu. Das ist nach dem Vorbeimarsch des Galway Girls (lesen Sie das hier nach) schon wieder etwas, das mir bleibt. Ich hielt stille Zwisprache mit den längst von uns gegangenen Soldaten wider Willen des Claddagh. Sie kennen mich jetzt, und ich kenne sie. Wenn ich das nächste Mal hier bin, werde ich tagsüber einmal rüber zu Nimmo´s Pier gehen und die Schwäne als alte Freunde begrüßen.

Und den Schwänen zu Hause am Mondsee, die weit weniger zahlreich aber dafür deutlich größer sind, werde ich morgen oder übermorgen von ihren irischen Kollegen berichten. Von der Blue Grape aus werde ich ihnen dabei fleißig Weißbrot zuwerfen. Das werden sie mögen – beim Essen Geschichten erzählt zu bekommen, ist nicht nur für uns Menschen eine feine Sache.

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