Die Schwäne von Galway

Ein stiller, ansatzweise schauriger, vor allem aber ein schöner kleiner Spuk in Galway:

Kurz vor Mitternacht ist der Long Walk, die Uferpromenade des Corrib mit den bunten kleinen Häusern, längst in finsterer Stille versunken. Der Fluss fließt bei High Tide mit zärtlichem Flüstern glatt wie ein Spiegel hinaus in die Galway Bay. Und auf einmal, jede Nacht gegen halb zwölf, löst sich aus der großen Community der Claddagh-Schwäne in der Dunkelheit drüben an Nimmo´s Pier eine stattliche Gruppe, lässt sich im Zeitlupentempo und in völliger Ruhe quer über das Wasser herüber ans andere Ufer treiben, langsam, ganz langsam, in aller Behäbigkeit dieser Welt, und schickt sich an, die Kaimauer des Long Walk entlang flussaufwärts Richtung Spanish Arch zu paddeln. Hintereinander, in Reihe und Glied, fein aufgefädelt wie an einer Schnur, gelassen und ohne jede Hast, verschwindet die Kompanie dort schließlich wieder ins Schwarz der irischen Nacht hinein. Eine schweigsame Schwanen-Prozession, ein nie gesehenes gemeinschaftliches mitternächtliches Spazierenschwimmen, dessen Grund oder Anlass niemand kennt.

Die Claddagh-Schwäne also. Sie bevölkern die Corrib-Mündung in die Galway Bay, die bei Flut wie ein See ist, bei Wind wild zerwühlt, bei Windstille sanft säuselnd, in Dutzendschaften. Gut hundert Schwanenköpfe oder mehr zählt diese Community. Die Galwayer, vor allem die Älteren, die das frühere, ursprüngliche Galway noch kennen, bevor es während des Keltischen Tigers zur pulsierenden, modernen Business- und Studentenstadt von heute wurde, verehren die Schwäne. Sie waren immer schon da, ganz früher bereits, als es das alte Lehmhüttenviertel „The Claddagh“ noch gab, genauso wie heute. Sie durchpflügten die Corrib-Mündung während des rasanten ökonomischen Aufstiegs der 1980er- und 1990er-Jahre ebenso wie in vergangenen Jahrhunderten, als Irland noch das Armenhaus Europas war und vor allem sein wilder Westen eine Enklave von Rückständigkeit und Tradition. Und sie paddeln auch heute noch vor Ort durch das Wasser vor Nimmo´s Pier. Doch die Claddagh-Schwäne sind nicht irgendwelche Schwäne. Sie gelten unter den Einheimischen als das „Herz des Claddagh“ und die Legende bescheinigt ihnen eine ganz besondere Herkunft, einen schwermütigen Ursprung, der aus dem Tod geboren wurde, immer wieder neu, Jahrhunderte lang.

Das Herz des Claddagh

Das alte Lehmhüttenviertel am westlichen Corrib-Ufer, der längst zugunsten fahler Einfamilienhäuser abgetragene Claddagh, war für Galway Hunderte Jahre lang wichtig. Dort lebten früher spezielle Menschen, die außerhalb der Gesetze und Rechtsprechung jener 14 Familien standen, die Galway traditionell regierten und aus deren Kreis der jeweilige Bürgermeister kam. „City of the Tribes“, Stadt der Geschlechter, heißt Galway deswegen auch. Im Claddagh aber lebten die Outlaws. Sie waren unentbehrliche Fischer, belieferten die Stadt mit ihrem Fang und konnten sich deshalb einer Sonderstellung erfreuen. Angeführt wurden sie von einem König, den sie aus ihrer Mitte jeweils selbst wählten. Dieses kleine, von allen Zentralmächten unautorisierte Königreich existierte nicht in Reichtum, dank der Fischereikunst seiner Bewohner aber auch nicht wirklich in Armut.

Als die Briten nach Irland kamen und über Jahrhunderte blieben, zwangen sie die jungen Männer des Claddagh immer und immer wieder in ihre Armeen, um in den diversen Eroberungskriegen als Kanonenfutter zu dienen. Irisches Blut zählte im Empire nicht viel, und Claddagh-Blut erst recht nicht. Regelmäßig wurden die Lehmhütten von ihren jungen männlichen Bewohnern regelrecht entvölkert, die dann meist einsame Tode in fremden Schlachten um fremde Länder starben.

Jetzt die Legende

Aber sie verschwanden nicht von der Welt, so weiß es zumindest die Legende, die von den älteren Bewohnern Galways nach wie vor mit Enthusiasmus weitererzählt wird, vor allem an Besucher der Stadt. Die Seelen der Claddagh-Soldaten wider Willen kamen zurück nach Hause, zurück nach Galway, zurück in den Claddagh. Sie lebten und leben in den Schwänen weiter. Kein Wunder, dass es so viele sind. Sie schwimmen den Corrib auf und ab, sind dort, wo ihre Lieben lebten, auch wenn sie keine Menschen mehr sind. Deshalb behandeln die Galwayer diese Schwäne mit solchem Respekt. Denn im versponnenen Irland, in dem Banshees, Leprechauns, Feen und Märchen immer noch fester Bestandteil des Bewusstseins vieler Menschen sind, steht man Legenden aller Art mit einer ordentlichen Portion Glaubensbereitschaft gegenüber. Gestandene Mitteleuropäer, denen Geschichten immer fremder werden, weil sie lieber Social-Media-Postings und organisierten Lügen statt den verzauberten kleinen Schwindeleien in Märchen glauben, können davon nur lernen.

Jede Nacht wiederholt sich die spukhafte Schwanenwanderung über den Corrib von Nimmo´s Pier zum Long Walk hinüber, den Kai hinauf und oben beim Spanish Arch dann wieder über den dort schon schmäleren Fluss zurück zum Ausgangspunkt. Es zahlt sich aus, am kniehohen Mäuerchen des Long Walk zu sitzen, das Straße und Wasser voneinander trennt, und dem Vorbeidefilieren der Schwäne zuzusehen. Wer Zeit hat und an Märchen glaubt, kann jedem einzelnen Schwan zunicken, so langsam geht alles vonstatten, und stille Zwiesprache mit den längst gegangenen Soldaten des Claddagh halten.

Und dann vielleicht, wenn man für einige Zeit in Galway zu Besuch ist, dieser bunten, charmanten, geschäftigen, zweifellos ein wenig durchgeknallten aber dennoch seriösen Studenten- und Business-Stadt an Irlands wilder Westküste, kann man am nächsten Tag einen Spaziergang unternehmen: Rüber zu Nimmo´s Pier, die Schwäne begrüßen, und dann „do as the Galwegians do“ – den Soldaten des Claddagh den Respekt erweisen und die Schwäne von Galway, die in der vergangenen nächtlichen Begegnung  zu Freunden oder zumindest Bekannten  geworden sind, mit irischem Sodabrot füttern.

 

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