Die Erde in Davos

Man hat ja seine Kontakte.

Mir wurde dieses Transkript einer Rede zugespielt, die Film-Superstar Leonardo DiCaprio ganz offensichtlich soeben in kleinstem Rahmen und unter strengster Geheimhaltung beim Weltwirtschaftsforum in Davos gehalten hat. Mir ist zwar unklar, wie es dazu kam und warum, auch klingt die Sache ziemlich unglaublich und reichlich skurril, aber allem Anschein nach ist der Text authentisch und der Sachverhalt tatsächlich folgender:

Die Erde, unsere Erde, also: der Planet sah sich genötigt, zur Klima-Diskussion etwas zu sagen.

Natürlich ist klar, dass ein Planet nicht reden …, und wie soll das überhaupt funktionieren, jedenfalls, ich habe Ihnen ja gesagt: Die Sache ist sehr skurril. Es scheint aber so zu sein, dass die Erde sich erstens, aus welchen Gründen auch immer, Leonardo DiCaprio als ihre Stimme ausgesucht hat, und sie scheint ihm zweitens auch ein detailliert ausformuliertes Skript übermittelt zu haben, das er zu verlesen hatte. Eingeladen waren offensichtlich nur ausgesuchte Top-Manager, Spitzenpolitiker sowie NGO-Vertreter. Und Greta Thunberg natürlich. Das Ganze muss in einem kleinen Veranstaltungsraum eines unbekannten Davoser Hotels stattgefunden haben. Mehr an sachdienlichen Hinweisen gab mein Informant, mit dem ich zwecks Wahrung seines Inkognitos nur – mit Rufnummernunterdrückung – telefonieren konnte, mir nicht weiter, plus den Text der Rede natürlich.

Er berichtete mir, dass man die Angespanntheit der Anwesenden spüren konnte. Die geheimnisvolle Einladung, von der niemand wusste, wer sie ausgesprochen, gedruckt oder gar verteilt hatte, hatte für Spannung gesorgt. „Eine sensationelle Enthüllung“, hatte sie versprochen, gedruckt auf umweltfreundlichem Büttenpapier und jedem Einzelnen von einem Boten persönlich unter der Hotelzimmertür durchgeschoben.

Vor Ort hatte dann UNO-Generalsekretär António Guterres die Bühne betreten, tief Luft geholt und angekündigt, eigentlich den Schönsten der Schönen, den Besten der Guten, den Gefeiertsten der Gefeierten, als Redner zu diesem Anlass bevorzugt zu haben, George Clooney also, aber von im Dunkeln gebliebenen Vertretern der Erde eben Leonardo DiCaprio aufs Auge gedrückt bekommen zu haben.

Sorry, stotterte er mit verlegenem Grinsen zur Ecke der Bühne, wo tatsächlich DiCaprio stand und nicht wusste, ob er ebenfalls grinsen, gelangweilt abwinken oder einfach den Raum verlassen sollte.

Stattdessen betrat er die Bühne.

Mein Informant berichtet mir, dass ein Raunen durch die Sesselreihen ging und manche mittelalterlichen Gattinen anwesender Präsidenten sich mit einer leicht fahrigen Bewegung unbewusst an die Haare gefasst haben, um zu prüfen, ob die Frisur auch wirklich saß. Doch die echte Sensation war nicht die Anwesenheit des Filmstars – sondern das, was DiCaprio sagen würde: Nämlich, so kündigte Guterres mit vor Aufregung bebender Stimme an, würde dieser gleich ein Manifest verlesen, welches der UNO vor einer Woche aus unbekannter Quelle zugestellt worden war, und in dem niemand geringerer als die Erde selbst nun vor Vertretern der Staaten der Welt, von Konzernen und Umweltorganisationen, zum Klimawandel Stellung nehmen würde. Der UNO-Generalsekretär versicherte, man habe das Dokument sorgfältig geprüft und für echt befunden. Dann gab er die Bühne frei.

DiCaprio, schwarzer Anzug, weißes Hemd, schwarze Krawatte, stieg langsam die Stufen zum erhöht postierten Rednerpult hinauf, schüttelte sichtlich ergriffen Guterres´ Hand. Zuerst sah er von oben herunter Melania Trump an, die neben ihrem Gatten in der ersten Reihe Platz genommen hatte. Er zwinkerte ihr zu und mein Informant schwört, die First Lady habe zwar keine Mine verzogen, sei jedoch zart errötet. Dann sah DiCaprio den US-Präsidenten an, zwinkerte nicht, verfinsterte dafür den Blick und verdrehte die Augen mit einer unnachahmlichen Rollbewegung, die seine höchste Schauspielkunst demonstrierte, nach oben. Schließlich erlaubte er sich sogar noch ein kurzes, aufmunterndes Winken zu Greta Thunberg, die von den Verantwortlichen an den linken Rand der zehnten Reihe gesetzt worden war, dort kaum zu sehen war, und das Geschehen von ganz hinten beobachtete.

Dann begann DiCaprio zu sprechen, er sagte:

Vergessen Sie, dass ich hier stehe. Ich bin unwichtig. Ich spreche jedoch für unsere Erde und habe den Auftrag erhalten, Ihnen allen in ihrem Namen das Folgende auszurichten:

Es war mucksmäuschenstill im Saal.

 

Ich begrüße Sie, sagte DiCaprio, hiermit also im Namen der Erde. Die Erde teilt uns allen mit:

Ihr wundert euch sicher, dass ich, die Erde, mich direkt an euch wende. So etwas ist ja noch nie vorgekommen.

Aber ehrlich – ihr wollt es nicht anders. Dieses unendliche Gerede vom Klimawandel, ohne dass wirklich etwas getan wird. Diese dauernden Diskussionen. Und keiner will schuld sein. Da muss euch einfach einmal jemand die Leviten lesen. Und das bin dann jetzt eben ich.

Ihr werdet das wahrscheinlich nicht gerne hören, aber passt trotzdem gut auf:

Was auch immer ihr unternehmt, um das Klima zu retten oder ihm endgültig den Todesstoß zu versetzen, was immer ihr an sinnlosen oder sinnvollen Diskussionen dazu führt, wie heftig ihr auch über Erderwärmung, CO2-Ausstoß oder Umweltschutz streitet: Lügt euch nicht in den eigenen Sack. Behauptet nicht, ihr tut das für mich, die Erde. Ihr tut es nämlich nicht für mich. Ihr tut es ausschließlich für euch. Oder gegen euch, je nachdem.

Denn wisst ihr was? Mir ist das völlig egal.

Ob es euch gibt oder nicht, ist für mich ohne Belang. Ich bin schon ein paar Milliarden Jahre länger da als ihr. Und es wird mich auch noch ein paar Milliarden Jahre geben. Euch nur mehr ein paar tausend. Wenn ihr Glück habt. Wenn ihr Pech habt, nun ja. Jedenfalls kratzt es mich wenig, ob ihr an meiner Oberfläche herumspaziert oder nicht. Auch nicht, ob es da warm, heiß, oder meinetwegen kalt ist. Wenn ihr nicht mehr überleben könnt, weil ihr die Temperaturen hochgejagt habt, habe ich es immer noch kuschelig.

Schaut euch zum Beispiel meinen Nachbarn an, den Mars. Der ist, wie ihr vor einiger Zeit herausgefunden habt, heiß, trocken und staubig. Das war aber nicht immer so, wie ihr gerade dabei seid, herauszufinden. Und? Glaubt ihr, dass ihn das juckt? Trocken wie heute ist ihm genauso recht wie feucht wie früher. Mir geht es nicht anders.

Also hört auf, dauernd zu behaupten, ihr müsst das Klima retten. Müsst ihr nämlich nicht. Ihr müsst euch, und nur euch, retten.

Derzeit macht ihr dabei eine ziemlich lächerliche Figur. Ich kenne das Klima gut, wir spielen jede Woche einmal zusammen Poker. Verliere ich, darf das Klima mit seinem Hausbesorger, dem Wetter, an einem Ort seiner Wahl so richtig auf die Pauke hauen. Ihr merkt das zum Beispiel, wenn es wieder einmal irgendwo einen Wirbelsturm, eine Flutkatastrophe oder Ähnliches gibt. Dann scherzen wir gerne darüber, dass ihr euch beim Klimaschutz genauso ungeschickt anstellt wie ich mich leider beim Pokern.

Jedenfalls, glaubt es oder nicht, das Klima will gar nicht gerettet werden. Es ist Fatalist – ob es als staubiges, trockenes, heißes Klima um die Welt zieht oder als feuchtes, kaltes, nasses Klima, ist ihm völlig egal. Genauso egal wie es wie gesagt mir ist, ob ihr da seid oder nicht. Aber immerhin haben das Klima und ich in den Pokerpausen unseren Spaß mit euch, weil ihr eben so daneben seid, wenn es um euer Überleben geht.

So ungeschickt, dass ich euch eine Frage stellen muss: Seid ihr noch ganz dicht?

Wenn ihr überleben wollt, nehmt zur Kenntnis: Es hilft nichts, wenn jeder jammert, die Verantwortung auf andere schiebt und in einer Überreaktion sein Gewissen beruhigt, indem er nur mehr in Birkenstock-Sandalen herumläuft. Es wird Zeit, dass ihr erwachsen werdet. Verschafft euch einen besseeren Durchblick – und handelt danach.

Lasst euch von mir drei Dinge gesagt sein.

Erstens:

Ihr seid inzwischen schon ganz schön viele und ich habe nicht unbegrenzt Platz. Das macht das Thema Umwelt halt kompliziert. Aber andererseits ist es gar nicht so schlecht. Denn selbst wenn ihr – und da machen wir uns bitte nichts vor – nicht einmal ansatzweise auch nur so etwas Ähnliches wie die Krone der Schöpfung seid, gemeinsam seid ihr stark. Legt einfach das, was ihr könnt und wisst und habt, zusammen. „Pool your resources“, wie die Amerikaner so gerne sagen, die in Sachen Klima übrigens völlig hinüber …, aber lassen wir das lieber. Denn deren Chef, also der da drüben in der ersten Reihe rechts, der mit dem Meerschweinchen auf dem orangen Kopf, der so verträumt in die Luft schaut, der versteht es ja doch nicht. Jeder Einzelne, jede Einzelne: Hört jedenfalls bitte ab sofort auf zu meckern, und tragt stattdessen bei, ihr eben beitragen kann.

Und zwar ernsthaft – Birkenstock-Sandalen ausziehen und Hirn einschalten.

Und natürlich, ihr müsst mehr und besser verhüten. Denn ehrlich – als es mit euch angefangen hat, habe ich mir gedacht: Na gut, ein, zwei oder vielleicht drei Milliarden von denen. Das geht schon. Jetzt gibt es acht Milliarden von euch und ihr werdet immer mehr. Ich sage euch: Bei zehn ist Schluss. Dann streike ich. Also: Mehr und besser verhüten oder weniger vögeln, überlegt es euch.

Wobei – ersteres kommt mir sinnvoller vor. Pfeifft auf den Scheiß, den euch die Katholische Kirche verklickert, dass Verhütung böse ist und so weiter. Nur nebenbei – ich war damals ja live dabei: Diesen Typen, Jesus, den hat es wirklich gegeben, ein armer Fischer an sich, jedoch recht clever. Hat sich entwickelt, es letzten Endes dann aber doch nur zu einem stinknormalen Trickbetrüger gebracht. Das mit dem Wein und dem Wasser – ein simpler, aber durchaus wirkungsvoller Trick. Habe mich sehr gewundert, dass eure Vorfahren, diese Dumpfgummis, das damals alle für bare Münze genommen haben. Unglaublich, was sich im Laufe der zwei Jahrtausende daraus alles entwickelt hat. Jedenfalls, glaubt mir: Gott, Heiliger Geist, Paradies, Hölle, Teufel, Fegefeuer, all dieses Zeugs mit den vielen bescheuerten Regeln, Verboten, Drohungen und falschen Versprechungen, das gibt´s alles nicht. Reine Erfindung. Ihr könnt aufhören, euch zu fürchten oder auf irgendwas zu hoffen. Mein Rat daher: Vögelt ohne Ende und Ehe, was das Zeug hält, aber verhütet dabei.

Denn kurios, aber wahr jedenfalls: Je mehr ihr werdet, desto schneller sterbt ihr aus.

Zweitens:

Eben weil ihr so viele seid, hilft kleckern nicht mehr, Ihr müsst beim Umweltschutz rasch damit anfangen, zu klotzen. Glaubt aber nicht, dass das mit gutem Willen allein vom Wohnzimmer aus geht. Ihr werdet zweifellos viel Technologie brauchen, das Know-how und die Power der weltweiten Konzerne und Unternehmen. Also verklickert deren Chefs, sie sollen sich am Riemen reißen und endlich das Richtige tun, statt mit dem Falschen noch mehr Kohle zu machen. Ich bin ja nur die Erde und keine Ökonomin – aber:

Shareholder Value?

Ich kann diesen Blödsinn nicht mehr hören. Schickt die Chefs eurer Energiekonzerne, die Ressourcen aus mir heruas ziehen, endlich zum Teufel.

Also, Shareholder Value. Was für ein Value für welche Shareholder soll das denn sein, wenn es euch einmal nicht mehr gibt?

Arbeitet daher endlich daran, das Klima nicht zu retten, sondern es in eurem Sinn zu beeinflussen. Zurück zur Natur wird da nicht mehr funktionieren. Dazu seid ihr schon zu zahlreich, zu zerstörerisch gewesen, und auch zu rücksichtslos. Ihr habt in den vergangenen Jahrzehnten einfach zuviel Schaden angerichtet. Daher solltet ihr nicht mehr zulassen, dass die großen Konzerne die bereits erfundenen guten, modernen Technologien in Schubladen verstecken, weil sie ihre bestehenden Geschäftsmodelle konterkarieren. Zwingt sie, das alles rauszuholen und anzuwenden.

Außerdem drittens:

Ihr müsst, das kann ich euch leider nicht ersparen, schon auch ein wenig vernünftiger bei der Wahl eurer Vertreter sein. Sucht euch die Leute, von denen ihr euch regieren, repräsentieren und retten lassen wollt, bitte sorgfältiger aus. Von Menschen, die zum Beispiel zwischen Wetter und Klima nicht unterscheiden können, wie dieser Meerschweinchenmann, rate ich ab. Politiker, die Umweltschützer als Sektierer denunzieren, eh schon am Stock gehen und sich gerne Metallhütchen aufsetzen, gefallen mir auch nicht. Und wenn einer einen Urwald zu Hause hat, wie dieser andere komische Präsident auf meiner Südhalbkugel, sollte er ihn tunlichst nicht abholzen oder abbrennen lassen. Das gilt natürlich auch für diesen originellen Kohle-Fan ganz unten drüben. Kümmert euch darum und wählt diese Typen in Zukunft halt einfach nich mehrt.

Und so weiter.

Gut, das war´s eigentlich auch schon wieder.

Ich will euch mit meinen Ratschlägen nicht überfordern, ihr führt euch auch so schon hilflos genug auf. Ob wir uns in ein paar tausend Jahren noch einmal hören? Ich weiß es ehrlich gesagt nicht und fürchte fast ….

Aber ich würde euch die Daumen drücken, hätte ich welche. Denn eigentlich mag ich euch ja trotz all eurer Seltsamkeit ganz gern. Geheimnis jetzt: Ihr werdet mir womöglich sogar ein ganz klein wenig abgehen, wenn ihr einmal nicht mehr da seid. Vor allem mag ich diese zwei kleinen, lustigen Länder in Europa, die ihre Berge mit monströsen Transportanlagen zukleistern, damit ihre Leute dann auf ebenso monströsen Brettern bergab fahren können. In dem einen Land sitzt ihr ja gerade. Und das andere, naja. Das hat jetzt eine Regierung, die das Thema Klimaschutz anders angehen möchte, aber trotzdem alles gleich macht wie alle anderen, wenn sie einmal oben sind. Nicht unoriginell, für euch Menschen aber jedenfalls konkludent. Das unterhält mich. Und die Sprache dort ist auch so lustig, ich muss immer schmunzeln, wenn ich zuhöre. Das Klima haut sich auch jede Woche ab Ende nie, wenn ich ihm das Wort Oachkatzlschwoaf vorsage, und dann ist es kurz so abgelenkt, dass es beim Pokern nicht aufpasst und ich euch den nächsten Hurrican ersparen kann …

Also verabschiede mich bis auf weiteres auf gut österreichisch von euch:

 Baba. Und foits net!

 

Im Saal war es wieder völlig ruhig, sagt mein Informant. Der australische Premier Scott Morrison dachte an seinen nächsten Hawaii-Urlaub. Der brasilianische Staatschef Bolsonaro dachte an gar nichts. EZB-Chefin Christine Lagarde murmelte im Flüsterton ein „merde, vraiment fucking hot!“ vor sich hin und mein Informant glaubt, dass sie damit eher DiCaprio als das Weltklima gemeint haben könnte, aber er weiß es nicht genau. Angela Merkel hielt die Augen geschlossen und versuchte, blind die Spitzen der ausgestreckten Finder ihrer beiden Hände aneinander stoßen zu lassen. Donald Trump formte mit einer sorgfältigen Handbewegung die Welle in seinem Haupthaar neu, die unter der feuchtschwülen Luft im Saal gelitten hatte. Da wurde die Stille plötzlich unterbrochen durch Greta Thunberg, die während DiCaprios Erd-Rede still in sich hinein geschluchzt hatte. Sie war mit einer ruckartigen Bewegung aufgestanden, zeigte jetzt nach vorne auf Trump, und schrie:

How dare you! Lass gefälligst dein Meerschweinchen in Ruhe!

P.S. Bitte verzeihen Sie mir die handgestrickte Übersetzung, das Originalmanuskript war in Englisch – vermutlich aus Rücksicht auf DiCaprio. Und meine Sprachkenntnisse sind inzwischen ein bissl eingerostet, das rudimentäre Anglistik-Studium ist halt schon einige Zeit her. Doch ich glaube, das Wesentliche kriegt man mit, oder? Und ich finde, Sie sollten das alles wissen.

PPS. Das Foto der Erde ist von pixabay.

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