Made in Schweden

Vor ein paar Tagen schrieb ich hier im Blog, es werde sich womöglich niemals herausstellen, ob zum Beispiel der schwedische Weg bei der Bewältigung der Coronakrise besser als der österreichische ist.

Einige Kommentatoren haben das gründlich missverstanden und glauben, ich sei für den schwedischen Weg (Sie können das in den Kommentaren zum Blogpost vom 18. April nachlesen). Zur Klarstellung: Ich trete hier für oder gegen gar keinen Weg ein und weiß auch keinen besseren. Journalisten haben die Aufgabe, Sachverhalte zu beschreiben, zu kritisieren (im Positiven wie im Negativen) sowie zu bewerten – und nicht, selbst Sachverhalte zu entwickeln.

Dass die Schweden einen anderen Weg als die meisten Staaten der Welt gewählt haben, ist aber zumindest interessant und daher betrachtungswürdig. Sie fahren ihr Land nicht vollständig, sondern nur in Teilbereichen herunter und setzen auf die „Herdenimmunität“. Sehen wir uns diesen Weg doch einfach einmal an und versuchen dann, Schlüsse daraus zu ziehen:

Räumen wir dazu gleich mit dem größten Missverständnis auf, dem hier in Österreich viele Menschen aufzusitzen scheinen: Es ist nicht so, dass die Schweden ohne Beschränkungen auskommen, ganz im Gegenteil. In Schweden gilt für das soziale Miteinander im Prinzip das, was auch in Österreich gilt – möglichst wenig Sozialkontakte, Abstand halten, zu Hause bleiben. Der große Unterschied: Die schwedische Regierung schätzt ihre Bürger als mündig genug ein, sich freiwillig daran zu halten. Es gibt keinen Zwang.

Das ist zweifellos ein erwachsener Zugang für eine entwickelte Demokratie. Bevormundung, Kontrolle und Vorschriften bis in kleinste Lebensumstände hinein gehören eher zum Handwerkszeug diktatorisch organisierter Staaten.

(Wie die Coronakrise nun gezeigt hat, scheinen übrigens auch bei uns in Österreich die Menschen in ihrer großen Gesamtheit und von Ausnahmen abgesehen mündig und vernünftig genug zu sein, ohnehin freiwillig das zu tun, wovon die Regierung glaubt, es ihnen per Zwang vorschreiben zu müssen: Abstand halten, im Zweifelsfall zu Hause bleiben, Schutzmasken tragen, Ältere beschützen.)

Die Schweden machen es also gar nicht so viel anders als die Österreicher, kommen dabei aber eben ohne Vorschriften aus.

Es gibt folglich auch keinen Lockdown wie bei uns. Obwohl – soweit man das quantifizieren kann – immerhin an die 50 Prozent der Schweden derzeit im Home Office arbeiten dürften. Der Vorteil: Die Wirtschaft ist nicht so komplett lahmgelegt wie hierzulande und weitreichende, langfristige Schäden für die Ökonomie des Landes werden vermutlich ausbleiben. Und damit wohl auch Schäden, die sich mittel- und langfristig negativ auf das Zusammenleben der Bevölkerung auswirken.

Die Schweden könnten sich auf diese Weise einen guten Teil des immensen finanziellen Aufwandes sparen, den ein Lockdown verursacht. In Österreich werden das, sagt unsere Regierung, zumindest 38 Milliarden Euro sein – zehn davon seien bereits ausgegeben. (Wobei unser Finanzminister die Angabe immer noch ein wenig schuldig ist, wofür im Detail genau.)

Problem für die Zukunft: Ein hoch verschuldetes Land kann, nur zum Beispiel, weniger in sein Gesundheitssystem investieren als eines, das ökonomisch erstklassig dasteht.

Nehmen Sie Italien: Ein wesentlicher Grund für die vielen Corona-Todesfälle ist dort unter anderem auch, dass das Gesundheitssystem schlecht ausgestattet ist, wenig Intensivbetten zur Verfügung stehen, und dass die Versorgung alter Menschen etwa in Pflegeheimen nicht besonders vorbildlich funktioniert. Besseres könnte sich Italien auch gar nicht leisten – das Land zählt mit einer Schuldenquote von über 132 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (eine Zahl aus 2018) zu den höchstverschuldeten Staaten der Welt. Nach Corona wird die Schuldenquote dramatisch höher sein.

Worauf die Schweden besonders hoffen und was wir hier in Österreich beim Vergleich oft vergessen: Selbst wenn die Coronakrise in ihrem Land dank nicht so rigider Maßnahmen kurzfristig stärker und mit mehr Toten zuschlagen sollte – langfristig könnten sie glimpflicher davon kommen als die meisten anderen Staaten: Deutlich mehr Schweden als Bürger in anderen Ländern werden sich infizieren. Die meisten davon werden wohl nur milde Symptome entwickeln oder gar nicht krank sein – aber dafür dann immun gegen das Virus. Das ist die Herdenimmunität, die es zum Beispiel in Österreich wegen unseres Weges so nicht geben kann. Sollte später eine zweite oder dritte Infektionswelle rollen, könnte Schweden weitgehend unbetroffen bleiben.

Diese zweite und dritte Infektionswelle:

Sie wird wohl kommen, vermuten die Schweden, sobald die Beschränkungen international gelockert sind und wieder ein wenig Reiseverkehr möglich ist. Weil das Coronavirus dann wieder international unterwegs sein und von außen in Länder hineingetragen werden kann, die durch rigorose Beschränkungen sehr gut durch die erste Welle gekommen sind – wie Österreich. Dort gibt es dann aber in der Bevölkerung keine flächendeckende Immunität und die Gefahr ist groß, dass alles wieder von vorne beginnt, inklusive Todesfälle und Lockdown. Wenn der schwedische Weg aufgeht, könnte man dort langfristig mit weniger Todesfällen durchkommen und eine im Großen und Ganzen immer noch funktionierende Wirtschaft zur Verfügung haben.

Wie gesagt: Es könnte so kommen, muss es aber natürlich nicht. Sollte es bald einen Impfstoff geben, haben die Schweden vielleicht auf das falsche Pferd gesetzt. Wir wissen es derzeit einfach nicht. (Aktuell wird einer österreichischen Studie nach weltweit an 155 Medikamenten und 79 Impfstoffen gegen Corona gearbeitet.)

Doch wie sehen die schwedischen Coronazahlen nun eigentlich wirklich aus?

Es gibt derzeit – Stand 21. April – 14.777 Erkrankungen und 550 Genesene, dazu 1.580 Todesfälle. Das ist bei einer Bevölkerung von 10,23 Millionen in der Relation ähnlich beziehungsweise – bei den Todesfällen – klar schlechter als in Österreich (14.782 Erkrankte, 10.631 Genesene, 470 Todesfälle bei 8,9 Millionen Einwohnern). Aber es ist keinesfalls um Hausecken schlechter. Man muss dazu beachten, dass in Schweden der Höhepunkt eher noch bevorstehen könnte. Die höhere Zahl der Todesfälle erklärt sich womöglich auch aus der Tatsache, dass über 20 Prozent der Bevölkerung 65 Jahre oder älter sind, also zur Risikogruppe gehören. In Österreich sind es mit rund 18 Prozent etwas weniger.

Ein Wort auch zur geringen Bevölkerungsdichte in Schweden – laut Wikipedia 23 Einwohner pro Quadratkilometer. In Österreich sind es laut Statista 101 Einwohner pro Quadratkilometer. Es ist verführerisch zu glauben, die Ähnlichkeit der schwedischen Corona-Zahlen belege angesichts der viel geringeren Bevölkerungsdichte und damit verbunden der weit geringeren Ansteckungsgefahr, dass die Lage in Schweden in Wahrheit viel schlimmer sei als in Österreich.

Dem ist nicht so: Die durchschnittliche Bevölkerungsdichte eines Landes ist nur eine technische Betrachtungsgröße ohne viel Aussagekraft. Fast 90 Prozent der Schweden leben im südlichen Drittel ihres Landes, während in den nördlichen zwei Dritteln weite Landstriche unbewohnt sind. Die Bevölkerungsdichte im Süden ist durchaus vergleichbar mit Österreich. Anders gesagt: Im schwedischen Süden, wo ähnlich viele Menschen leben wie in Österreich und auch ähnlich eng aufeinander kleben, sind ähnlich viele Menschen krank wie in Österreich. Im schwedischen Norden ist fast überhaupt niemand krank.

Das alles lässt jedenfalls den Schluss zu, dass Schweden – wenn es tatsächlich eine zweite und dritte Infektionswelle geben sollte, bis ein Impfstoff und ein wirksames Medikament gefunden sind – mittelfristig besser aus der Coronakrise aussteigen könnte als unser Land. Und das mit einer weiterhin funktionierenden Wirtschaft. In diesen Vergleich noch nicht einbezogen sind jene Schäden, die ein so vollständiger Lockdown wie der österreichische mit der Einschränkung von Grundrechten in einer Gesellschaft anrichtet.

Die wichtigsten Fragen dazu:

  • Was bedeutet es volkswirtschaftlich und für die psychische Gesundheit in der Zukunft eines Landes, wenn ein ganzer Jahrgang an Kindern und Jugendlichen ein halbes Jahr lang von effizienter Bildung ausgeschlossen wird?
  • Welche Schäden richtet es bei Kleinkindern an, wenn sie über Wochen oder gar Monate eingesperrt und von Freunden und nahen Verwandten isoliert werden?
  • Was verliert ein Land, wenn Studenten ihre Ausbildung letztendlich ein Jahr später abschließen können?
  • Was kostet es eine Gesellschaft, wenn künftig finanzielle Mittel für das Zusammenleben fehlen, weil 38 Milliarden an zusätzlichen Schulden zurückgezahlt werden müssen?
  • Wenn hunderttausende Menschen arbeitslos geworden oder zigtausende Einpersonenunternehmen in Konkurs gegangen sind, weil die Regierung einen Lockdown verfügt hat – was heißt das für unser Sozialsystem in den kommenden Jahren?
  • Vor allem: Was bedeutet es für unser demokratisches Grundverständnis und den Reifegrad unserer Demokratie, wenn die Regierung einmal gelernt hat, wie leicht sich die Bevölkerung Grundrechtsentzug, behördliche Überwachung und polizeiliche Kontrolle aufschwatzen lässt?

Das wissen wir alles noch nicht.

Und wir wissen natürlich auch noch nicht, welche – und ob unterschiedliche – Antworten auf diese Fragen sich die Schweden mit ihrem sanfteren Weg einmal geben werden. Wie viele Kranke und Tote es dort nach zwei oder drei Infektionswellen tatsächlich gegeben haben wird – und wie viele bei uns.

Zum Schluss noch einmal zur Klarstellung: Ich weiß nicht, ob Schweden es besser oder schlechter macht als Österreich.

Ich sehe jedoch, dass sich auch Virologen und Epidemologen bei der Beantwortung dieser Frage uneins sind. Ich kann beobachten, dass es in Schweden in Zusammenhang mit Corona keine Bürger-Grundrechtsverletzungen durch die Regierung gibt. Daher bin ich überzeugt, dass einige jener Zwangsmaßnahmen, die die österreichische Regierung setzt, aus rechtsstaatlicher und demokratiepolitischer Sicht in höchstem Maße hinterfragenswert sind. Das ist mein Hauptkritikpunkt an unserer Regierung. Viele ihrer anderen Maßnahmen halte ich weitestgehend für sinnvoll – hätte es aber lieber, würde es sich um Vorschläge statt Vorschriften handeln.

Im Übrigen bin ich der Überzeugung – und befeuere diese Überzeugung mit den persönlichen Erfahrungen meiner mehrjährigen Arbeit als Innenpolitik-Redakteur eines großen Nachrichtenmagazins – dass man ausführlich nachdenken sollte, bevor man einer von Sebastian Kurz geführten Regierung in Sachen Redlichkeit jenes Grundvertrauen entgegenzubringen bereit ist, das es in einem gesunden Verhältnis zwischen Staatsbürger und Regierung eigentlich braucht.

3 Gedanken zu “Made in Schweden

  1. Sehr kluge Überlegungen, denen ich zu 100% zustimmen kann!
    Danke herzlich dafür sehr geehrter Herr Puchleitner und ich freue mich bereits jetzt auf weitere interessante Gedanken;)
    LG aus Salzburg.
    SOS

  2. Danke! So sehe ich das auch!
    Das Problem ist, dass ich es zur Zeit nicht schaffe, zu irgendeiner Partei in Österreich ein Grundvertrauen aufzubauen. Verloren gegangen ist dieses Grundvertrauen gänzlich seit den letzten beiden Nationalratswahlen und der letzten Europawahl. Jedes Politikerinterview zur Zeit, egal ob von Regierung oder Opposition, egal ob in Radio oder TV muss ich abdrehen, weil ich es einfach nicht mehr hören kann. Und daran ist nicht alleine Corona schuld.
    Lg

  3. Zwei Überlegungen zu Deinen Ausführungen:
    1. Österreich ist keine Insel. Die Einschränkungen der Bürger-Grundrechte sind keine Erfindung der österreichischen Bundesregierung alleine. Ähnliche Maßnahmen und Diskussionen, nahezu wortidente Stellungnahmen von Politikerinnen und Politikern gibt es in Deutschland, der Schweiz, Tschechien, Slowakei, Frankreich, Belgien, natürlich in Italien, letztendlich auch in Großbritannien. Es nützt also nichts, die Wirtschaft wieder „hochzufahren“, wenn das alle Staaten rund um uns nicht tun. Beispiel: In Parndorf blieben die offenen Geschäfte leer, weil Ungarn und Slowaken nicht nach Österreich zum Einkaufen kommen (können). Je schlechter unsere Gesundheitsstatistik ist, desto länger wird es Einreisebeschränkungen nach Österreich geben. Es nützt nichts, wenn unsere Hotels aufgesperrt werden, solange außer der einheimischen Bevölkerung hier niemand Urlaub machen kann. Wir sind also zumindest von der europaweiten Entwicklung abhängig.

    2. Wenn von den Schäden des Lockdowns für die österreichische Wirtschaft die Rede ist, dann müsste man auch jene Folgeschäden berechnen, die durch das zu späte Schließen von Wirtschaftsbetrieben in Österreich entstanden sind. In österreichischen Medien wird immer davon geschrieben, wie toll „wir“ die Bewältigung der Corona-Krise gemeistert hätten. In deutschen bzw europäischen Medien liest sich das ganz anders. Dort gilt die Region um Ischgl so wie Nord-Italien als der Hotspot der Virenverbreitung. Ob Gäste aus Deutschland oder Skandinavien angesichts dessen so schnell wieder nach Tirol auf Urlaub fahren, darf zumindest in Zweifel gezogen werden.

    Fazit: Wie auch immer die österreichische Regierung Entscheidungen fällt: In 90 Prozent der Fälle wird es Schäden geben, die man bestenfalls im Nachhinein gegeneinander aufrechnen kann. Das ändert nichts an den Bedenken über die Einschränkung von Bürgerrechten. Man kann das jedoch nicht der österreichischen Bundesregierung alleine anlasten. Dazu kommt: Das Wetter von gestern kann jeder vorhersagen. Viel größere Sorgen bereitet mir diese nationale Stimmung in Österreich. Dieses „Wir sind besser als die anderen Staaten“, das die Bundesregierung unermüdlich verbreitet und das in der Bevölkerung leider auf fruchtbaren Boden fällt. In Österreich und nicht nur hier entsteht eine Stimmung gegen die EU, die es künftig umso schwieriger macht, ein handlungsfähiges Europa zu gestalten. Diese Schäden sind auch nach dem Ende der Corona-Krise nur mehr schwer in den Griff zu bekommen, obwohl davon die Erholung unserer Wirtschaft maßgebend abhängig ist.

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