Social Distancing

Ja, ich arbeite. Denn eigentlich, eigentlich hat sich bei mir gar nichts geändert.

Als freier Journalist steht dein Redaktionsschreibtisch ohnehin überall, nur nicht in einer Redaktion. Und Schreiben ist per se eine der einsamsten Tätigkeiten, die es gibt. Freie Journalisten, wenn sie nicht gerade recherchieren, sondern das Recherchierte niederschreiben, sind per Definition auf sich gestellt. Wer Bücher schreibt und keine Familie hat, ist überhaupt allein – und bleibt es auch. Social Distancing ist bei schreibenden Menschen das tägliche Brot eines Teils ihrer Arbeit. Das ist gar nicht so schön, jedenfalls anstrengend. Wann immer ich Freunden berichte, wie isoliert das Leben eines Schreibenden grundsätzlich sehr oft ist, bedauern sie mich höflich – verstehen tun die meisten aber nur Bahnhof. Und glauben tun sie mir die Einsamkeit erst recht nicht.

Jetzt aber merken plötzlich alle, wie das ist, von zu Hause zu arbeiten, wenn dort außer einem selbst niemand zu Hause ist.

Was plötzlich für Millionen Menschen im Land schockierenden Alltag darstellt und die Social Media mit schlauen oder auch weniger schlauen Tipps flutet, wie sich dieses Alleinsein auch allein bewältigen lässt, ändert für mich und einige Andere, die Schicksalsgenossen und Innen sind, genau überhaupt nichts. Null. Für uns ist das nämlich immer so.

Drei Dinge möchte ich Ihnen dazu erzählen, weil ja Zeit ist.

Zum einen: Ich hab eh noch Glück. Denn gerade jetzt, wo Corona uns in die Isolation zwingt, beschäftigt mich hauptsächlich der Job, als Ghostwriter die Memoiren eines Bauunternehmers zu verfassen, die irgendwann im Rest des Jahres als Buch erscheinen sollen. Ich würde also ohnehin allein an meinem Wohnzimmertisch in Graz oder auf meiner Terrasse in Mondsee sitzen, mit niemandem reden und pausenlos vor mich hin tippen. Egal, ob Virus oder nicht. Geht also eh so einigermaßen, weil es ghupft wie gsprungen ist.

Viel spannender jedoch, zweitens: Was man tut, wenn man plötzlich Zeit hat und genug Solitude herrscht, etwas zu tun, das man nicht täte, wohnte man nicht als Einer und hätte nicht Gesellschaft verboten bekommen.

Noch einmal Glück für mich: Genau jetzt läuft im Streaming die neue Star-Trek-Serie: „Picard“. Für uns große Buben, die wir damals mit der Enterprise und James T. Kirk aufgewachsen sind und dann später als junge Erwachsene die nächste Enterprise und Jean-Luc Picard bewundert haben – ich persönlich vor allem die sexy Schiffspsychologin der Enterprise D – erfüllt sich damit ein Traum. Nie hätte ich es gewagt, ihn als Wunsch zu artikulieren und nie hätte ich es für möglich gehalten: Der Captain aller Captains, der großartige Shakespeare-Darsteller und mittlerweile von der britischen Queen zum Ritter geschlagene Sir Patrick Stewart ist zurück in seiner Paraderolle als Sternenflotten-Kapitän – mittlerweile pensionierter Admiral sogar – der Sonderklasse.

Wenn das lebenslange Mitglied des Londoner Globe Theatre RP spricht – „Received Pronounciation“, also das richtig gute, richtig schöne Literaturenglisch – ich sage Ihnen: ein Genuss.

Ich sah den Mann sogar einmal live, um die Jahrtausendwende in New York off Broadway, im Stück „The ride down Mount Morgan“. Ich hatte ein Vermögen für mein Ticket gezahlt, saß ziemlich weit vorne und konnte es nicht fassen – nur wenige Meter vor mir, der Captain der Enterprise, der Retter der Galaxien, der vertrauenerweckendste Forscher aller Zeiten, der aufrechte Kämpfer für Anstand und Würde im Weltraum. Und er sprach ein so schönes Englisch, als wäre er nicht von dieser Welt. Sein Oh, Theodora! schmetterte er mit einer Inbrunst ins Publikum, es war zum Weinen schön. Ich zerknülle heute noch ein Tränchen der Rührung im Augenwinkel, wenn ich daran denke. Und jetzt ist er zurück in der TV-Show, die sogar seinen Namen (der Schauspieler und der Captain, sie sind halt einfach eins) trägt. Star Trek Picard. Danke CBS!

Die Storyline? Nun ja – besser zwar als es Star Trek jemals war, weil über weite Strecken nicht so kindisch, ein bissl mehr Charakter hinein gemixt, plus vorsichtig Mystery, mehr Tiefe und weniger banale Raumschiffschießerei. Aber richtig gut leider auch wieder nicht. Unglaublich, was die Serienschreiber da alles liegen lassen, das ginge viel, viel besser.

Doch kommen wir wieder zum Thema Social Distancing. Kommen wir zu drittens:

Weil so viel Zeit ist, habe ich einen speziellen Rhythmus entwickelt: Freitag pünktlich um null Uhr, wenn jede neue Episode gestreamt wird, bin ich im Original dabei. Habe mir sogar extra einen amazon-Account besorgt. Freitag am Nachmittag dann schaue ich mir das Ganze nochmals auf Deutsch an. Und übers Wochenende noch ein-, zweimal wieder auf Englisch. Ich bin ja sowieso zu Hause. Dabei habe ich Unglaubliches, jedenfalls aber Schräges entdeckt:

PicardIn Episode 7, wenn Picard die – ordentlich aufgespritzte und insgesamt schon recht überwutzelte  – Schiffspsychologin und deren Familie besucht, gibt es eine Einstellung, in der man in die Küche des Ehepaares Riker-Troi sieht. Im Hintergrund auf einer Ablage steht ein Behältnis für Besteck, das es – ehrlich jetzt – bei ikea zu kaufen gibt. Die Show spielt Ende des 24. Jahrhunderts und die Ausstatter waren sich nicht zu blöd, eine ikea-Blechschale von heute in der Deko zu verwenden. Naja. Ich habe in amerikanischen TV-Shows schon desöfteren ikea-Möbel gesehen – zum Beispiel das Rollelement unter meinem Schreibtisch als Nachtkastl in „The Big Bang Theory“ oder als kleinen Aktenschrank in „The Mentalist“. Aber ein ikea-Besteckbehälter im 24. Jahrhundert in der cabin in the woods des früheren ersten Offiziers und der Ex-Schiffspsychologin der Enterprise D auf dem fernen Planeten Nepenthe? Das geht schon ein wenig zu weit. Bin geschocker, als das Coronavirus mich je schocken könnte. Sehen Sie im CBS-Bild oben selbst.

Nur Sir Patrick versöhnt mich wieder mit der SciFi-Welt, denn: Er hatte die gloriose Idee, den Menschen das weltweite Corona-Social-Distancing zu versüßen, indem er auf seiner Facebook-Page ab sofort jeden Tag eines der 154 Shakespeare-Sonette zum Besten gibt.

Shakespeare, Sonett und Patrick Stewart – mehr Großartigkeit geht nicht für einen wie mich. Social Distancing ist voll super.

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