Der Wähler ist ein Trottel

Einen Tag vor der Nationalratswahl erreicht uns eine recht traurige Nachricht.

Der ehemalige steirische Landespolitiker Gerhard Hirschmann ist tot. Mich trifft das. Denn anders als die meisten Politiker war Hirschmann ein spannender Mensch mit einem echten Anliegen. So etwas fehlt. Nicht nur, weil ich gestern ebenfalls in einem Zug von Wien nach Graz saß – Hirschmann verstarb gestern an einem Herzinfarkt während einer Wien-Graz-Zugfahrt – berührt mich das besonders. Denn:

Morgen sind Nationalratswahlen, und Hirschmann war, obwohl in einer stockkonservativen Partei mit sehr vielen sehr fragwürdigen Ansichten verortet und verankert, immer einer, der Vernunft, Menschlichkeit und Unbekümmertheit vor politisches Kalkül und Parteidisziplin gestellt hat. Er hat immer gesagt, was Sache ist, und wurde in der katholisch-bigotten ÖVP damit schließlich zum Outlaw und zu einer Art persona non grata. Das sprach für ihn.

Passend zum morgigen Wahlsonntag erinnere ich mich an den Juli 2013, als ich Hirschmann und seinen Lebensfreund Herbert Paierl – ein eher Unbequemer auch er – zu einem Doppelinterview für das Format in einem Grazer Hotel traf. Auch damals stand eine Nationalratswahl bevor, und es wurde eines der spannendsten und unterhaltsamsten Interviews, die ich in meinem bisherigen Journalistenleben geführt habe. Allein schon der Titel – ein autorisiertes Hirschmann-Zitat – spricht Bände:

„Der Wähler ist ein Trottel.“

Darf ich das wirklich so schreiben?, fragte ich ungläubig.

Sowieso, schreiben´S das ruhig, sagte Hirschmann. Er stand, zumindest soweit ich ihn kannte, immer zu seinem Wort. Also schrieb ich es.

Unser Gespräch begann, indem mir Hirschmann das Schloßberg-Hotel seines Grazer Freundes Helmut Marko zeigte. Er benutzte die Lobby quasi als Büro und war wohl so etwas wie ein bester Freund des Hauses. Nachdem wir einige Zimmer und die Gärten hinten raus zum Schloßberg samt Swimmingpool besichtigt hatten, setzten wir uns unten in eine stille Ecke. Herbert Paierl war eingetroffen und ich wartete gespannt, was passieren würde.

Denn Hirschmann und Paierl, früher allerbeste Freunde, wie Brüder fast, hatten sich anlässlich Hirschmanns Ausscheiden aus der steirischen Landesregierung verkracht und seit Jahren kein Wort mehr gewechselt. Dieser Termin war meines Wissens der erste, der sie nach Jahren des Zwists und der Zerrüttung wieder zusammenführte. Alles konnte passieren – hatten wir es doch mit zwei impulsiven, charakterstarken Menschen zu tun. Doch beide hatten, unabhängig voneinander und unter der Voraussetzung, dass der jeweils andere auch wollen würde, dem Gespräch zugestimmt. Ich möchte mein eigenes Zutun nicht in ein Scheinwerferlicht stellen, dessen Grellheit es nicht verdient – aber ich habe damals als unbeteiligter Katalysator womöglich ein ganz klein wenig dazu beigetragen, dass die beiden ihre alte Freundschaft wiederfanden.

Denn die zwei verstanden sich von der ersten Zehntelsekunde an, als hätte es nie Streit gegeben. Paierl lümmelte entspannt auf der bequemen Couch des Hotels, Hirschmann fühlte sich in seiner Gesellschaft sichtlich wohl. Der Schmäh rannte sofort. Wir begannen das Interview mit der Frage nach ihrem Verhältnis zueinander. Ich wollte wissen:

Sind Sie jetzt Freunde, Feinde, oder wiedervereinigte Freunde?

Das wird doch hoffentlich kein Therapiegespräch?, fragte Hirschmann zurück.

Paierl haute sich ab, und als er wieder Luft hatte, sagte er:

Dazu ist nichts zu sagen.

Das Interview, in dem Hirschmann jenen Satz fallen ließ, der uns für den morgigen Wahlsonntag und die Zeit danach als Warnung gelten mag – nämlich eben jenen, dass der Wähler ein Trottel ist – schaffte es in der Folge nicht nur auf die Titelseite des Standard, weil Journalisten-Doyen Hans Rauscher es in seinem Einserkastl-Kommentar lustvoll zitierte. Hirschmanns Sager wurde zum Zitat der Woche in Kurier, Oberösterreichischen Nachrichten, Vorarlberger Nachrichten, News und so weiter. Damit hatte auch ich meine Freude. Sie können das ausgesprochen unterhaltsame Interview immer noch auf der Website des Format-Nachfolgemagazins „trend“ nachlesen, indem Sie hier klicken:

https://www.trend.at/politik/der-waehler-trottel-362004

Ich will nur noch zweierlei sagen: Rest in peace, lieber Gerhard Hirschmann! Sie waren im Sumpf der heimischen Innenpolitik, in diesem Fegefeuer der Eitelkeiten, Verlogenheiten, Übervorteilungen und Bösartigkeiten, immer einer meiner liebsten, weil menschlichsten und authentischsten Ansprechpartner bei der Recherche.

Und Sie, liebe Wählerinnen und Wähler – seien Sie bitte zweitens keine Trottel.

Gehen Sie daher morgen wählen, egal wen. Jedoch hielte ich es persönlich für durchaus sinnvoll, wenn Sie alle wählen, nur keine Neonazis, Zackzackzackler, Gartenzaun-Mauerbauer oder Spesenritter. Die hat unser Land, die haben wir alle – oder zumindest die meisten von uns – nicht verdient.

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