Von solchem Stoff sind wir

Wie das eben so ist – in einer Krise kommt das Edelste in uns zum Vorschein, aber auch die größten Idioten zeigen sich.

Man kann derzeit Beobachtungen der in der Bevölkerung latent vorhandenen suboptimalen Schwarmintelligenz machen, die man sonst nicht machen kann. Und die dem Beobachter den Schluss aufzwingt, dass, wenn schon tatsächlich so etwas wie eine Schwarmintelligenz existiert, auch eine Art Schwarmidiotie als Gegengewicht vorhanden sein muss. Corona bringt sie nun zum Vorschein.

Da sind einmal erstaunlich zahlreiche Mitglieder der Facebook-Gruppe „Amici delle SVS“, die sich in der Krise nun in „Die Amici“ umgetauft hat.

Es handelt sich dabei um mehr als zehntausend Einpersonenunternehmen, sogenannte EPU, die sich hauptsächlich damit beschäftigen, zu sempern und zu sudern, wie ungerecht sie als Wirtschaftstreibende in Österreich behandelt werden. Grundsätzlich zu Recht. Die im dichten Filz zwischen Wirtschafts- und Arbeiterkammer organisierte Verwaltung der heimischen Ökonomie züchtigt Unternehmer, die am Markt als Einer auftreten, tatsächlich mit fiskalischen, ordnungstechnischen, sozialversicherungsrechtlichen und sonstigen Peitschenhieben sonder Zahl. Eine Schande.

Doch darum geht es jetzt nicht. Ich habe für diverse trend- und Format-Geschichten in der Vergangenheit schon öfters im Kreise der Amici recherchiert und mir dabei immer gedacht, dass es in dieser Gruppe wohl so einige geben dürfte, die an hausgemachten Problemen scheitern, denen bereits durchschnittlich intelligente Menschen gar nicht begegnen. Oder wenn doch, fallen sie ihnen nicht als Probleme auf, weil sie gar nie ins Stadium der Lösungsnotwendigkeit vordringen können. Bei den Amici – frage nicht. Unglaublich, wie viele der Freunde dort an banalsten Aufgabenstellungen scheitern.

Dieser Tage zum Beispiel fällt mir auf: Kaum ein Amico oder eine Amica kommt mit den eh einigermaßen simplen Formularen des Härtefonds der Bundesregierung zurecht. Da werden Fragen an die Gruppe gestellt, für die ich mich in Grund und Boden schämen würde. Und Antworten gegeben, für die: ebenfalls. Am unglaublichsten scheint mir aber, dass nur sehr wenige der amikalen Nichtauskenner zwischen einer eingetrockneten Suppe, einer nicht gepolsterten Rücksitzbank eines Automobils (jeweils: Härtefond) und dem finanziellen Hilfstopf der Regierung (eben Härtefonds) unterscheiden können. Wie sollen die es nach der Krise schaffen? Und wie um Himmels Willen haben sie es bis zur Krise geschafft? Wenn schon die einfache Rechtschreibung eine unüberwindliche Hürde darstellt.

Doch die Schwarmidiotie tritt in Zeiten wie diesen in vielfältiger Verkleidung auf.

In der Steiermark feierte ein FPÖ-Landtagsabgeordneter (warum bloß überrascht mich das nicht?) in seinem – eigentlich geschlossenen – Tennisklub mit Freunden eine Corona-Bierparty. Von der Polizei erwischen ließ er sich auch noch, man war einfach ein wenig zu feuchtfröhlich und laut. Eine andere FPÖ-Politikerin hat angeblich über Social Media dazu aufgefordert, kollektiv in möglichst großer Zahl zu meditieren, weil man so genug Energie freisetzen könne, um dem Virus den Garaus zu machen. Oder so. Ich weiß es nicht genau. Aber ich will es auch gar nicht wissen.

In meiner Nachbarschaft hat sich ein Student dieses eh nette öffentliche 18-Uhr-Musizieren zum persönlichen Anliegen hochstilisiert, aber er hat da wohl was falsch verstanden. Pünktlich öffnet er jeden Tag sein Fenster und diffundiert lautes Getrommel in den Straßenzug. Nicht, dass er selbst trommelt. Man erkennt an der Klangfarbe deutlich, dass die ohrenbetäubende Trommelei vom Band kommen muss. Und an ihrer Qualität erkennt man ebenso deutlich, dass es kein Profi ist, der da trommelt. Wahrscheinlich hat der junge Mann sich zeitgerecht selbst aufgenommen und jetzt spielt er das täglich ab.

Da wir gerade von Musik reden, die vom Band kommt:

Ich frage mich schon, ob die Wiener Polizei, die tagelang „I am from Austria“ des Austro-Poppers Fendrich via Polizeiautolautsprecher in die Straßen der Stadt schwappte, dafür ordnungsgemäß AKM-Gebühr bezahlt hat. So sieht es nämlich das Gesetz vor. Und ob die Austro Mechana, die für die Einhebung zuständig ist, das genauso gnadenlos exekutiert, wie sie es bei jedem kleinen Wirt tut, der in seinem Schanigarten vergessen hat, das Radio auszumachen. Wäre natürlich auch interessant zu wissen, wieviel Kohle die Tantiemen aus der polizeilichen Beschallung dem Musiker Fendrich einbringen. Und nett wäre es, würde man wissen, ob er diesen zusätzlichen Obulus aus seiner Krisengewinnlerschaft den vielen kleinen, unbekannten Musikern, Künstlern und Innen spendet, die jetzt plötzlich ohne Einkommen dastehen.

Antwort auf alle drei Fragen, vermute ich: wohl eher nein.

Ich trage übrigens selbst auch meinen Teil zur Schwarmidiotie der Bevölkerung bei. Weil ich jedoch ein vergleichsweise rücksichtsvoller Mensch bin, belästige ich meine Mitbürger und Innen damit nicht – denn eine Belästigung wäre es allemal. Ich habe mir angewöhnt, an jedem Tag der Ausgangsbeschränkungen mir selbst ein Sonett oder einige Verse aus einem Drama von Shakespeare vorzulesen. Vor der Mac-Book-Kamera. Meine Englisch-Aussprache ist allerdings auf das Dilettantentum eines zweijährigen – also vorzeitig abgebrochenen – Anglistikstudiums beschränkt. Keine schöne Sache daher, ein bissl idiotisch wohl. Aber nur Mut, Sie werden´s eh nie hören, ich bin ja nicht der Student aus einem der Nachbarhäuser.

Schönes Nebenprodukt dieser Leserei allerdings: Ich habe einen neuen Lieblingsvers für mich gewonnen. Der alte, langgediente, stammte noch von der deutschen Alltagsliteratin Judith Holofernes, der Sängerin der famosen Band „Wir sind Helden“, und lautete:

Die Zeit heilt alle Wunder.

Der neue kommt also nun von Shakespeare, er ist aus dessen letztem Drama „The Tempest“ entliehen. Vierter Akt, erste Szene – der Zauberer Prospero erklärt seiner Tochter, so ein bissl halt, dieses ganze Dingsbums vom Leben, vom Sterben, und überhaupt. Am Ende sagt er:

We are such stuff as dreams are made on, and our little life is rounded with a sleep.

Mein Hinterbänkler-Englisch reicht immerhin gerade noch für eine persönliche Übersetzung – und was ich beim Googeln im Web so gesehen habe, gestatten Sie mir diese maßlose Selbstüberschätzung: Die ist tendenziell besser als jene der meisten Profis.

Wir sind von solchem Stoff, wie es auch Träume sind, und unser kleines Leben beginnt und schließt mit einem Schlaf.

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