Happy Prepping

Es wird wohl als eines der großen Mysterien des sozialen Zusammenlebens in die Annalen der Coronakrise eingehen, ist diese erst einmal wieder vorbei: Warum wollen die Menschen ausgerechnet Klopapier zu Hause horten? Warum zum Teufel ist Klopapier neben Nudeln der begehrteste Artikel beim Hamsterkaufen?

Ich meine: Klopapier!

Nudeln, das verstehe ich. Obwohl selbst da zwei oder drei Packerln wahrscheinlich locker reichen und volle Einkaufswagen womöglich übertrieben sind, damit fütterst du schließlich eine ganze Großfamilie ein halbes Jahr durch. So lange wird sich das Virus nicht einmal halten, wenn wir seine Bekämpfung völlig in die Hände des Tiroler Gesundheitslandesrates legen. Meinetwegen wären auch Gulaschsuppen-Konserven okay. Wenngleich wirklich alle inzwischen eigentlich verstanden haben sollten, dass nichts von all dem ausgehen wird. Weder Nudeln noch Gulaschsuppen noch Toiletteartikel. Dass Supermärkte weiterhin gut bestückt sein werden.

Auch der Tiroler Gesundheitslandesrat wird vermutlich nicht zurücktreten, obwohl ich nach seinem jüngsten ZiB-2-Interview das Gefühl nicht los werde, das könnte womöglich die effizienteste Maßnahme im Kampf gegen Corona sein. Aber naja.

Klopapier also. Man kann wirklich nie genug davon haben.

Könnte ja sein, die Argumentation im gestressten Oberstübchen der vielen Hobby-Prepper funktioniert nach folgendem Muster: Coronavirus, das ist echt Scheiße. Und wie die Sache sich entwickelt, wird es immer mehr Scheiße. Wo viel Scheiße ist, braucht es aber eben auch: viel Klopapier. Also: kaufen.

Oder so ähnlich, man weiß ja nicht.

Was man weiters in Sachen Preppertum in den vergangenen Tagen so mitbekommen konnte:

In einem Straßeninterview mit einem TV-Sender in Wien erzählte ein Tourist frei heraus, viel könne ihm nicht passieren, er führe 30 Atemschutzmasken in seinem City-Rucksack mit.

Beim Spazierengehen am Sonntag (allein) am Grazer Rosenhügel sah ich einen älteren Herrn – in Lodenmantel und unter Gamsbarthut – der vor der Eingangstür eines Hauses stand und sich mit der Bewohnerin unterhielt. Die Tür war nur einen Spalt geöffnet, wohl wegen der Ansteckungsgefahr. Damit die beiden älteren Herrschaften sich trotzdem gut verstehen konnten, mussten sie laut reden und hatten ihre Köpfe jeweils dicht am Türspalt – er von draußen, sie von drinnen. Man versicherte einander, dass man derzeit niemandem die Hand schüttle, und stand sich dabei Aug in Aug und Mund zu Mund gegenüber, Abstand 30 Zentimeter. Die Tröpfcheninfektion wird ihren Spaß gehabt haben.

Heute beim Einkaufen verpackte am Supermarkt-Parkplatz ein Mann vier Kisten Bier in den Kofferraum seines Wagens – in Sachen Klopapierpreppen also eine Art Pendelbewegung gegen den Trend. Unnötig anzufügen, dass es sich nicht um die Marke Corona handelte. Gerüchteweise habe ich aber von einer Supermarktkette gehört, die Corona angeblich aus den Regalen nehmen lässt, um die Gefühle der Menschen nicht zu verletzen. Habe das allerdings nicht gecheckt, es könnte sich um Fake News handeln.

Obwohl ehrlich gesagt, wenn ich mir so ansehe, wie sich manche Menschen derzeit aufführen, bin ich fast geneigt zu glauben, dass …

Gut finde ich auch den freundlichen Bettler beim Spar ums Eck, der heute, Ausgangsbeschränkungen hin oder her, den ganzen Tag am Eingang stand und alle, die reingingen oder rauskamen, mit seiner eher feuchten Aussprache um Geld bat. Auf die Idee, ihn wegzuschicken (und ihm idealerweise seinen geschätzten Tagesumsatz, der nicht hoch sein kann, im Sinne der Volksgesundheit einfach zuzustecken, damit er geht), ist in der Spar-Belegschaft niemand gekommen. Bei den kontrollierenden Polizeistreifen, die über den Tag wohl sicher zwei-, dreimal am Markt vorbeigefahren sein mögen, war man vermutlich auch zu faul zum Anhalten und Aussteigen. Wahrscheinlich fällt der Mann aber sowieso unter den Passus „nicht aufschiebbare Berufsarbeit“.

Tapfer auch die Frau, die allen Spielplatzsperren heute mit Verve trotzte und mit ihrem Baby den Kinderspielplatz im Grazer Stadtpark frequentierte. Ebenso die gar nicht so wenigen Uromas und Uropas, die sich auf Parkbänken sonnten – auch zwischen Jugendlichen in kleinen Gruppen (von denen ich recht sicher bin, dass nicht alle Gruppierenden im selben Haushalt …). Obwohl sie zu ihrer eigenen Sicherheit, weil halt Hochrisikogruppe, lieber zu Hause bleiben sollten.

Besonders charmant in Sachen Preppen ihrer Bürger scheint mir aber die spanische Botschaft zu sein. Ich telefonierte für eine trend-Story mit der Sekretärin des Botschafters. Mit welchen Maßnahmen ihr Staat die Wirtschaft des Landes vor den Folgen der Coronakrise zu schützen plane, wollte ich wissen. Darüber habe man sich noch keine Gedanken machen können, antwortete sie, und ich möge das bitte verstehen. Es gebe derzeit halt so viel anderes zu tun. Außerdem habe man den Auftrag, den Informationsfluss in die entgegengesetzte Richtung zu lenken. Sie sei voll ausgelastet, ihrem Außenministerium in Madrid zu übermitteln, wie Österreich das handhabe. Daher könne sie mir umgekehrt leider nicht mit Infos dienen.

Caramba. Na dann. Happy Prepping alle miteinander! Isoliert euch, aber bleibt fröhlich. Wir sehen uns wieder, wenn alles vorbei ist.

 

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