Entwinterungsfahrt 20

Ungewöhnliche Zeiten verlangen nach ungewöhnlichen Maßnahmen. Also bekämpfe ich das Virus mit Literatur.

Inspiriert von Sir Patrick Stewart, dem besten Shakespeare-Darsteller aller Zeiten und dem besten Raumschiffkapitän sowieso – was etwas heißen will, wo wir auf der Erde doch noch gar nie so etwas wie ein Raumschiff hatten – lese ich mir selbst jeden Tag vor der MacBook-Kamera ein Shakespeare-Sonett vor. Oder den Monolog einer seiner Figuren aus einem Drama. Prospero aus „The Tempest“ habe ich zum Beispiel teilweise schon recht gut drauf. Nicht so gut wie die geniale Helen Mirren im Film natürlich, aber immerhin. Ich kann inzwischen sogar ein bissl was auswendig. In ein paar Jahren dann, wenn alles vorbei – oder längst Alltag geworden – ist, werde ich mir das ansehen und wehmütig zurück an die Zeiten denken, als die ganze Welt in Richtung Idiotie degenerierte und seltsame Dinge zu tun begann, weil ein deppertes Virus alles und alle in Fesseln legte.

Doch davon erzähle ich Ihnen an dieser Stelle nicht, wahrscheinlich haben eh auch Sie selbst zu Hause schon Klopapier en masse gebunkert, reden mit Ihren Wohnzimmermöbeln und tun insgesamt Dinge, die Ihnen in vor-Corona-Zeiten eher eigenartig vorgekommen wären.

Ich erzähle Ihnen stattdessen davon, wie praktisch sich meine neuen Shakespeare-Kenntnisse bei der heurigen Entwinterungsfahrt des Soulredsummerfeelingautos anwenden ließen. An sich natürlich war die Unternehmung, die ich vergangenes Wochenende durchführte, ein wenig illegal. Weil ja Ausgangssperre und so weiter. Da müsstest du einem Polizisten, hielte er dich denn an, erst einmal erklären, warum Spazierfahrt vom Mondsee nach Graz.

Aber mir war das egal, ein bissl – selbstverständlich solitäres – Vergnügen in der Ausgangssperreneinsamkeit eines als Einer Wohnenden braucht es einfach.

Ich begrüßte das Soulredsummerfeelingauto wie einen alten Freund, als ich mein grünes Mondseer Garagentor nach oben wuchtete und dessen verhaltenes, nur ein wenig eingerostetes Quietschen vernahm, die Akquisition eines milden Winters. Wie immer startete das kleine Motörchen ohne jedes Zögern und mit einem tapferen Pfauchen in den Frühling, die japanischen Sound-Designer haben da wirklich gute Arbeit geleistet.

Wir fahren heute nach Graz, mein Freund, sagte ich dem Mazda.

Selbstverständlich war ich mir der Tatsache bewusst, dass es etwas gaga rüberkommt, wenn man mit seinem Auto redet, als wäre man David Hasselhoff und in den 1970er-Jahren gefangen – als die kindisch bis schwachsinnige US-Serie „Knight Rider“ im TV lief, welche darauf basierte, dass einer mit seinem Wagen spricht. Doch Sie wissen schon: Corona, Isolation, Einsamkeit. Ich war wirklich froh, jetzt wenigstens das Soulredsummerfeelingauto zum Reden zu haben. Ich würde ihm während der kommenden zweieinhalb Stunden von meinen frisch antrainierten Shakespeare-Fähigkeiten berichten, hatte ich mir vorgenommen.

Ye elves of hills, brooks, standing lakes and groves…,

deklamierte ich daher, als wir den Mondsee im Rückspiegel entschwinden sahen, diesen wunderschönen standing lake, und durch die lauschigen groves des Hügels Scharfling mit seinen verschwiegenen Bächlein, brooks also, hinüber zum Wolfgangsee fuhren. Auf der anderen Seite, beim Bergabfahren, lupfte ich vor einer lauen Kurve kurz das Gas, und der sounddesignte Mazda antwortete mit einem bemühten Splotzen und Knattern, dass es eine rechte Freude war, und ich gab wieder Gas, worauf der Motor aufröhrte.

And to the dread rattling thunder have I given fire!,

rief ich hinter dem Lenkrad und hatte, wie nach jedem grauen Winter voller Diesel-Stadtfahrten mit einem braven Altherrenauto, eine richtig große Freude, jetzt wieder das Soulredsummerfeelingauto bewegen zu können. Kurz hatte ich ja heuer zu Jahresbeginn überlegt, dass es wegen der anhaltenden Krise in der Medienbranche, der dramatisch schmelzenden Schreibaufträge und daher sinkenden Honorarumsätze, für einen freien Journalisten – nämlich mich – wohl nicht anders kommen können würde, als den kleinen Mazda zähneknirschend verkaufen zu müssen. Weil: den Horizont herauf dräuende Armut und so weiter.

Doch wissen Sie was?

Eh wurscht. Habe ich kein Geld mehr, esse ich halt einfach weniger, mein stattliches Bäuchlein gibt locker einige Monate Hungersnot her, bevor es dann wirklich ernst wird. Und dann werden wir schon schauen, was wir sehen. Ich mag das Soulredsummerfeelingauto einfach zu gern, um es zu verkaufen, solange doch noch der eine oder andere versprengte Rest-Euro im Börserl herumlungert. Was man liebt, zu dem hat man zu stehen, egal wie schwer die Zeiten auch sein mögen.

Denn schließlich:

Love is not love which alters when it alteration finds, or bends with the remover to remove – oh no, it is an ever fixed mark that looks on tempests an is never shaken.

Diese Liebe wollte ich dem Soulredsummerfeelingauto nun, unterwegs mitten im Salzkammergut, auch gestehen. Dort, wo es angebracht ist, Liebesschwüre abzuliefern, also im wunderbaren Ausseerland, hielt ich an einer besonders schönen Stelle am Straßenrand, zur Rechten den Dachsteingletscher, zur Linken den würdevollen Herrn Loser. Ich stieg aus, stellte mich vors Auto und legte los:

Shall I compare thee to a summer´s day?, fragte ich und legte einen veritablen Monolog hin:

Thou art more lovely and more temperate. Rough winds do shake the darling buds of may, and summer´s lease hath all to short a date. Sometimes too hot the eye of heaven shines, and often ist his gold complexion dimmed, and every fair from fair sometime declines by chance or nature´s changing course untrimmed.

But thy eternal summer, schmeichelte ich dem Soulredsummerfeelingauto weiter, shall not fade, nor lose posession of the fair thou owest …

Ich wollte das Sonett, Shakespeares achtzehntes, noch zu Ende bringen, aber der Mazda knisterte und knackste gelangweilt mit seinem Motor. Ich verstand – er wollte lieber bewegt werden statt schmalzige Verse aus vergangenen Jahrhunderten zu hören.

Na schön, murmelte ich, du hast jetzt ohnehin einen langen Winterschlaf hinter dir, der nächste kommt bestimmt, also nutzen wir das kurze Sommerhalbjahr und lassen dich auf die Pauke hauen.

Ich stieg wieder ein, gab Gas und dem kleinen Mazda im Beschleunigen doch noch ein letztes Alzerl Shakespeare in seinen kurzen Sommer mit, der möglicherweise ohnehin sehr coronareduziert ablaufen wird:

We are such stuff as dreams are made on, and our little life is rounded with a sleep.

Das Soulresummerfeelingauto verstand, dem Sommer nach dem Winterschlaf würde neues Eingesperrtsein in der Garage folgen.

Also galt es, die Zeit zu nützen. Der Wagen röhrte fröhlich zwischen Bad Mitterndorf und dem Grimming hindurch der italienischsten aller österreichischen Städte entgegen, Graz nämlich, wo er jetzt ein paar Tage wohnen wird, bevor es wieder zurück nach Mondsee geht, wo der ausgangsbeschränkte Alltag dann fortschreiten wird und wo ich auf meiner Terrasse über dem See sitzen und weiter Shakespeare lernen werde. Während der kleine, soulredrote Mazda unten vor dem Haus vor sich hin chillen darf.

Bis der nächste Winter kommt, dann gilt für ihn wieder:

I´ll break my staff, bury it certain fathoms in the earth, and deeper than did ever plummet sound I´ll drown my book.

 

 

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