Das Glückskind

Tourism Ireland Germany hat ein buntes Autoren-Quartett – Adrienne Friedlaender, Bernadette Olderdissen, Stefan Nink und mich – mit dem Schreiben einer Erzählung über den Irland-Roadtrip des erfundenen deutschen Pärchens Marie und Moritz beauftragt. Zwölf Episoden lang sind beide auf der grünen Insel unterwegs, jeder Autor schreibt abwechselnd eine Episode, untereinander abstimmen dürfen wir uns nicht. Alle machen jeweils dort weiter, wo der Vorgänger / die Vorgängerin aufgehört hat. Hier nun Episode 5 aus meiner Tastatur (mit ein paar kleinen Änderungen zum originalen Text, der online steht – eine Art Director´s Cut also sozusagen). Episode 6 – von Adrienne Friedlaender – ist ebenfalls bereits online. Den Link finden Sie, liebe Blogleser und Innen, unten am Ende von Episode 5. Also:

 

Manchmal, da wird irgendwo, irgendwann und irgendwie, ein Glückskind geboren.

Eines, dem immer alles gelingt. Das viel mehr Schönes als Böses erlebt, das sorgenfrei und elegant durchs Leben tänzelt. Das von sanften Lüften umschmeichelt wird. Dem Talente im Überfluss in die Wiege gelegt wurden, in seine Gene hinein montiert.

Schon von Kind an werden solche Menschen von allen bewundert. In der Schule sind nie sie es, die gemobbt werden, und später dann, an der Uni, sind sie die Lieblinge der Professoren. Im Berufsleben geht ihnen alles leicht von der Hand, sie haben die besten Jobs mit der besten Bezahlung. Sie machen alles richtig und treffen immer den Ton, sind nie kratzbürstig und emittieren grundsätzlich Freude und Frohsinn.

Genau so ein Glückskind war Sinéad MacGowan.

Allein schon ihr Name: pure Musik. Wer in Irland den Vornamen einer berühmten Musikerin des Landes trägt, die alles so singen kann, wie es sonst niemand singen kann, und den Familiennamen eines anderen berühmten Musikers, der trotz Dauerbesoffenheit ein echter Poet ist, der ist auf der sicheren Seite: Trägt man den Vornamen von Sinéad O´Connor und den Familiennamen von Shane MacGowan, kann einem in Irland nichts mehr passieren.

Zu allem Überfluss war Sinéad MacGowan auch noch mit einer Stimme ausgestattet, die es an Engelsgleichheit mit jener Sinéad O´Connors aufnehmen konnte, die aber auch auf rotzig-trotzig zu machen imstande war, wie Shane MacGowan das kann. Melodie und Punk arrangierten sich um Sinéads Stimmbänder zu einem kleinen Weltwunder.

Die Menschen liebten sie, weil sie den Frühling in ihre Leben transportierte. Da auch umgekehrt Sinéad die Menschen liebte, wurde sie Hotelmanagerin. Sie pilotierte ein kleines, feines Schlosshotel am Lough Eske im County Donegal. Sinéad war es wichtig, dass ihre Gäste das Gefühl hatten, nicht in einem Hotel zu nächtigen, sondern bei ihr persönlich eingeladen zu sein, quasi in ihrem Wohnzimmer zu wohnen. So führte sie ihr Hotel. Tagsüber war sie für alle da, abends sang sie in der Hotelbar irische Traditionals.

Was Sinéad weiters besonders gut konnte, war organisieren. Das versteckte Schlosshotel am Lough Leane war unter ihrer Ägide zum Hotspot für Hochzeiten und Feierlichkeiten aller Art geworden. In Braut-Magazinen war sie deshalb immer wieder einmal begehrtes Covergirl.

Unnötig zu sagen, dass Sinéad auch tatsächlich aussah wie ein Covergirl. Pechschwarze Haare, rosenrote Lippen, ein Lächeln wie der Himmel, und ihre Hände besaßen den zärtlichsten Touch, den man sich nur vorstellen konnte.

Moritz hatte richtig schlucken müssen, als Marie und er nach ihrer langen Autofahrt von den Lakes of Killarney in den Norden Donegals herauf  beim Check-In an der Rezeption müde der sprühenden Sineád gegenüber gestanden waren. Er wäre sofort unsterblich in Sinéad verliebt gewqesen, hätte es Marie nicht gegeben. Und Marie ihrerseits fragte sich, ob sie sich wohl Sorgen um Moritz machen sollte. Jedenfalls wunderte sie sich, dass es so eine Traumfrau wie Sinéad überhaupt geben konnte.

Tatsächlich musste sie in den folgenden Tagen registrieren, dass Moritz und Sinéad einen Draht zueinander hatten. Mehr als einmal fand sie die beiden, nachdem Moritz sich aus dem Zimmer verabschiedet hatte, an einem Tisch sitzend, lachend, Magazine durchblätternd. Die beiden verstanden sich blendend. Einmal beobachtete Marie sogar geschockt, wie Sinéad die Kopfhörer ihres Handys aus den Ohren nahm und sie bei Moritz einstöpselte. Diese unerhörte Geste der Nähe gab ihr den Rest.

Marie schmollte, sprach stundenlang kein Wort mit Moritz, stellte ihn dann zur Rede und war bitterböse. Dass er alles abstritt und behauptete, es verhalte sich völlig anders, darüber aber nicht sprechen wollte, machte sie noch wütender. Marie fühlte sich außen vor, von Moritz verschaukelt und der schönen Hoteldirektorin unterlegen.

Was Marie nicht wusste: dass auch Glückskinder eine Schwäche haben. Dass es auch bei ihnen immer etwas gibt, das ihnen nicht gelingen will. Dass das vollkommene Glück solcher Menschen auch von einer Schattenseite begleitet wird.

Sinéads Schattenseite war die Liebe. Es ging ihr, wie es so vielen schönen Frauen geht. Ihre Strahlkraft schreckte feinsinnige, intelligente Männer ab. Keiner von ihnen traute sich die makellose Sinéad zu und hatte den Mut, sein Glück bei ihr zu versuchen. Nur die geistlosen Dummköpfe, die weder sich selbst noch sonst etwas im Leben spürten, wollten bei ihr landen. Sinéad war aber schlau genug, von denen die Finger zu lassen. Also lebte sie ein in Sachen Liebe einsames Leben.

Natürlich hätte auch Moritz, der charmant und gescheit war – sonst hätte er nicht vor Jahren Maries Liebe gewinnen können –, sich nie im Leben getraut, Sinéad nähertreten zu wollen. Daher gab es zwischen ihr und Moritz trotz aller Verdächtigungen Maries in Wahrheit nicht einmal den Funken eines Flirts.

Die beiden hatten einfach nur etwas miteinander zu besprechen.

Denn Moritz hatte seine kleine Notlüge von vor ein paar Wochen aus der Matchmaker Bar in Lisdoonvarna zur Abwehr der heiratswütigen Irinnen, vor allem zur Abwehr der Dicken aus der Rezeption von Berties Hotel, auf eine Idee gebracht. Die Notlüge nämlich, dass er und Marie verheiratet seien – wo sie doch in Wahrheit ein unverheiratetes, allerdings seit Jahren fest verbundenes Paar waren. Zusätzlich hatte ihm Maries offensichtliche Begeisterung für den einnehmenden Bertie den letzten Tritt in seinen Allerwertesten verpasst. Und jetzt hatte er einen Plan.

Marie jedoch, der das nicht klar sein konnte, war außer sich. Sie machte Moritz an ihrem vorletzten Tag im Lough Eske Castle Hotel so die Hölle heiß, dass sie sogar ihre Sachen packte und mit Abreise drohte. Moritz musste all seine Überzeugungskunst aufbieten, sie davor noch zu einem abendlichen Spaziergang an den See zu überreden.

Also schlenderten sie das Ufer entlang, Moritz verlegen und nervös, Marie von Gewitterwolken umtost, bis sie zu einer verwachsenen Wiese unter Bäumen kamen. Ein schöner, romantischer Platz, ein paar hundert Meter vom Hotel entfernt. Ein buntes altes Haus mit einer knallroten Eingangstüre, rot wie die Liebe, stand halb verfallen da und verlieh dem Ganzen eine verwunschene Note. Zwischen Schilf sah man auf den See hinaus.

Marie hatte sich gewundert, warum Moritz einen Bluetooth-Lautsprecher mit sich schleppte. Jetzt, am Ufer, verband Moritz den Lautsprecher mit seinem Mobiltelefon, klickte und wischte, bis er das Lied gefunden hatte, das er suchte: „She moved through the fair“ – ein Trad-Song, in dem Sinéad O´Connor von Liebe, Hoffnung und Zweisamkeit singt. Moritz drückte auf „Play“.

Es gibt in diesem alten irischen Lied eine Textstelle, die lautet:

   „… and she went her way homewards, with one star awake, as the swan in the evening moves over the lake.“

Und genau in diesem Moment, in diesem einen exakten Moment, paddelte ein Schwan aus dem Schilf heraus und schickte sich an, den See zu überqueren.

Marie war sprachlos.

Die schöne Musik, der abendliche See und Moritz´ Beteuerungen, nur sie zu lieben, hatten sie weich gemacht. Der Schwan, wie bestellt, gab ihr den Rest. Sie beschloss, Moritz zu glauben.

Dass der Schwan tatsächlich bestellt war, konnte sie nicht wissen. Auch nicht, dass ein im Schilf versteckter Hotelangestellter seine Mühe hatte, das zahme Tier im richtigen Moment möglichst geräuschlos auf den See hinaus zu scheuchen.

Marie sah dem großen weißen Vogel verträumt nach. Moritz hingegen sah Marie verträumt an. Er wartete auf eine weitere Textstelle, in der es heißt:

   „… and it will not be long, love, ´til our wedding day.“

Und als Sinéad O´Connor das sang, kniete er am Ufer des Lough Leane vor Marie nieder, hielt plötzlich einen silbernen Claddagh-Ring in der Hand und fragte sie, ob sie seine Frau werden wolle.

Marie bekämpfte die Tränen, die mit einem Mal nach draußen wollten. Sie dachte genau eine Hundertstelsekunde nach und sagte:

„Ja!“

Es folgte der veliebteste Kuss, welcher der Überlieferung nach am Ufer des Lough Eske jemals ausgetauscht worden ist. Und am Ufer des Lough Eske wurden schon viele Küsse ausgetauscht.

Im Hotel nahm Sinéad MacGowan, mit der Moritz dieses Procedere in den vergangenen Tagen ausführlich besprochen hatte und deren Idee auch Schwan und Song gewesen waren, das Fernglas vom Gesicht und sagte zu ihrem Chef de Rang:

 Es hat geklappt, es hat geklappt! In einer Viertelstunde sind sie wieder da, los, fangt mit dem Dinner an!

Und die Angestellten beeilten sich, das schönste Verlobungsessen zum Servieren vorzubereiten, das man sich vorstellen kann.

Danach war in der Bar eingeladen, wer sich gerade im Hotel befand, und Sinéad sang. Maries und Moritz´ Verlobung, so klein, so fein und so stimmungsvoll, war wie kaum eine Feierlichkeit im Lough Leane Eske Hotel zuvor. Hoteldirektorin Sinéad, Moritz und Marie saßen dann spätabends, als die Musiker ihr Equipment eingepackt hatten, noch bei einem Jameson zusammen und lachten über Maries bittere Eifersucht. Alles war gut.

Jetzt aber noch: die Musiker.

Moritz hatte einige Tage zuvor den Chef einer Band direkt aus einem Pub der nahen Kleinstadt Donegal rekrutiert, weil ihm die Musik gefallen hatte. Vor allem die Fiddle beherrschte der Mann, Liam, wie kein Zweiter und Singen konnte er auch. Moritz war Liam mit seinen Musiker-Freunden perfekt als Überraschungs-Verlobungsfeier-Musiker geeignet erschienen. Also hatte er sie kurzerhand rekrutiert, um die singende Hotelchefin Sinéad zu begleiten.

Nachdem seine Freunde gegangen waren, hatte Liam sich zu MoMa und Sinéad an den Tisch gesetzt. Liam und Sinéad waren sich noch nie begegnet, obwohl beide Musik machten. Aber Liam, der wegen seiner spanischen Wurzeln Sinéad optisch gar nicht unähnlich sah, war erst vor wenigen Wochen aus Tuam nach Donegal zugezogen. Moritz und Marie stellten die beiden einander vor. Das nun auch formal verbundene MoMa-Paar war dann jedoch bald aufgestanden und hatte sich in seine Verlobungsnacht verabschiedet.

Da wir nun schon beim Thema Liebe sind aber noch folgendes:

Glückskinder sind einfach Glückskinder. Selbst diese eine Schattenseite, die ihre Perspektiven verdunkelt – die bescheint irgendwann einmal doch noch die Sonne. Moritz und Marie, die Verlobten, hatten bemerkt, dass Bertie und Sinéad einander nicht nur optisch und an Talenten ähnlich waren, sondern auch vergleichbar zu ticken schienen. Und als Moritz dann spät in der Nacht noch einmal aufgestanden war, sich nach unten in die Bar geschlichen hatte, um sein vergessenes Handy zu holen, hatte er im Halbdunkel eine Frau und einen Mann sitzen sehen, die einander tief in die Augen sahen und überhaupt den Eindruck erweckten, als wären sie eins. Als hätten sie sich gefunden.

Fest steht jedenfalls, dass der Musiker Liam ab dieser Nacht jeden seiner Pub-Auftritte mit einem speziellen Trad-Song beendete, in dem es heißt: „Black is the colour of my true love´s hair, her lips are like some roses´ fair, she has the sweetest smile and the gentlest hands, and I love the ground whereon she stands“. Und dabei an eine Hoteldirektorin und Musikerin aus der näheren Umgebung dachte.

Sinéad MacGowan ihrerseits war ihre Schattenseite los. Jetzt war sie tatsächlich das perfekte, vollkommene, totale, verliebte Glückskind.

 

Und hier geht´s zur Fortsetzung – Episode 6 von Adrienne Friedländer – einfach klicken.

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